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"Museum der verfolgten Künste": Aus Nummern werden Gesichter

Seit über drei Jahrzehnten recherchiert und dokumentiert der Journalist Jürgen Serke das Schicksal zumeist unbekannter verfolgter Künstler. Ein Teil seiner umfangreichen Sammlung ist nun erstmals in einer Ausstellung in Solingen zu sehen.

Von Mark Stöhr

Der eine entkam nach Schweden, für den anderen gab es kein Entrinnen. Peter Weiss und Peter Kien studierten zusammen an der Prager Kunstakademie. In seiner Erzählung "Abschied von den Eltern" schildert Weiss, wie die beiden Freunde eine Straße entlanggingen und sich direkt vor ihren Augen ein Mensch in den Tod stürzte. Es war das Jahr 1938. Hitler-Deutschland hatte sich soeben Österreich einverleibt, in Prag herrschte Panik vor dem drohenden Einmarsch der deutschen Truppen. Weiss schreibt: "Fliehe, Peter Kien, bleibe nicht hier. Fliehe, verstecke dich, du mit deinem hilflos offenstehenden Gesicht." Kien, der deutsch-tschechische Jude, gleich hochbegabt als Lyriker wie als Maler, blieb. 1941 kam er mit 21 Jahren nach Theresienstadt, in das Vorzeigeghetto unter "Jüdischer Selbstverwaltung", mit dem die Nazis die Weltöffentlichkeit täuschen wollten. Drei Jahre lang arbeitete er dort als technischer Zeichner, porträtierte daneben in vielen hundert Skizzen und Bildern den Lageralltag, seine Mitinsassen und schrieb Gedichte. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und starb noch im gleichen Jahr an einer Infektionskrankheit.

Eine verbrannte Künstlerbiografie. Der Journalist und ehemalige stern-Reporter Jürgen Serke hat sie recherchiert und dokumentiert. Seit über drei Jahrzehnten sammelt er Namen und Arbeiten von Künstlern, die von den beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zermahlen wurden und in den gängigen Geschichtskompendien bestenfalls als Randnotiz auftauchen. Eine beispiellose Erinnerungsexpedition gegen das Verschwinden, die 1976 mit einer Serie im stern begann. Seine Porträts über damals fast vergessene Schriftsteller, die von den Nazis ermordet oder ins Exil getrieben wurden, erschienen ein Jahr später als Buch: "Die verbrannten Dichter". Serke recherchierte weiter, diesmal in der DDR und im Ostblock. Wieder veröffentlichte er eine Serie im stern unter dem Titel "Die verbannten Dichter", aus dem 1982 das Buch "Das neue Exil" wurde. War den meisten "verbrannten Dichtern" der Sozialismus noch ein Hoffnungsfanal, erzählte Serke nun die Geschichte einer Enttäuschung. Fünf Jahre später folgten die "Böhmischen Dörfer" über deutschsprachige Autoren aus der ersten Tschechischen Republik.

Neue Heimat in Solingen

Ein Teil der riesigen Sammlung Serkes, die inzwischen an die 30.000 Erstausgaben, Briefe, Manuskripte und Fotos umfasst, ist nun in Solingen in der Ausstellung "Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989" zu sehen. Auf kaum einen Künstler passt der Titel dabei besser wie auf eben jenen Peter Kien, der in seinen Bildern aus Theresienstadt das Leichte im Schweren beschwor und in seinen Gedichten die ganze grenzenlose Verzweiflung dokumentierte. In einer Reihe von Porträts platzierte er karikaturenhaft am Bildrand die Träume und Wünsche der Dargestellten. Einer will zur See fahren, ein anderer einen Gipfel erklimmen, wieder ein anderer hinter einem Markstand stehen. Ein Leben jenseits der Lagergrenzen scheint möglich - eine Sehnsuchtsphantasie, die im lyrischen Werk konterkariert wird. In einem Gedicht heißt es: "Und klammern uns an unsere kleinen Träume / an unsere armen Träume / wollen nicht erwachen / fürchten den Morgen wie des Todes Rachen".

Es ist ein fast rhizomatischer Erinnerungsraum im "Museum Baden", das von nun an den Namen "Museum der verfolgten Künste" tragen wird. Die materialreichen Schaukästen zu Künstlern wie Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Hugo Sonnenschein oder Georg K. Glaser korrespondieren untereinander und schaffen Querverbindungen zwischen den verschiedenen Zeiten und ihren ideologischen Verheerungen. Am deutlichsten wird dies am Beispiel von Wolfgang Borchert und Jürgen Fuchs. 1939 fanden Borchert und sein Lehrlingskollege Werner Lüning im Keller einer Hamburger Buchhandlung von der Gestapo versiegelte Kisten mit Büchern von Ernst Toller, Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky. Die beiden Freunde nahmen davon so viel mit, wie sie tragen konnten.

Die Mär von der "Stunde Null"

Dieser Recherchefund Jürgen Serkes zeigt Borcherts Kriegsheimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" in einem neuen Licht und bezieht es zurück auf Tollers Antikriegsstück "Der deutsche Hinkemann" von 1921. Die bislang in Stein gemeißelte These von der "Stunde Null" der deutschen Nachkriegsliteratur wird dadurch zumindest in diesem Fall torpediert. Und Serke stellt noch einen weiteren verblüffenden Link her. Kurz vor seinem Tod in einem Baseler Krankenhaus 1947 schrieb Borchert den Prolog zu einem Hörspiel von Axel Eggebrecht. Er enthielt die Antikriegsformel "Dann gibt es nur eins. SAG NEIN". Dieses Diktum fand sich nicht nur schon bei Ernst Toller, sondern tauchte Jahre später bei den DDR-Bürgerrechtlern wieder auf, mit dem 1977 in den Westen abgeschobenen Dissidenten Jürgen Fuchs an der Spitze.

"Himmel und Hölle" bietet eine Vielzahl solcher Entdeckungen, die den Horizont weit über das bisher Gewusste oder auch nur Geahnte hinaus erweitern. Und sie bietet Bildmomente, die sich ins Gedächtnis brennen. Die Aufnahmen von Ivan Blatny etwa in der großartigen fotografischen Seitenpassage der Ausstellung "Die sich die Freiheit nahmen". 1981 besuchten Serke und der legendäre stern-Fotograf Wilfried Bauer den tschechischen Dichter, der 1948 vor dem kommunistischen Regime in ein englisches Irrenhaus floh. Eine zusammengesunkene, durch und durch zerbrochene Gestalt. Bei der Begrüßung fragte er: "Sprechen Sie deutsch?" Deutsch sei die Sprache seiner Großmutter, erzählte er, die Sprache seiner Wünsche.

Auch Peter Kien dachte und schrieb auf Deutsch, in der Sprache seiner Eltern und seiner Mörder. Nun wird ein Ausschnitt seines Werkes erstmals in Deutschland gezeigt. In Solingen, der Geburtsstadt, man will es kaum glauben, von Adolf Eichmann.