HOME

"Into Me/ Out of Me": Unvergesslich brutale Kunst

Essen und Trinken, Sperma und Kot, Blut, Schweiß und Tränen. In der Ausstellung "Into Me/ Out of Me" in Berlin geht es um den Körper und um alles, was rein- oder rauskommen kann. Da kann es einem schon ein wenig flau im Magen werden.

Von Anja Lösel

Zwei junge Frauen sitzen auf dem Fußboden und starren mit großen Augen in die Kamera. Irgendwann mal waren sie bestimmt sehr hübsch, jetzt sind sie magersüchtig, heruntergehungert bis zum Skelett. Ab und zu schieben sie sich winzige Cracker in den Mund, immer gleichzeitig, Dazu trinken sie Mini-Portionen von Wasser. Mehr geschieht nicht, 15 Minuten lang. Und doch kann man die Augen kaum abwenden von den dürren Gestalten. Die Zwillinge Liesbeth und Angelique Raeven haben sich in diesem Film selbst porträtiert: stolz und trotzig, aber auch zerbrechlich und leidend an sich selbst und ihrer Umwelt.

Es ist eine der beeindruckendsten Arbeiten in der Ausstellung "Into me/Out of me", die am Wochenende in den Berliner "Kunstwerken" eröffnet wurde. Klaus Biesenbach hat die provokante Schau gemacht, einst Gründer der "Kunstwerke" und inzwischen zum Chefkurator am New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) aufgestiegen. Es geht um Lust und Gewalt, Tod und Verwesung, Essen und Trinken, Geben und Nehmen, Krankheit, Verletzung und Tod. 137 Künstler zeigen weit über 200 Arbeiten. Manche davon sind schwer zu ertragen.

Unerträglich brutal

Da lässt eine junge Frau auf ihrem nackten Bauch einen Hula-Hoop-Reifen kreisen, der aus nichts als Stacheldraht besteht. Eine andere steckt sich in aller Seelenruhe Dornen aus einem großen Rosenstrauß in die Arme - Erinnerung an den leidenden Christus mit der Dornenkrone.

Die Österreicherin Valie Export schneidet sich die Nagelhaut so brutal und blutig von den Fingern, dass allein das Betrachten ihres Videos reale Schmerzen verursacht. Eine an Krebs Leidende präsentiert in schonungslosen Bildern ihren von Krankheit und Chemotherapie geschundenen Körper. Angesichts solcher Schrecken kommt einem der kleine Film von Christoph Schlingensief fast schon harmlos und poetisch vor: Im Zeitraffer zeigt er die Verwesung eines toten Fuchses.

Das Innere des Verdauungstraktes auf einen Teller

Etwas vergnüglicher geht es in der Abteilung Essen und Trinken zu. Da verschlingt ein lächelnder, älterer Herr einen Riesenberg Wiener Würstchen. Eine junge Frau treibt den spanischen Sylvesterbrauch des Traubenessens auf die Spitze und stopft so viele Früchte in sich hinein, dass ihr der Saft in Bächen übers Kinn rinnt und sie fast zu Platzen scheint. Die Künstlerin Mona Hatoum lässt besonders tief blicken: Sie projiziert das Innere ihres Verdauungstraktes auf einen Teller. Am hübsch gedeckten Tisch sieht man in die rosafarbenen Abgründe ihrer Speiseröhre und ihres Darmes.

Durchaus komisch trotz seiner Brutalität: Eine junge Frau tuscht sich in aller Seelenruhe die Wimpern, während sich von hinten ein Mann an ihr zu schaffen macht und mit harten Stößen das Schminken zum Balanceakt geraten lässt.

"Muss das sein?"

Echtes Grauen birgt ein unscheinbarer Kopfhörer an der Wand. Seltsame Geräusche schallen heraus. Was ist das? Lärm von einer Baustelle vielleicht? Leider nicht. Die Mexikanerin Teresa Margolles hat Geräusche aufgenommen, die während einer Obduktion beim Aufschneiden des Schädels entstehen. Fast unerträglich, mit diesem Wissen weiter zuzuhören, den Kopfhörer genau an der Stelle, die von der Säge durchschnitten wird. Die vielleicht härteste Arbeit weist auf die Verrohung einer kleinen Internet-Gemeinde hin, die schon längst keine Schmerzgrenze mehr kennt und für die es offenbar keinerlei Tabu gibt. Der Schweizer Thomas Hirschhorn hat im Netz Fotos von Kriegsverletzungen und Folterungen gefunden, die so grausam, so unerträglich sind, dass man sofort die Augen abwenden muss. Kaum zu glauben, dass solche Bilder jedermann zugänglich sind. Zynisch versteckt Hirschhorn die Schockfotos zwischen Bildern von Nackten in aufreizenden Posen, so dass man sie erst auf den zweiten Blick entdeckt. Ganz wie im Internet. Schlimmer und menschenverachtender geht es kaum. "Muss das sein? Warum tue ich mir das an? Will ich das alles so genau sehen?", fragt man sich öfter mal während des Ausstellungsbesuchs. Manche Bilder verfolgen einen noch Stunden oder gar Tage lang. Und genau das ist das Gute: Man wälzt die Kunst im Kopf herum und denkt immer wieder daran. "Inside Me", ja, das ist die Ausstellung tatsächlich. "Out of Me" wird sie so schnell nicht wieder sein.