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Mit 81 Jahren gestorben Ex-stern-Politikchef Hans Peter Schütz ist tot – Abschied von einem "liebenswerten Mistkerl"

Portrait Hans Peter Schütz sw
Der stern trauert um seinen früheren Politik-Chef: Hans Peter Schütz
© stern
Die stern-Redaktion trauert. Am Montag ist der frühere Politikchef und Bonn-Korrespondent Hans Peter Schütz gestorben. Ein Nachruf auf einen ganz, ganz Großen.

"Schü-ü-ü-tz." Wenn er sich am Telefon meldete, dann immer mit diesem langgezogenen Vokal. Schüüütz. Der kurze militärisch zackige Nachname bekam dadurch sofort etwas Offenes, Freundliches. Und doch … 

Und doch schwang in diesem eigentlich einnehmend gedehnten "ü" immer auch ein Hauch subtil Bedrohliches mit. Ein Unterton, der seinem Gegenüber signalisierte: Nimm dich in Acht, Freundchen!

Es gibt etliche Politiker, die das nicht sofort begriffen haben. Einige erst zu spät – für sich. Da hatte er sie schon am Haken.

Das erste Mal bin ich Hans Peter Schütz 1986 begegnet. Ich war gerade junger Korrespondent des "Vorwärts" in Bonn geworden. Auf einer Pressekonferenz in der CDU-Zentrale deutete mein damaliger Chef auf einen Endvierziger mit hoher Stirn, mächtiger Brille, noch mächtigerem Schnauzer und noch viel mächtigeren Augenbrauen und sagte: "Den musst du dir merken. Das ist der Schütz von der Südwestpresse. Das ist einer der Unerschrockensten und Unabhängigsten hier."

Er war, aber das lernte ich erst später, noch viel mehr. Hochprofessionell. Belesen. Trinkfest. Neugierig. Immer bestens informiert. Und politisch nicht festgefahren. 1998 schrieb er für einen Wechsel zu Rot-Grün. Sieben Jahren darauf plädierten wir im stern gegeneinander: Ich weiter für Schröder, er für Merkel. Er gewann – und gehörte danach zu den schärfsten Kritikern der Kanzlerin.

Hans Peter Schütz und Hans Ulrich Jörges mit Angela Merkel
Hans Peter Schütz (re.) während einer stern-Veranstaltung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem früheren stellvertretenden stern-Chefredakteur und Leiter des Berliner Büros, Hans-Ulrich Jörges.
© stern

In "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" sagt ein Freund über den verstorbenen Gareth: "Er war der liebenswerteste Mistkerl, den ich je erlebt habe." Das könnte auch ich über Hans Peter sagen. HPS würde das gefallen. Er hatte, wie wir alle, natürlich nichts gegen ehrlich verdientes Lob. Aber er wollte nicht um jeden Preis geliebt werden. Einem ordentlichen Zank ging er nie aus dem Weg. Das galt für Kollegen, Politiker, selbst für Freunde.

Für Menschen, die er mochte, tat er hingegen alles. Er war nämlich auch das: Großherzig. Großzügig. Gelegentlich cholerisch. Und heimlich sentimental. Mit zunehmendem Alter sogar immer weniger heimlich.

Wir brauchten ein wenig, bis wir uns mögen lernten, nachdem wir 1989 fast zeitgleich beim stern gelandet waren. Danach habe ich mit sehr wenigen so gerne zusammengearbeitet wie mit ihm. Er war schnell, er war gescheit, er war verlässlich. Er war streitbar, aber nie nachtragend, mir gegenüber jedenfalls nicht. Mein Gott, was haben wir gebrüllt! Und doch besaß er die Souveränität, sich notfalls von einem 20 Jahre Jüngeren korrigieren zu lassen. Ich habe ihn (selten) gehasst und (sehr, sehr oft) bewundert.

