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Berlin: Trauer um den Tränenpalast

Erst Stätte der Trauer, dann Stätte des Vergnügens - und jetzt das Aus: Der Berliner Tränenpalast fällt einem Hamburger Großunternehmer zum Opfer und stellt den Spielbetrieb ein. So verliert Berlin Kulturstätte und Geschichtsdenkmal in einem.

Von Heike Sonnberger

Als die Berliner Mauer noch stand, war der Tränenpalast ein trauriges Tor in den Westen - mitten im Osten. Denn durch die Eingangshalle des Grenzübergangs Friedrichstraße gelangten Besucher aus der BRD und Westberlin in das verzweigte Tunnelnetz aus S- und U-Bahnlinien, das sie unter der Mauer hindurch zurück in den Kapitalismus brachte. Nach Zoll-, Pass- und Visakontrolle wurden die Ausreisenden säuberlich nach Zielort getrennt in die unterirdischen Gänge entlassen, die Ostler nicht betreten durften.

Die mussten sich nämlich schon in der Eingangshalle von ihren Freunden und Verwandten verabschieden, abgeschirmt vom alltäglichen Bahnhofsbetrieb, damit die Bürger des "real existierenden Sozialismus" nicht täglich an die Teilung ihrer Stadt erinnert würden. Die Tränen, die beim Abschied flossen, gaben der Grenzabfertigungshalle ihren romantischen Namen: "Tränenpalast".

Kabarett, Disco oder Konzerthalle

Die Stahl-Glas-Konstruktion am Reichstagsufer, 1962 an den Bahnhof Friedrichstraße angebaut und damals topmodern, sollte nach dem Fall der Mauer abgerissen werden. Kulturunternehmer Marcus Herold bewahrte sie davor, indem er die Ausreisehalle als Denkmal schützen ließ. Er verwandelte den Ort der Trauer in wahlweise ein Kabarett, eine Disco oder eine Konzerthalle und zog jährlich bis zu 100.000 Besucher aus aller Welt an.

Prince lieh dem Tränenpalast seine Stimme, genau wie Nina Hagen, Jimmy Somerville und Marianne Rosenberg. Immer ging es Herold jedoch auch darum, Nachwuchskünstler zu fördern. Damit ist jetzt nach 15 Jahren Schluss: Der Berliner Senat hat das Grundstück nach einem monatelangen Tauziehen an den Hamburger Unternehmer Harm Müller-Spreer verkauft. Der will auf dem so genannten "Spreedreieck" ein zehnstöckiges Gebäude errichten.

Inventar wird versteigert

Herold hätte den Tränenpalast gerne selbst erworben - der Senat verlangte 915.000 Euro für die Immobilie samt Grundstück. Der Preis war zu hoch für den Betreiber des unsubventionierten Kulturstandorts, er bot nur knapp die Hälfte und zog den Kürzeren. Müller-Spreer hat sich zwar im Kaufvertrag zu einer kulturellen Nutzung des Tränenpalasts verpflichtet und Herold einen Mietvertrag über zehn Jahre angeboten, doch Herold lehnte ab.

"Wir können nicht Mieter des Bauherren werden, der über drei Jahre eine Großbaustelle rund um unseren Veranstaltungsort leitet", sagte er der Welt am Sonntag. Der Mietpreis dürfte für den Kulturunternehmer auch zu hoch sein. Ihm waren in der langen Phase der Planungsunsicherheit mehrere potenzielle Geldgeber abgesprungen - im vergangenen Jahr musste Herold Insolvenz anmelden.

Auch wenn der Tränenpalast bis Ende September geräumt werden muss - den Namen wird es weiter geben. In Zukunft wird Herold seine Veranstaltungen auf andere Räume der Stadt verlegen, zum Beispiel ins Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Inventar des Tränenpalasts wird am 3. August in dessen Räumen versteigert.