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Interview mit C/O-Gründer Stephan Erfurt "Wir haben einen neuen Blick auf die Fotografie bekommen"


Das Fotoforum C/O Berlin hat sein neues Quartier im ehemaligen Amerikahaus bezogen. Der stern sprach vorab mit dem Gründer Stephan Erfurt über die Allgegenwärtigkeit von Fotografie.

Endlich! Das Fotoforum C/O Berlin ist wieder da! Im ehemaligen Amerikahaus am Bahnhof Zoo eröffnete es ihre neuen Räume: schickste Fünfziger-Jahre Architektur mit trendy hellblau-orangefarbener Mosaikfassade und Freitreppe im Inneren, alles hell und frisch renoviert. Und das Beste: Es hat 2300 Quadratmeter Fläche für Fotoausstellungen - mehr als am Ursprungsort im Alten Postfuhramt. Zur Eröffnung gab's eine Riesenparty und gleich vier Ausstellungen. Der stern sprach vorab mit C/O-Gründer Stephan Erfurt.

Alle wollen Fotoausstellungen sehen. Warum boomen die so sehr?


Weil heute fast jeder ein Smart Phone hat und damit Spuren hinterlässt. Wir alle fotografieren ständig, viele Male am Tag. Und haben deshalb einen neuen Blick auf die Fotografie bekommen.

Im Jahr 2000 gründeten Sie mit dem Designer Marc Naroska und dem Architekten Ingo Pott C/O Berlin im Alten Postfuhramt. Heute ist es das größte Ausstellungshaus für zeitgenössische Fotografie. Aber der Anfang war nicht leicht.


In den ersten Jahren hatten wir an manchen Wochenenden nur 25 Besucher, von denen zehn den ermäßigten Eintritt zahlten. Ich habe die Kassenrollen von damals aufbewahrt: Da gab es Tageseinnahmen von 19,90 Euro. Durchzuhalten und immer an die Idee zu glauben, war ein hartes Stück Arbeit.

Einmal standen Sie sogar kurz vor dem Bankrott.


Ja, als der Fotograf Gilles Perez die Produktionskosten verdreifachte. Und viel zu wenige Besucher in seine Aus-stellung kamen.

Sie machten trotzdem weiter - mit Shows von Robert Mapplethorpe über Nan Goldin bis Anton Corbijn


Zum Glück ging es immer weiter aufwärts. Mit der Ausstellung über Annie Leibovitz schrieb C/O Berlin 2009 zum ersten Mal eine schwarze Null. Im vergangenen Winter hatten wir 100.000 Besucher, die natürlich auch in den umliegenden Cafés, Restaurants und Läden ihr Geld gelassen haben. Wir waren ein Wirtschaftsfaktor in Berlin-Mitte.

Trotzdem mussten Sie aus Mitte wegziehen.


In unserem alten Quartier verschwand nach und nach alles, was für Berlin stand: das Tacheles, das Telegraphenamt und am Ende auch das Postfuhramt. Die Freiräume wurden immer weniger. Als wir C/O gründeten, stand das Postfuhramt leer, das war sehr anziehend. Wo hat man schon eine alte Turnhalle im ersten Stock und einen Club mit Kuppelsaal unter dem Dach? Aber auf Dauer wäre das nichts gewesen für uns. Das Postfuhramt war marode, es gab keine Klimatechnik. Eine große Sanierung von mehreren Millionen war nötig, das hätten wir nie leisten können.

Dann wurde das Postfuhramt verkauft, das ja mal für das wilde, kreative Berlin stand, und Sie bekamen die Kündigung.


Das Land Berlin hätte das Postfuhramt erwerben können, das haben sie aber nicht gemacht. Wenn man bedenkt, was das für ein toller, offener Ort für Kultur war. Jetzt wird es Firmensitz einer Medizintechnikfirma. Das ist eben der Lauf der Zeit.

Nun ist C/O Berlin in den Westen gezogen und hat gerade mit einer Riesenparty und mit vier Ausstellungen seinen neuen Sitz eröffnet: im 1957 gebauten ehemaligen Amerikahaus am Bahnhof Zoo. Warum nicht mehr im hippen Mitte?


Das Amerikahaus passt perfekt: Zentrale Lage, Nähe zur Universität, Verknüpfung mit den beiden anderen wichtigen Zentren für Fotografie - der Helmut Newton Stiftung und dem Museum für Fotografie in der Jebensstraße. Wir haben ein Café und einen Bookshop. Das kann ein toller, lebendiger Treffpunkt werden.

Bevor Sie einzogen, wusste keiner was mit dem Haus anzufangen. Es stand fast leer.


Dabei ist es so schön! Reine 50er Jahre Architektur. Wie offen und transparent die USA damals gebaut haben! Wir haben unter einem aufgeklebten Teppich herrliche Solnhofer Steinplatten gefunden. Die ehemalige Kinohalle ist perfekt für Fotoausstellungen. Vom Café aus kann man durch große Fenster auf die Straße und zum Bahnhof Zoo gucken, wo das Leben tobt. Hier im Amerikahaus stellten früher große Fotografen wie Robert Frank und Lee Friedländer aus. Daran können wir anknüpfen.

Sie bekamen eine Million Euro Lottogelder, den Rest von 1,5 Millionen Euro für den Umbau mussten sie selbst aufbringen.


Seit März habe ich Spendengelder eingesammelt. Wir machten eine Crowdfunding-Kampagne, der Unternehmer Lars Windhorst hat mit einer großzügigen Spende geholfen. Noch ist nicht alles beisammen. Aber wir sind guten Mutes.

C/O Berlin, Hardenbergstr. 22-24. Eröffnungsausstellungen: "Magnum. Contact Sheets", "Will McBride: Ich war verliebt in diese Stadt", "Picture Yourself. Im Fotoautomaten mit Magnum" und "Arbeit am Mythos. Talents 30"

Ab 31. Oktober täglich von 11 bis 20 Uhr, Tickets: 10 Euro, freier Eintritt bis 18 Jahre

Von Anja Lösel

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