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"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Fixen, Drogen, Babystrich - die Angstlust funktioniert

Mit 14 war sie heroinabhägig und prostituierte sich auf dem Babystrich. Christiane F. war 1978 die traurige Hauptperson in der stern-Reportage "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". An der Berliner Schaubühne hat der Regisseur Patrick Wengenroth jetzt das Drogendrama als Singspiel inszeniert.

Herr Wengenroth, was interessiert Sie heute an den "Kindern vom Bahnhof Zoo"?
Es sind die ganz großen Fragen: Wer bin ich wo will ich hin? Habe ich die große Liebe gefunden? Oder bin ich nur zu faul, jetzt noch weiter zu suchen?

Und das finden Sie bei Christiane F.?
Bei ihr ist alles echt. Sie ist eine lebende Person. 2007 konnte man sie in einer Talkrunde bei Maischberger sehen. Wenig später ist sie wieder rückfällig geworden. Sie sagt, sie sei um ihre Kindheit betrogen worden. Sie fühlt sich eingepfercht in dieses schwarze Loch zwischen den 68ern und der Ära Kohl. Genau da bin auch ich hinein geboren. Das ist eine sehr prägende Zeit gewesen für die deutsche Seele.

Sie haben kein Anti-Drogen-Stück gemacht?
Heroin ist im Augenblick kein Thema in der Gesellschaft. Deshalb muss ich nicht sagen: "Oh, Drogen, schlimm!", sondern kann mich auf die Poesie der Texte von Christiane F. konzentrieren.

Poesie?
Ja, die gibt es. Trotz all dieser Beschreibungen von Erbrechen, mager werden, verknorpelten Venen. Denn bei aller Drastik geht es doch vor allem um eins: Was sind unsere Träume?

Ein Beispiel, bitte.
Wahnsinnig rührend ist es, wenn Christiane die Wohnung beschreibt, in der sie später mal leben möchte. Oder wenn sie Detlef zu sich nach Hause einlädt, lange bevor sie mit ihm schläft. Ihre Eltern sind nicht da, sie kocht für ihn, sie essen zusammen wie Mann und Frau. Das ist für sie das Tollste: ganz normal zu sein.

Aber sie schafft es nicht.
Mit jedem neuen Druck und jedem gescheiterten Entzug kommt sie mehr davon weg. Trotzdem macht sie weiter. Sie ist in einer Scheißsituation, aber macht immer weiter.

Das scheint Ihnen nicht ganz fremd zu sein.
Ja, so sind wir doch alle. Wir schaffen uns wissentlich Abhängigkeiten. In meinem Fall sind das meine zwei Kinder und die Tatsache, dass ich verheiratet bin. Das sind Konstanten, aber natürlich auch Leitplanken. Und manchmal denke ich: Wär auch toll, mal wieder querfeldein zu laufen.

Haben Sie Erfahrung mit Drogen?
Ich bin nur ein Wohlstandsalkoholiker. Meine erste Zigarette habe ich mit über 30 geraucht.

Sie stehen selbst auf der Bühne und singen unter anderem "Schneewittchen" von Udo Lindenberg.
Für mich sind diese Udo-Lieder Märchen aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt, die ich mir nur rückwärts aneignen kann. Ich war damals nicht in Westberlin.

Seit kurzem läuft das Udo-Musical im Friedrichsstadtpalast. Nun kommen auch noch Sie mit Lindenberg-Liedern. Ist das nicht ein bisschen viel Udo in Berlin?
Wir sind das geilere Udo-Musical.

Was genau ist Ihre Bühnen-Rolle in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"?
Ich bin der Trip. Nein, im Ernst: Eigentlich bin ich David Bowie. Aber der ist bei uns ausgetauscht gegen Udo Lindenberg, weil ich gern deutsche Texte habe. Bowie war für Christiane F. ein Symbol für Freiheit. So nach dem Motto: Ich habe das alles im Griff. Heute nehme ich ganz viele Drogen und morgen trinke ich nur Mineralwasser. Ich kann mich verwandeln wie ein Chamäleon, aber gleichzeitig bin ich immer total ich selbst.

Das heißt, Bowie ist mit schuld an Christianes Sucht?
Manche werfen ihm vor, dass er durch die Verherrlichung dieses exzessiven Lebenswandels viele Leute auf dem Gewissen hat. Das ist eine provokante These. Aber bei Christiane F. ist es tatsächlich so, dass sie ihren ersten Heroin-Sneef nach dem Konzert von David Bowie nahm.

Was hat Udo Lindenberg damit zu tun?
In den Songs "Schneewittchen" und "Riskante Spiele" geht es um Tablettenkonsum und Suff. Udo war damals, in den Siebzigern, ganz gut unterwegs, experimentierte mit Aufputsch- und Beruhigungsmitteln. Gleichzeitig hatte er ein großes politisches Bewusstsein. In "Sternentaler" beschreibt er den Alltag einer jungen Prostituierten, die mit großen Hoffnungen in die Stadt kommt und von ihrem Zuhälter verarscht wird. Diese Texte nehmen mich stark mit. Ich bin eben eine Kitschbacke.

Heroin ist aber doch noch was anderes.
Das Krasse an Heroin ist die Isolation. Aber wenn wir ehrlich sind: Wir träumen doch alle davon, mal einen ordentlichen Kontrollverlust zu haben. Deutschland ist ein Land, in dem die Droge Alkohol gesellschaftlich total anerkannt ist. Ob man jeden Tag drei Rotwein trinkt oder ob man sagt: ich brauch einen Druck - der Unterschied ist nicht so groß. Und da ist der Andockpunkt: Wie nah ist man dran? Wie schnell kann man Leute kennenlernen, die diese Probleme haben?

Sie scheinen angezogen und abgestoßen zugleich?
Fixen, Drogen, Babystrich, Tod, - irgendwas ganz Faszinierendes ist da dran. Wir können nicht wegsehen, der Voyeurismus funktioniert. Diese Angstlust.

Haben Sie Angst um Ihre eigenen Kinder?
Die sind jetzt drei und fünf Jahre alt. Das Wichtigste ist, dass sie ihr Urvertrauen behalten und das Gefühl haben: zu Hause ist es ok. Wenn wir das nicht hinbekommen haben, dann ist es jetzt schon verbockt.

Anja Lösel