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Nachruf Wolf Schneider: ein gern attackierender Wörtersezierer

War eine Institution in Sachen deutscher Sprache: Wolf Schneider
War eine Institution in Sachen deutscher Sprache: Wolf Schneider
© DDP
Wolf Schneider hat nicht nur eine Generation Journalisten sprachlich geprägt, sondern auch ein "langes, wunderliches Leben" geführt. Nun ist der "Sprachpapst" mit 97 Jahren verstorben.
Von Peter-Matthias Gaede

Die Nachricht von Wolf Schneiders Tod wird viele Hundert Journalisten persönlich treffen. Denn sie hatten ihn als Lehrer. Und wer ihn als Lehrer hatte, vergisst ihn nicht mehr. Dafür war dieser Journalist ("Neue Zeitung", Nachrichtenagentur AP, "SZ", stern, "Welt"), dafür war dieser Autor von Standardwerken zur Sprache ("Wörter machen Leute", "Deutsch für Profis", "Unsere tägliche Desinformation"), dafür war dieser Sachbuchautor ("Glück, was ist das?", "Die Sieger", "Große Verlierer", "Der Mensch. Eine Karriere"), dafür war dieser Leiter der Journalistenschule von Gruner + Jahr mit jener Nachhaltigkeit ausgestattet, die nur sehr strengen Menschen zu eigen ist.

Wolf Schneider, er war ein gern attackierender Wörtersezierer, der jedwede Gnade etwa gegenüber später Intelligenz oder verträumter Berufsauffassung nicht vor Recht ergehen ließ. Umgekehrt: Recht ging ihm immer vor Gnade. Das Lebensrecht der Grammatik, der präzisen Formulierung, des eindeutigen Gedankens. Er verteidigte es gegen Labbrigkeiten aller Art so verbissen, als sei er im Krieg. Und im Krieg war er auch. Er befand sich zeitlebens im Krieg mit dem Kompromiss. Mit all den undurchdachten Formeln.

Wolf Schneider wollte Deutsch mit Substanz

Er wollte Klarheit. Perfektes Handwerk statt gestammeltes Ideenkonglomerat. Deutsch mit Substanz statt Anglizismen ohne. Journalismus statt Marketing. Konkretion statt "Man müsste mal". Recherche statt Behauptung. Spitze statt Glätte.

Wolf Schneider war die denkbar schärfste Antithese noch zum geringsten Hauch von Waldorfschule. Und noch bei der Laudatio auf sein Lebenswerk, für das er 2011 mit dem Nannen Preis geehrt wurde, im Jahr darauf gleich noch einmal vom "Medium Magazin", achtete der Redner darauf, nicht zu kitschig zu werden. Obwohl Wolf Schneider für Lob durchaus empfänglich war, solange es nicht daherkam wie ein Erich-Fried-Gedicht.

Lob nur knapp und hart

Wer Wolf Schneider loben und gedenken will, tut das gefälligst knapp, hart, unter Vermeidung überflüssiger und/oder sinnfrei eingesetzter Adjektive. Es gibt den Verkäufer warmer Würstchen. Nicht aber, es sei denn, er gehöre einer ebenfalls akzeptierten sexuellen Orientierung an, den warmen Würstchenverkäufer. Mit solchen heute politisch inkorrekten Aussagen pflegte Wolf Schneider Jahrgang um Jahrgang von Journalistenschul-Aspiranten zu frappieren. Und dass es verquer sei, von einem elterlichen Haus zu sprechen, es sei das Elternhaus.

Aber da gab es ja weit mehr Orte, an denen er als Erziehungsberechtigter agierte, vor und nach der Journalistenschule, die er immerhin 16 Jahre leitete. Da waren die legendären Lehrwerke für alle, die ihre Kommata nicht mit der Schrotflinte in Manuskripte schießen wollten, da waren die substanziellen Belehrungen zu Menschheitsthemen in Buchform. Da waren die bleibenden Reportagen über Wendemarken der Weltgeschichte.

Dozent an allen Journalistenschulen

Und da waren die NDR-Talkshows mit ihm als Moderator, die er allein ihres Namens wegen hätte hassen müssen: diese Rede-Schauen, in denen gutes Deutsch selten zu den Primärtugenden der Beteiligten zählte. Da waren all die Lehraufträge an so gut wie jeder – nein: an jeder – nennenswerten Ausbildungsanstalt für Journalisten zwischen Hamburg und fast Haiti. Und da waren die ambitionierten Versuche, dem Management diverser Firmen den Irrglauben auszutreiben, die Verwendung englischer Begriffe aus dem Erste-Hilfe-Kästlein des Marketings verleihe Plattheiten tiefere Bedeutung – etwa, wenn aus einer Erkenntnis ein learning geworden war, aus einer ärmlichen Protokollnotiz ein leave behind.

