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stern-Kolumne Winnemuth Leiden am Luxus

Wir quälen uns mit Problemen, die 95 Prozent der Weltbevölkerung gern hätten. Manchmal ist das sehr lustig, oft aber auch schlicht beschämend.
Von Meike Winnemuth

Meist halte ich mich in Supermärkten unverantwortlich lange vor den Regalen mit Junkfood auf, mit Knabberzeug und Süßigkeiten. In letzter Zeit hat sich die Verweildauer eher noch erhöht, weil ich so fasziniert bin vom Phänomen der Vergourmetisierung dieses Schrotts. Es gibt kaum noch normalsterbliche Kartoffelchips mit Salz und/oder Paprika, stattdessen kommt das Zeug in edelmatten Tüten daher und in immer irreren Geschmacksrichtungen: mit karamellisierten Zwiebeln und Balsamico, Grillhähnchen und Thymian, geräuchertem Monterrey-Chili und Ziegenkäse, mindestens aber mit Meersalz und gestoßenem Pfeffer.

Die Kartoffeln sind aus regionalem Anbau ("nur von bester Qualität aus den Regionen Lüneburger Heide, Oberpfalz und Niederbayern") und werden mit Schale in Scheiblein gehobelt, anschließend zärtlich durch Öl aufrechter deutscher Sonnenblumen gerührt und als Hof- oder Kessel- Chips für das Doppelte des normalen Preises vertickt. Oder für das Vierfache, wenn sie "mit schwarzen Trüffeln" (= einer Prise künstlichen Trüffelaromas) verfeinert sind.

Probleme, die andere gerne hätten

Der Trend, das Banale zum Luxusprodukt aufzumotzen, hat vor ein paar Jahren mit Edel-Currywurst begonnen, dann den Limonadenmarkt umgekrempelt und ist über Manufaktur-Spaghetti längst im Schokoladenregal angekommen, wo Jahrgangs- und Plantagenschokolade - pardon: Chocolade -, natürlich nur aus besten Criollo-Bohnen mit geringem Anthocyan-Gehalt, für locker vier bis sechs Euro pro Täfelchen weggeht. Das neue Ding in den Coffeeshopketten ist derweil Cold Brew: mit kaltem Wasser aufwendig extrahierter Filterkaffee. Unstillbar ist der Hunger auf immer neue Sensationen, und kaum möglich ist es offenbar, dem Druck standzuhalten, sich mit dem Kauf des absurdesten Zeugs als etwas Besseres zu fühlen.

Dieser Zwang zur Distinktion wirkt so angestrengt wie anstrengend. All das ist natürlich ein klassisches FWP, ein First World Problem, wie das in den sozialen Medien immer lässig abgemeiert wird. Also ein Thema, mit dem man sich lediglich als wohlhabender Bewohner der westlichen Staaten beschäftigt, ein Luxusproblem, das 95 Prozent der Weltbevölkerung rasend gern hätten.

80 Prozent meiner Probleme sind irrelevant

Im Netz finden sich seitenlange Sammlungen solcher FWPs, Jammereien auf höchstem Niveau, hart an der Grenze zur Satire und oft darüber hinaus: "Der Film im Flugzeug war länger als der Flug, und ich habe das Ende nicht gesehen." - "Mein iPhone ist runtergefallen und hat das Display von meinem iPad zerbrochen." - "Ich hasse meinen Job, aber ich verdiene zu viel, um einen Jobwechsel zu rechtfertigen." Das ist natürlich rasend lustig zu lesen - bis man anfängt, darüber nachzudenken, wie viele der eigenen Marotten und Meckereien sauber ins Genre FWP passen. Wenn ich mir selbst so zuhöre, würde ich schätzen: Selbst jenseits dieser kleinen Kolumne hier, die mich ja von Berufs wegen zur Beschäftigung mit Phänomenen wie eingebildeter Lebensmittelunverträglichkeit oder dem Daseinszweck der Apple Watch verdammt, sind sicher immer noch 80 Prozent meiner Probleme irrelevant bis beschämend.

Immerhin: Noch merke ich es. Noch ärgere ich mich, über mich und über andere. Kurz ins Kotzen kam ich, als ich neulich auf Facebook die Frage las, ob man denn jetzt noch guten Gewissens Urlaub am Mittelmeer machen dürfe, nachdem doch so viele Flüchtlinge darin ertrunken seien - unfassbar, wie gut wir darin sind, sogar aus einer solchen humanitären Katastrophe ein First World Problem zu machen. Wenn es doch bloß gelänge, es ein kleines bisschen weniger schlimm zu finden, unverdienterweise Bewohner dieser First World zu sein.


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