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stern-Kolumne "Winnemuth": Unter Würstchen

Wir alle träumen davon, mit uns im Reinen zu sein. Aber wehe, einer ist tatsächlich rundum zufrieden mit sich. Den kriegen wir schon klein!

Von Meike Winnemuth

Jeder kennt das Gefühln einfach nicht gut genug zu sein

Jeder kennt das Gefühln einfach nicht gut genug zu sein

Einer der Gründe, warum ich Sie jede Woche an dieser Stelle zutexten darf, ist gerade 90 geworden: Wolf Schneider, der als langjähriger Leiter der Henri-Nannen-Schule im Lauf der Zeit gut 300 Journalistenschüler getriezt hat, unter anderem mich. Was haben wir die Fäuste geschüttelt gegen den Mann! Wie haben wir uns dagegen gesträubt, dass er uns das Verquaste auszutreiben suchte, das Bürokratendeutsch, die Adjektive!

Der Treibstoff dieser Ausbildung war oft blanker Schülertrotz: dass man's kann, dass man’s besser weiß, dass man den verdammten Berserker - so bezeichnet Schneider sich selbst - halbwegs überlebt. Am Ende hatte er gewonnen, und wir waren die Sieger: kaum eine deutsche Redaktion, in der nicht irgendwo ein Schneider-Zögling hockt, oft an exponierter Stelle. Wenn also dieser Tage überall Geburtstags-Interviews und Rezensionen seiner Autobiografie "Hottentottenstottertrottel" erscheinen (die ich nachdrücklich empfehle, vor allem für den leserfreundlichen Einfall, dass man sich nicht erst durch 20 Jahre Kindheit und Jugend quälen muss, bevor es interessant wird), dann meist verfasst von Ehemaligen, die dem Meister heute Kränze flechten - mit mehr oder minder gut versteckten Dornen.

Tief drinnen sind wir alle Würstchen

Denn fast immer geht es dabei auch um Schneiders korrosionsgeschütztes Selbstbewusstsein. In der "Welt am Sonntag" wurde er unter der Überschrift "Mein Gott, ich kann so viel" befragt, warum er so gern den Kotzbrocken gebe, ob er Selbstzweifel kenne ("Nein. An mir zu zweifeln ist mir mein Leben lang nicht eingefallen. Die anderen sind die Idioten"), ob das Streben nach Höchstleistung möglicherweise Kompensation einer Schwäche sei. Interessant daran ist nicht Schneiders Antwort ("Ich kenne mein Selbst so wenig wie Sie das Ihre. Es ist mir auch völlig egal"), sondern das rührende Bemühen, den Kerl doch noch kleinzukriegen.

Ihn doch noch zu einem Eingeständnis von Verfehlung und Versagen zu nötigen, zu Bescheidenheit und Selbstkritik. Wäre doch gelacht, wenn der nicht auch eine Sollbruchstelle hätte! Daraus spricht die Grundüberzeugung unserer überpsychologisierten Zeit: Tief drinnen sind wir alle Würstchen, auch wenn wir uns als Festtagsbraten geben. Nö. Der nicht. Fast schon provokant, wie einverstanden er mit sich ist. Und da wird es spannend, denn sich selber super zu finden, so dreist und unverdrossen: Das geht gar nicht. Das findet man zutiefst unsympathisch.

Die nölige Stimme in uns, die uns einhämmert, wir seien nicht gut

Dabei ist es doch eigentlich verrückt, oder? Wir setzen alles daran, jenen paradiesischen Zustand zu erreichen, in dem endlich die kleine nölige Stimme in uns schweigt, die uns einhämmert, wir seien nicht gut genug für diese Welt, für dieses Leben. Macht uns aber einer vor, dass man ohne diese Stimme recht gut und sogar besser über die Runden kommt, hat er verschissen.

Alle Glücksratgeber in Büchern und Zeitschriften lassen diesen einen Punkt aus: Was, wenn man sie erreicht hat, die Zufriedenheit mit sich? Darf man dann noch unter die Leute? Es gibt eine interessante psychologische Übung, bei der Menschen gebeten werden, ausschließlich Positives über sich zu sagen. Während Selbstbeschimpfungen flüssig über die Lippen gehen, verstummt in diesem Fall nahezu jeder: "Ich bin ... öhm ..." Das Gute an uns selbst wahrzunehmen, geschweige denn auszusprechen - irgendwer hat's uns ausgetrieben. Eine Scheibe Schneider könnten wir uns also alle abschneiden. Muss ja nicht sehr dick sein.

Und deshalb: Herzlichen Glückwunsch, Wolf Schneider. Es war nie langweilig mit Ihnen. Und danke, dass Sie selbst mit 90 noch so vorbildlich enervierend sind.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern Dieser Text wurde im Heft Nr. 21 veröffentlicht.

Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?