Wie war er zu erleben, dieser Mann? Als Charakter aus Granit, als ein Purist und Reinlichkeitsfanatiker, als ein Überzeugungstäter, als ein nimmermüder Lehrmeister im Misstrauen gegenüber vermeintlichen Gewissheiten, als ein Feind des journalistischen Herdentriebs, als Bekämpfer undurchdachter Skandalisierungen. Als Stachelschwein im Wattezoo der Laberer.

Eine ganze Journalistengeneration geprägt

Und immerhin hatte ja fast eine ganze Journalistengeneration diese Begegnung. Er hat geprägt. Er hat aberhunderte Menschen mit besten Vorsätzen in die Niederungen des real existierenden Journalismus entsandt, auf dass sie dort möglichst lange der Neigung widerstehen sollten, aus schierer Bequemlichkeit zum unpersönlichen man und zum schlechten Wetter zu greifen, wenn doch hinter jedem man eigentlich ein konkreter Täter zu identifizieren sein könnte, und schlechtes Wetter die verbale Hartz-4-Version von saukaltem Dauerregen bei Blitz und Donner ist.

Blähwörter und Flachdeutsch, quietschbunte Girlie-Vokabeln und Soziologenslang, Superlativ-Delirien und sprachliche Plumpssäcke, Sprechblümchen und Leideform, von Bergen grüßende Burgen und orangene Revolutionen, das Stattfinden und das Durchführen, der Bilderbuchwald, das Märchendorf, der Traumstrand – sie alle hatten, wie die finster schauenden Denkmäler, das hinterletzte Zimmer mit Aussicht und das nächste Objekt der Begierde in den Augen des Wolf Schneider ein Guantanamo-Erlebnis verdient. Ja, zu Recht. Denn es waren und sind ja diese Klischeefragmente und Formulierungen, welche die Verzweiflung auf dem Sklavenschiff der Redigierer Jahr für Jahr erhöhen. Und den Ruf nach Wolf Schneider nie werden verhallen lassen.

Wissen im Kopf statt im Internet

Denn auch wenn er mit dem Attribut des "Sprachpapstes" belegt worden ist – es ging ihm ja längst nicht nur um Handwerk, er verlangte Distanz und Skepsis von den Journalisten. Er verlangte Wissen von ihnen. Allgemeinbildung. So empfahl er einem, der behauptete, diese könne man doch mittlerweile ähnlich leicht von Wikipedia beziehen, wie man eine Erdnuss knacke, dann doch lieber die ja auch sehr wertvolle Laufbahn eines Erdnussfarmers anzustreben. Und einem, der meinte, man könne sich Wissen heutzutage rasend schnell per Knopfdruck beschaffen, beschied er, noch schneller sei es, das Wissen im Kopf zu haben.

Weil: Einer muss sich anstrengen, war Wolf Schneiders Credo, der Journalist oder der Leser. Sein Vorschlag: Der Journalist sollte es sein.

Wolf Schneider stand für eine ungeheure Anstrengung. Natürlich hat er andere angestrengt. Aber wohl zuerst immer sich selbst. Eine gewisse Chuzpe war ihm dabei zu eigen, gewissermaßen der Kollateralgewinn des Tüchtigen. Er war eine Probe für jeden, der ihm begegnete: Wer ihn aushielt, wurde stärker. Und wer stark genug geworden war, auch durch ihn, der konnte dieses Gefühl genießen, diesen eigentlich unnahbaren Mann durchaus zu mögen. War er ein Konservativer, gar dabei, aus der Zeit zu fallen mit allen seinen Sekundärtugenden wie Fleiß, Aufmerksamkeit, Ordnung, Betragen? Mag sein, aber genau auch das machte ihn so wertvoll.

Erinnern mit Hochachtung und Dankbarkeit

Im Alter von bald 88 Jahren entschied sich Wolf Schneider schließlich, in eine Art Vorruhestand zu gehen. Allerdings mit einem Buchvertrag über ein Werk von vielen hundert Seiten, woraus dann "Hottentottenstottertrottel" wurde, eine Rückschau auf sein "langes, wunderliches Leben". Aber erwähnte einer das Wort Ruhe in seinem Zusammenhang, huschte ein kleiner Schatten über sein Gesicht. Ruhe? Das war für Wolf Schneider eine dumme Ableitung von Entspannung.

Entspannen? Mochte er überhaupt nicht. Sein Wort blieb bis zuletzt: Spannung.

Und an diesen spannenden Menschen erinnern wir uns mit Hochachtung und Dankbarkeit. Es wird so einen wie ihn nicht mehr geben.

tkr

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