Hans Peter Schütz war Leiter des Bonner stern-Büros, ging als Chef zur Südwestpresse, kam als Politikchef zurück zum stern. Die längste Zeit aber war er Autor, erst in Bonn, dann in Berlin, immer jedoch für Politik. Er war gerne Chef, noch lieber aber war er: Schreiber, Beschreiber, Beurteiler. Bestens informiert und ohne Beißhemmung. Seine Kommentare waren immer: Ja, ja oder Nein, nein. Nie windelweich. Das verabscheute er. 

Es gibt wenige, die so mit Leib und Seele Journalist waren wie der Schütz. Er ging in Rente – und machte einfach weiter. Statt für den stern schrieb er für den jungen online-Ableger stern.de und setzte sich im Café Einstein mit Politikern an den Tresen für eine frühe Digital-Talkshow, die kaum jemand sah. Andere hätten sich geziert. Er nicht. Es machte ihm Spaß. Das war sein Job – und sein Leben.

Er schrieb in dieser Zeit fast täglich. Manchmal mehrfach am Tag. Aus der Ruhe bringen konnte ihn als Journalist fast nichts und niemand (außer dickschädeligen und/oder begriffsstutzigen Chefredakteuren, die mal wieder die Brisanz einer Geschichte nicht erkannt hatten). Ein Klassiker geht so. Chef der Online-Redaktion erreicht Hans Peter auf dem Handy: "XY ist gestorben. Wir brauchen in einer Stunde den Nachruf." Antwort Schütz: "Ich bin gerade auf dem Golfplatz. Ist aber kein Problem. Ich spiel das Loch fertig, fahr heim und dusch schnell, dann schreib ich." Der Nachruf war pünktlich fertig.

Seine größten Momente? Schwer zu sagen, es waren so viele. Vielleicht am 9. November 1989, als er Helmut Kohl hautnah in der Einheitsnacht erlebte. Sicher der tragischste: Ein knappes Jahr später in Oppenau, als er Zeuge des Attentats auf Wolfgang Schäuble wurde, was den Politiker und den Politikbeobachter lange Zeit eng verband; eine Verbindung, aus der Jahre später eine viel beachtete Biografie über Schäuble entstand. Das Interview mit Schäuble und der stern-Titel 1997: "Ein Krüppel als Kanzler? Ja, die Frage muss man stellen." Die Enthüllung über die Lobby-Verstrickungen von Rudolf Scharping, über die der Verteidigungsminister 2002 kurz vor den Wahlen stolperte.

Schü-ü-ü-tz-Highlights. Und stern-Stunden. 

Hans Peter Schütz im Gespräch mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder
Hans Peter Schütz im Gespräch mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder
© stern

Ein besonderer Clou erblickte allerdings nie das Licht der Öffentlichkeit. Die Geschichte und die Wähler hatten etwas dagegen. Bundestagswahl 1998. Wir hatten drei Stunden nach Schließung der Wahllokale Redaktionsschluss. Zu wenig Zeit, um alles aktuell zu schreiben. Also bereiteten wir uns auf jeden erdenklichen Wahlausgang vor. Und Hans Peter brachte Gerhard Schröder dazu, ihm vorab ein Interview für den Fall zu geben, dass er nicht gewinnen würde. Ein unfassbarer Vertrauensbeweis. Heute undenkbar.  Das Manuskript besitze ich noch. Was darin steht? Das nimmt Hans Peter mit ins Grab!

Ich habe ihn in all den Jahren, die ich mit ihm zusammenarbeiten durfte, nie krank erlebt. Nie. Mal eine triefende Nase, okay, aber das war kein Grund, nicht ins Büro zu kommen. Aber ernsthaft krank?

Jetzt ist er gestorben, am Montagabend, an einem verfluchten Scheißkrebs, mit 81 Jahren. "Ich hatte gedacht, Hans Peter passiert das nicht", entfuhr es einem Kollegen, nachdem er die Todesnachricht gehört hatte.

Denn das schien HPS auch zu sein: unkaputtbar. Er war es leider nicht.

Dürfte ich bestimmen, was auf seinem Grabstein steht, fiele mir die Wahl nicht schwer: Hier ruht ein liebenswerter Mistkerl. Und ein ganz, ganz Großer.

Tschüss, Schü-ü-ü-tz. Ich werde Dich vermissen.

wue

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