"Art Forum Berlin" Der Kunstmarkt schnauft durch


Glänzende Vernissagen, schicke Empfänge, heiße Partys: Wenn die Messe "Art Forum Berlin" läuft, brodelt die Stadt. In ihrem zwölften Jahr hat sie es geschafft, zu einer Institution zu werden. Preislich zeichnet sich in diesem Jahr eine Konsolidierung ab.
Von Anja Lösel

Die Kunstwelt trifft sich derzeit in Berlin: Sammler, Museumsleute, Galeristen und jede Menge Neugierige strömen zum Art Forum Berlin in die deutsche Hauptstadt. Wer hier Millionenbilder sucht, ist allerdings fehl am Platz. Auf dem Art Forum geht es um junge Kunst, um Experimente und Entdeckungen. Mit ein wenig Spürsinn kann man die Stars von morgen finden. 480 Galerien wären diesmal gern dabei gewesen, so viele wie nie zuvor. Nur die 136 besten durften mitmachen, sie kommen aus 23 Ländern und zeigen Werke von rund 2100 Künstlern.

Den schönsten Stand hat die Galerie Eigen + Art. Ihr Besitzer Judy Lybke setzt ganz auf elegantes Schwarz und Weiß. Einst machte er den Künstler Neo Rauch zum Weltstar und Bilder der "Leipziger Schule" zu einem begehrten Sammlerobjekt. Diesmal aber kommt er ganz ohne Malerei aus Leipzig aus. Drei große Waldbilder der Israelin Yehudis Sasportas, das Stück zu 30.000 Euro, bestimmen den Stand. Dazu gibt's es spröde Werke der Brüder Olaf und Carsten Nicolai und, ganz klein in der Ecke, sechs Lithografien von Neo Rauch. Vorbei die Zeit der riesigen, bunten Rätselbilder? Nein, das nicht. Aber der Künstler muss mal durchatmen, der Markt auch.

Kinderbilder bekannter Fotografen

Ähnlich attraktiv: der Stand des Fotogaleristen Rudolph Kicken. Mit berühmten Pressebildern wie den Kindern von My Lai oder der Atombombenexplosion lockt er die Besucher. Und mit seiner Sammlung von Kinderbildern bekannter Fotografen wie August Sander oder Otto Steiner deutet er dezent darauf hin, dass auch im Hause Kicken demnächst Nachwuchs erwartet wird.

Das teuerste Gemälde auf dem Art Forum Berlin kostet 560.000 Euro und ist ein kleines, abstraktes Werk von Gerhard Richter (Galerie Springer und Winkler). Das größte und auffälligste Bild füllt den gesamten Stand der Hamburger Produzentengalerie aus: "Schärgen" des Berliners Jonas Burgert, 4,30 mal 5,50 Meter. Ein bedrohliches Szenario, das an Computerspiele erinnert: Seltsame Figuren bewegen sich durch eine Phantasie-Architektur, stürmen mit Knüppeln auf andere los, schleppen Tote durch die Gegend. 120.000 Euro kostet das pathetische Werk, das gleichermaßen Begeisterung und Zorn auslöst: "Kitsch" finden die einen, "aufregend pathetisch" die anderen. "Hauptsache die Leute reden drüber", freut sch der Künstler. "Ist doch besser, als wenn sie gleichgültig dran vorbei gehen."

Westerwelles Liebling

Geredet wird auch über Norbert Bisky, den Sohn des PDS-Politikers Lothar Bisky. Die Galerie Crone, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert, zeigt ausschließlich seine Bilder - und verkaufte prächtig. "Armageddon" etwa kostet 64.000 Euro und war schon vor Messebeginn vergeben. Das Katastrophenbild zeigt knackig-muskulöse junge Männer, die ums Überleben kämpfen - und es im Hintergrund auch mal miteinander treiben. Guido Westerwelle übrigens liebt Biskys Bilder.

Den ganzen Wahnsinn des aufgeheizten Kunstmarktes konnte man nicht bei der Messe, sondern beim Empfang des Auktionshauses Sotheby's erleben. In der malerisch heruntergekommen Villa Elisabeth, einst Gemeindehaus der benachbarten Schinkel-Kirche, traf sich die Szene, um ein paar völlig überteuerte Spitzenbilder der Oktober-Auktion zu begutachten. Ein schwacher Damien Hirst mit Schmetterlingen zum Schätzpreis von 1,05 Millionen Euro, ein kleines Frauenbild von Gerhard Richter für 2,7 Millionen, ein Gemälde des 1988 gestorbenen Künstler-Legende Jean-Michel Basquiat gar für 5,2 Millionen. Da kam einem das hübsche Bild "Erwerb" des Leipzigers Neo Rauch geradezu wie ein Schnäppchen vor: 375.000 Euro. Die Gäste fanden alles großartig, schlürften Tomatensuppe aus Puppenbechern und fotografierten sich gegenseitig vor den teuersten Werken, während der Künstler Gerwald Rockenschaub die Party mit Musik unterlegte. Überhaupt fanden die aufregendsten Dinge abseits der Messe statt: in Galerien, im Museum Hamburger Bahnhof mit den makaber-witzigen Filmen des Schweizers Roman Signer (aus der Sammlung Flick) und bei privaten Sammlern wie Manuela Alexejew und Carlos Brandl, die in ihre unglaublich pompöse Charlottenburger Wohnung luden. Einer der Höhepunkte des Berliner Kunstherbstes ist die Ausstellung in der Galerie Jablonka. Der kalifornische Künstler Mike Kelley baute dort zehn leuchtend bunte Variationen der Stadt Kandor auf dem Planeten Krypton. Kandor ist die Heimat des Comic-Helden Superman, von dort aus startete er ins All. Seine Vorbilder für die Miniaturstädte fand der Künstler denn auch in alten Superman-Heftchen: Häuser wie Pilze, wie Kristalle oder gar wie zerklüfteter Parmesankäse. Sie leuchten, blinken und zischen nun unter mächtigen Glasglocken, als seien sie grade im Labor entstanden. Ein grandioses Spektakel.

Das Art Forum Berlin läuft noch biis zum 3. Oktober
Di 12 bis 20 Uhr, Mittwoch 12 bis 18 Uhr
Der Eintritt beträgt 15 Euro


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