Die Medienkolumne Herr Kenntemich kann nicht kommentieren


Obwohl er vielen Zuschauern längst auf die Nerven geht, genießt der "Tagesthemen" - Kommentar in den ARD-Sendern besondere Aufmerksamkeit. Er soll subjektiv, klar und meinungsstark sein. Leider kann nicht jeder, der es tut, gut kommentieren. Besonders einer nicht: der Chefredakteur des MDR.
Von Bernd Gäbler

Vorfahrt für Chefredakteure. Chefredakteure gehen vor. Fast immer, wenn er will, darf Wolfgang Kenntemich, Chefredakteur des MDR, deshalb auch kommentieren. Manchmal, besonders in den Sommermonaten, muss er sogar ran, weil viele Chefredakteurskollegen im Urlaub sind. Das Thema und der Kommentator werden in der mittäglichen Schaltkonferenz der ARD-Sender bestimmt - von der Sendungs-Kritik am Tag danach ist er allerdings ausgenommen. Mal entscheidet man sich für Fach-Kommentare, dann spricht zum Beispiel der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über die Vogelgrippe, meist aber sind Generalisten gefragt. Chefredakteure stechen Ressortleiter aus. Nur bei gleichem Rang in der Hierarchie kann es zu Kampfabstimmungen kommen. Das wird meist durch Telefonate vorab vermieden.

Der Kenntemich-Sound

Wenn der MDR-Chefredakteur abends in unsere Wohnzimmer spricht, entfaltet er stets einen besonderen Sound. Es soll hier gar nicht um seine Meinung gehen, sondern um seinen Gestus und seine Sprache. Er schaut ernst und klingt so:

"Glückliches Deutschland? Also ein bisschen Freuen ist durchaus berechtigt. Die bisher maßvollen Tarifabschlüsse haben deutsche Unternehmen wieder wettbewerbsfähig gemacht und viele machen sogar satte Gewinne. Und weil wir Arbeitnehmer den Gürtel enger geschnallt haben (...) . Also: "Her mit der Kohle!", denken sich nicht nur die Lokführer. Der Beifall scheint beiden gewiss: den Politikern, die mit sozialen Wohltaten die Stimmung beim Wähler aufbessern wollen, aber auch den Arbeitnehmern,(...), die jetzt nach dem großen Schluck aus der Pulle dürsten. Aber weder der Silberstreif am Konjunkturhimmel noch der wachsende Zuspruch für Sozialromantik à la Lafontaine sollten uns täuschen: (...) der globale Wettbewerb bleibt knallhart und viele Unternehmen haben längst nicht alle Schularbeiten gemacht." (Tagesthemen vom 5. Juli)

Vielleicht hatte er ja wenig Zeit, vielleicht weigert er sich, einen sprachbegabteren Kollegen gegenlesen zu lassen - aber man muss nicht so pingelig sein wie Wolf Schneider, um zu erkennen: hier ist ein Phrasenkönig am Werk.

Immer ist der Wettbewerb knallhart, sind die Gewinne satt - selbst vor dem Schluck aus der Pulle und dem Silberstreif am Horizont scheut er nicht zurück.

Auch für das "Blutbad in der Roten Moschee", das in Pakistan stattgefunden hat, greift er kommentierend in die bereitstehende Kiste gängiger Begriffe:

"Die Besetzung der Roten Moschee war in Wahrheit ein Fanal. Die Atommacht Pakistan ist längst zum gefährlichen Pulverfass geworden. Der Staatschef in Generalsuniform als Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird. (...) Die Lunte am Pulverfass Pakistan glimmt weiter." (Tagesthemen vom 11. Juli)

Schlechte Formulierungen sind keine Ausrutscher

Zum Glück bleiben die Kommentare ja neuerdings im Internet erhalten. Da merkt man: Das ist nicht schlechte Tagesform, es sind keine einmaligen Fehltritte. Gegen soziale Wohltaten poltert Herr Kenntemich in seinem Starkdeutsch sogar, wenn es gerade um den Schießbefehl geht. Da zeigt der ärgerliche Kommentator auch, wie gerne er die rhetorische Figur verwendet, die Wolf Schneider den "fünfstöckigen Hausbesitzer" nennt. Bei ihm ist es nicht das Haus, aber der Balken tut es auch.

