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Ausstellung "Moctezuma": Auf den Spuren der Azteken

Das Britische Museum in London widmet sich mit der Ausstellung "Moctezuma - Aztec Ruler" jetzt der aztekischen Geschichte. Im Mittelpunkt: Der Gott Moctezuma, dem tausende Gefangene grausam geopfert wurden.

Von Cornelia Fuchs, London

Königlich schaut Moctezuma mit Federschmuck und Goldapplikationen dem Besucher des Britischen Museums entgegen. Das Ölgemälde am Eingang der Ausstellung "Moctezuma - der Azteken-Herrscher" ist eines der wenigen Porträts des legendären Herrschers - und es ist eine Fälschung. Ob Moctezuma so oder so ähnlich ausgesehen hat, wissen wir nicht. Wir sehen auf dem Bild nur den Blick der Sieger, der spanischen Eroberer, die den Gottkönig der Azteken als eine Mischung aus Stammeskrieger und Goldräuber darstellen.

Es gibt kaum eine historische Gestalt, die Phantasie und Legenden so befeuert hat wie Moctezuma II., Herrscher über das Reich der Azteken. Vom Golf von Mexiko bis zur Pazifikküste ließ er seine Krieger in Jaguar- und Adlerkostümen ausschwärmen, die Äxte gespickt mit scharfen Scherben aus dem Lavagestein Obsidian. Sie raubten und mordeten und brachten tausende Gefangene zurück in die Hauptstadt Tenochtitlan.

Grusel-Show demonstriert Opferkult

Hier wurden sie geopfert, damit die Sonne jeden Tag erneut am Firmament erscheint. Am Rande der steilen Tempeltreppen wurden ihre Brustkörbe aufgeschnitten, Herzen herausgerissen und in gigantischen Steintrögen verbrannt. Tausende Schädel säumten den Zugang zum heiligen Tempelbezirk, zur Abschreckung der Feinde und zum Lob der Götter von Erde, Regen, Wind und Sonne.

Doch die Ausstellung im Britischen Museum ist keine Show der Schrecklichkeiten. Die Kuratoren haben sich zurückgehalten mit blutrünstigen Ausstellungsstücken, der Grusel liegt in den Details. So ist eine der ersten großen Steinskulpturen ein mächtiger Adler, die Federn sorgfältig herausgearbeitet, um die Augen sind Strahlen wie bei einer Sonne angeordnet. Ein großer Hohlraum ist in den Rücken eingelassen, wie eine Schale. Dorthinein warfen die Priester pochende Herzen der Opfer zur Einäscherung. Das leicht Rötliche des Steins wirkt plötzlich bedrohlich auf den Museumsbesucher, der die erläuternden Kommentare liest.

Hinter den wunderbaren Türkismosaiken der Priestermasken verbergen sich geschnitzte Totenschädel. Die Schlangen stehen für die unendliche Macht des Azteken-Herrschers über Leben und Tod. Ziegelsteine bilden Schädelknochen nach und über den Treppenstufen des maßstabgetreu nachgebauten Tempelbezirks läuft eine rote Farbspur hinunter.

Die Azteken-Kultur beruhte auf Gewalt. Nur durch den Tod konnte das Fortbestehen des Lebens garantiert werden. Moctezuma, der Herrscher, duldete keinen Widerspruch. Und so ist auch der fein ziselierte Schmuck, die Nasenornamente und die riesigen Ohrstecher mit dem Blut seiner Träger getränkt. Moctezuma selbst stach sich in die Ohrläppchen, um mit seinem Blut die Erde fruchtbar zu machen.

Das Ende von Moctezumas Schreckensherrschaft

Es war diese Zivilisation, auf die der spanische Eroberer Hernán Cortés bei seiner Ankunft im April 1519 stieß. Moctezuma hörte von den seltsamen Menschen mit den eisernen Schilden und Schwertern in seinem Palast. Und hier beginnt das Britische Museum an der Legende zu rütteln, die Moctezuma umgibt: Bisher galt er vielen als Verräter und Feigling, der die Spanier in sein Schloss einlud und als ihr Gefangener endete.

In der Ausstellung sieht man Zeichnungen zeitgenössischer Zeugenaussagen, die Moctezuma gefesselt zeigen, wie einen Hund an der Kette. Die Spanier, so wird es gezeigt, ermordeten Moctezuma, nachdem er ihnen keine Sicherheit mehr garantieren konnte. Kein Jahr nach der Ankunft der Europäer war der Aztekenherrscher tot. Danach dezimierten die Viren der Eroberer zehntausende seiner Untertanen.

Für die Nachbarvölker der Azteken, die jahrzehntelang unter den blutrünstigen Raubzügen litten, war es eine Erlösung. Und es war eine der schnellsten Implosionen einer hochentwickelten Kultur in der Menschheitsgeschichte, deren genaue Ursachen und Abfolge bis heute nicht ganz verstanden werden. "Wir können in dieser Ausstellung viele Fragen aufwerfen", sagt Kurator Colin McEwan. "Aber wir werden niemals alle beantworten können."

"Moctezuma - Aztec Ruler" - noch bis zum 24. Januar 2010 im British Museum, London

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