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"The Secret Public": Die letzten Jahre des Punks

Bands wie Sex Pistols, Joy Division oder die Buzzcocks legten die Grundlage für eine britische Subkultur, die sowohl Bildende Kunst, Film als auch das soziale Leben nachhaltig beeinflussten. In einer Ausstellung wird die Post-Punk-Ära resümiert.

Von Kathrin Buchner

Es waren wilde Zeiten zwischen 1978 und 1988 in Großbritannien. Während Maggie Thatcher ihr eisernes Regiment führte, Gewerkschaften entmachtete, und die Arbeiter auf die Straße gingen, entfaltete sich die Kreativität im Untergrund. Sid Vicious war gerade einer Überdosis erlegen. Punk war noch nicht in allen Radiohitlisten, und die Szene artikulierte sich in Fanzines, unkommerziellen Pop-Zeitschriften. Das Berühmteste hieß "The Secret Public". Daher liehen sich die Macher der Ausstellung im Münchner Kunstverein den Namen. Sie wollen zeigen, dass nicht nur die Musik, sondern auch die Kunst, die in dieser Zeit entstand, einen weit reichenden und bisher eher unterbewerteten Einfluss auf die Gegenwart hat.

Konzipiert wurde sie von dem Kunstkritiker Marcus Bracewell, der so etwas wie das britische Pendant zum deutschen Pop-Underground-Papst Diedrich Diederichsen ist, in Zusammenarbeit mit Stefan Kalmar, Kurator des Münchner Kunstvereins. "Wir wollten die Generation vor Cool Britannia und Young British Arts zeigen - bevor 1988 die Kommerzialisierung und Professionalisierung begann mit Künstlern Damien Hirst", sagt Kalmar. In den Räumen des Kunstvereins im Münchner Hofgarten sind tatsächlich Werke ausgestellt, die so noch nirgends zu sehen waren: zum Beispiel eine Fotoserie des Sex-Pistol-Biografs Jon Savage über Notting Hill Gate, als es noch absolutes Brachland war, und die Häuser mit Stacheldraht verbarrikadiert wurden, damit sie nicht besetzt werden konnten. "Heute gibt es kein Anwesen unter eine Million Pfund, es ist eine hippe Gegend geworden", so Stefan Kalmar. Es gibt Installationen zu sehen, zum Beispiel "Treatment Room", das Krankenzimmer von Richard Hamilton, in dem über einer Operationsliege ein Monitor hängt, auf dem nonstop Maggie Thatcher während einer Rede zu sehen ist.

Gezeigt werden Werke von Künstlern wie Leigh Bowery, Derek Jarman, Peter Saville oder Richard Hamilton, die schon damals multimedial agierten, sowohl Selbstdarsteller als auch Abbilder waren, mit Ton, Film und Bild arbeiteten. Wie Jarman, der Kunstfilme drehte, aber auch Musicclips für The Smiths produzierte und mit provokativer Selbstdarstellung für die Anerkennung der Homosexualität kämpfte. Oder Leigh Bowery, einer der legendärsten und schillerndsten Kultfiguren der Londoner Clubszene, dessen schräges Tuntenballett in einem Film von Künstlerkollege Charles Atlas festgehalten wird. Diese Generation hat dazu beigetragen, dass man heutzutage von einer Vielzahl von Identitätskonzepten ausgehen kann", so Stefan Kalmar. Und nebenbei waren auch noch alle diese Künstler untereinander befreundet und inspirierten sich gegenseitig. Nicht umsonst spricht Kalmar von der Ausstellung als einer "Landkarte der sozialen Verflechtungen", schließlich habe "London eine Vormachtsstellung im Referenzsystem Pop".

Diese Vormachtstellung ist allerdings nur noch eingeschränkt vorhanden. Denn in Zeiten von weltweiter Vernetzung, in denen sich mit Hilfe des Internets ein Trend innerhalb kürzester Zeit von New York nach Nairobi verbreitet, ist es schwerlich möglich, dass sich solch alternative Subkultur formiert. Dementsprechend hat die Ausstellung nicht nur künstlerischen Wert, sondern auch eine historische Dimension.

"The Secret Public. The Last Days of British Underground 1978-1988" ist bis zum 26. November 2006 in den Räumen des Münchner Kunstvereins in den Hofgartenarkaden zu sehen. Zu der Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit Lesungen und Filmvorführungen.