"Es ist schon ein Skandal, wie ausgerechnet am Tag des Mauerbaus vor 46 Jahren über den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze diskutiert wird. Da wird wieder relativiert, heruntergespielt, beschönigt oder gar geleugnet, dass sich die historischen Balken biegen." (Tagesthemen vom 13. August)

Wenn einer zufrieden ist, ist er bei Herrn Kenntemich "mehr als zufrieden", wenn ihm etwas recht ist, ist es ihm selbstverständlich "mehr als Recht" (ebd.).

Unterhalb von Skandal ergreift Herr Kenntemich übrigens gar nicht erst das Wort.

Wenn in Afghanistan Bundeswehrsoldaten getötet wurden, beginnt Herr Kenntemich so:

"... steht vor allem eines fest: Wir können und dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen!" - (ach !) Er findet den Bundeswehreinsatz richtig und möchte, dass er fortgesetzt wird - "aber das ist nicht zum Nulltarif zu haben" (wer hätte das gedacht !). Warnend spricht er auch zu den Gegnern seiner Meinung: "Wenn wir alle auch nur einen Funken von Verantwortung und Moral verspüren". (alle Zitate: Tagesthemen vom 21. Mai) In ihm lodern diesbezüglich nämlich Feuer!

Kraftvolle Worte kaschieren mangelnden Inhalt

So liebt es Herr Kenntemich, mit großen Worten offene Türen einzurennen. Damit nicht genug. Meist glaubt er, es gehöre zu einem politischen Kommentar, auch recht konkrete politische Vorschläge zu machen. Manchmal ahnt er, dass diese Vorschläge so großartig nicht sind - umso kraftvoller werden dann die Worte:

"Angesichts der zunehmenden terroristischen Bedrohung braucht die Bundesregierung dringend einen Masterplan, der Risiken und Perspektiven des Einsatzes benennt." (TT vom 21. Mai)

"Damit Afghanistan nicht vollends im Chaos versinkt, muss dringender denn je ein deutliches Signal gesetzt werden: eine neue Afghanistan-Konferenz ist überfällig." (TT vom 2. August)

Nun: Masterplan und Konferenz sind deutliches Signal und überfällig, aber andererseits gilt - mit Kenntemich - stets auch: "Alles Lamentieren und Konferieren wird am Ende nichts nützen, wenn wir das eigentliche Problem nicht lösen." (TT vom 23. August zu Mügeln)

Und so zieht Herr Kenntemich die Lehre aus Mügeln: "Jeder von uns muss sich engagieren mit Mut und Zivilcourage gegen jede Form von Gewalt." (TT 23. August) Wo er recht hat, hat er eben mehr als Recht.

Der Chef

Ob er ein guter Chefredakteur ist, wissen wir nicht. Es mag sein, dass er im Sender die richtigen Entscheidungen trifft, die richtigen Leute mit den richtigen Aufgaben betraut und tolle Vorlagen für seine Gremien schreibt. Womöglich ist er ein sehr agiler Entscheider. Wir urteilen nur aus Zuschauerperspektive über das, was wir sehen. Und da ahnen wir: dieser Chefredakteur will kein Weichei sein.

Die Sprache

Der Sprache des Kommentierenden merkt man an, was sie unbedingt sein möchte: kraftvoll und selbstgewiss. Dass da einer eine feste Meinung Millionen Zuschauern vorträgt, macht ihn nicht schüchtern oder demütig. Nie ist die Sprache tastend, abwägend, vorsichtig oder elegant. Man kann in Kommentaren auf Widersprüche hinweisen, eine Haltung vorschlagen, etwas zur Diskussion stellen, zum Nachdenken anregen. So ein Kommentar muss deswegen nicht kraftlos werden. Es kann darin sogar eine Leichtigkeit verborgen sein. Wolfgang Kenntemich aber spricht seine Kommentare als seien sie Dekrete.

Die Mimik

Zur Sprache passt die Mimik. Der Mann ist immer ernst. Mehr noch: ernst und eindringlich. Er guckt uns an, als breite sich gerade eine Giftwolke über ganz Deutschland aus und wir müssten sofort Türen und Fenster schließen. Dabei reicht es, den Ton abzudrehen. Man sollte die Transkripte der Kommentare des Herrn Kenntemich in der Volontärsausbildung einsetzen: zur Abschreckung.


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