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stern-Kolumne Winnemuth Höchste Zeit für Unsinn


Wann sind wir endlich alt genug, um uns nicht mehr um die Zukunft zu sorgen? Es gibt doch noch so viele Fehler zu begehen!
Von Meike Winnemuth

Als Leonard Cohen 80 wurde, zündete er sich erst einmal eine Zigarette an. Mit 50 hatte er das Rauchen aufgegeben, aber mit 80, das hatte er in vielen Interviews angekündigt, wollte er wieder anfangen. "Am liebsten eine türkische oder eine griechische" hatte es sein sollen. In seiner Fantasie sollte eine Schachtel von einer Krankenschwester in weißer Uniform auf die Bühne gebracht werden, auf einem Silbertablett. "30 Jahre habe ich davon geträumt."

Das Einzige, was ich daran nicht verstehe: erst mit 80? Warum nicht schon mit 70? Wann ist der richtige Zeitpunkt, endlich zu tun, was man will, weil’s jetzt echt nicht mehr drauf ankommt? Wann darf man endlich das vernünftige Leben in den Sack hauen, die vorausschauende, verantwortungsvolle Altersvorsorge-Existenz mit Sparplänen, mit moderatem Essen und moderatem Krafttraining und moderatem Alkoholgenuss?

Angela Merkel für 32 gehalten

Mit anderen Worten: Wann darf man endlich von der Sorge um die Zukunft auf den Genuss der Gegenwart umschalten? Im Film "Little Miss Sunshine" sagt Alan Arkin, der für seine Nebenrolle als heroinsüchtiger Großvater einen Oscar kassierte: "Wenn man jung ist, wäre man verrückt, mit Drogen zu experimentieren. In meinem Alter wäre man verrückt, es zu lassen." Dass man nur einmal lebt: Wird einem das am Ende klarer als am Anfang?

Grund für mein Rumoren ist eine alberne kleine Website, die Microsoft letzte Woche vorstellte und die seitdem zur Internetdroge geworden ist: how-old.net, eine Gesichtserkennungssoftware. Man lädt ein Foto hoch oder gibt, falls schon Porträtbilder im Netz kursieren, den Namen ein – und bekommt gesagt, wie alt man aussieht. Der zugrunde liegende Algorithmus scheint derzeit noch Amok zu laufen: Bei mir war alles von 37 bis 74 dabei (im Juni werde ich 55).

Besonders aufschlussreich fand ich, dass drei Fotos, die alle beim selben Shooting vor einigen Wochen entstanden sind, auf 49, 56 und 68 Jahre geschätzt wurden. Auf dem 49-jährigen lächele ich, das scheint also jung zu machen. Kann man sich schon mal merken. Tröstet aber auch nicht darüber hinweg, dass Angela Merkel für 32 gehalten wurde.

Gefühltes Alter unterliegt Schwankungen

Das Alter ist eine komplett unkalkulierbare Größe geworden. Immer egaler scheint zu sein, was im Personalausweis steht, immer mehr geht es um das gefühlte Alter, das allerdings erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Die österreichische Schriftstellerin Lotte Ingrisch, 84, stellte neulich in einer Talkshow die hübsche These auf, man habe zu jeder Tageszeit ein anderes Alter. Wie alt sie sich denn gerade fühle, es war Mittag? "37." Ich finde es sogar noch komplizierter: Teile von mir altern unterschiedlich schnell.

Mein Kopf ist knapp 40 (gelegentlich auch 14), mein Herz ist 39 (sagt mein Kardiologe), meine Knie sind 61, meine Ellenbogen 83. Mein Hals wiederum ist schon seit 30 Jahren 55, der kommt langsam bei sich an. Was die Antwort auf die Ausgangsfrage umso schwieriger macht: Wann darf man aufhören, sich zusammenzureißen? Ich bemerke schon in meinem Alter gewisse Erosionserscheinungen – keine körperlichen, die sowieso, sondern disziplinarische.

Die nächste Zigarette mit 90

Die Beherrschung bröckelt, der Glaube an die Spielregeln auch, die Unruhe wächst. Es ist Zeit, allerhöchste Zeit für all den Unsinn, den ich mir bislang verkniffen habe. Die Uhr tickt, es sind einfach noch so viele Fehler zu begehen, zu denen ich bisher nicht gekommen bin.

Denn wenn man es zu lange aufschiebt, ist er einem vielleicht unterwegs abhanden gekommen, der Spaß und der Genuss. Leonard Cohen jedenfalls, befragt, wie seine erste Zigarette nach 30 Jahren denn so war, sagte: "Hat mir nicht geschmeckt. Vielleicht versuche ich es wieder mit 90."

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien im Heft Nr. 20.


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