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stern-Kolumne "Winnemuth" Ist gerade ganz schlecht

Man müsste sich unbedingt mal wieder sehen – aber bitte nicht jetzt! Wir haben so viel Zeit wie nie und beklagen doch hektisch ihren Mangel.
Von Meike Winnemuth

Alle wieder da? Alle wieder ansprechbar? Wir befinden uns ja gerade in einer der raren Wochen des Jahres, in denen nichts los ist (und mir ist klar, dass Journalisten die Finger von solchen Behauptungen lassen sollten, es kann ja jederzeit wieder … aber lassen wir das). Alle sind aus den Osterferien zurück, die Skisaison ist vorbei, Los Brückentag-Wochos mit 1. Mai, Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam liegen noch vor uns – man kann sich also mal wieder trauen, Leute anzurufen und eine Verabredung einzutüten, ohne zu hören: "Nee, du, das ist gerade ganz schlecht."

Grob geschätzt ist es in circa 40 Wochen des Jahres gerade ganz schlecht. Im Januar erholen sich alle von Weihnachte oder sind damit beschäftigt, für zwei bis drei Wochen ihre guten Vorsätze (mehr Sport/weniger Spaß) in die Tat umzusetzen. Februar/März/April: Skifahren/Karneval/Ostern. "Sieben Wochen ohne" und deshalb keine Trink- oder Essverabredungen. Mai: siehe oben. Juni: Da ginge was. Juli/August: Hauptferienzeit, keiner ist da – zumindest gibt es keiner zu, da zu sein. Im September sind die weg, die im Juli/August Urlaubsvertretung gemacht haben. Oktober: Da fände sich irgendwie ein Termin, bestimmt. Im November erhöht sich allmählich die Jahresendschlagzahl, und im Dezember: nee, also echt nicht, Weihnachtsfeiern, Geschenke, Vorbereitungen et cetera. Wir müssen unbedingt mal wieder, aber derzeit? Ganz schlecht.

Kollektive Temporalhypochondrie

Hat man sich dann glücklich auf einen Monat und gar eine Woche geeinigt, bleibt noch die entscheidende Hürde: der Tag. Sonntag, klar, geht schon mal gar nicht wegen "Tatort". Die traditionellen Feiertage Freitag und Samstag sind reserviert für Date Nights oder Dinnerpartys. Donnerstag ist unterhalb einer gewissen Altersgrenze der neue Freitag. Montag ist traditionell der Tag der Stammtische: Der Buchklub trifft sich am ersten Montag im Monat, die Mädelquatschgruppe am letzten. Bleiben Dienstag und Mittwoch, und da ist entweder Yoga oder Doppelkopf oder Elternabend. Und wenn man sich glücklich auf einen Termin geeinigt hat, passiert garantiert kurzfristig etwas, das alles wieder zum Einsturz bringt.

Dass alle im permanenten sozialen Ausnahmezustand zu leben scheinen, ist umso verwunderlicher angesichts der einschlägigen Zahlen, die jüngst wieder kursierten: Laut einer Studie ist Deutschland europaweit ungeschlagen in der Kombi hohes Gehalt/Urlaub. 39 freie Tage hat der Durchschnittsdeutsche, plus 104 Tage Wochenende = macht knapp 40 Prozent des Jahres Freizeit. Eigentlich. Und trotzdem wird das allgemeine Gestöhne lauter, die gefühlte Gehetztheit größer. Wir haben so viel Zeit wie nie und beklagen so schrill wie nie ihren Mangel – Diagnose: kollektive Temporalhypochondrie.

Bloß noch Termine abhacken

Ich war neulich zu einem harmlosen beruflichen Kennenlern- Mittagessen beim Italiener verabredet, der Termin war sechs Wochen vorher verabredet worden und wurde, je näher er rückte, desto frenetischer verschoben. Mal einen Tag früher, dann wieder später, dann eine Stunde später. Als wir uns endlich gegenübersaßen, jeder auf der vorderen Stuhlkante einen Teller Nudeln runterschlingend, dachte ich: Was soll das? Was bringt das – außer dem Gefühl, einen weiteren Termin abgehakt zu haben?

Keine Ahnung, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen. Per freiwilliger Selbstkontrolle vielleicht: nur noch spontane Verabredungen, nichts, was über eine Woche hinausgeht. Können wir mal darüber reden? Ich könnte zum Beispiel gut nächste Woche. Montag habe ich schon was, Dienstag ist schlecht, Mittwoch ganz schlecht, Samstag geht gar nicht, aber sonst: immer.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.


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