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Damien Hirst in Berlin: Falsches Fleisch und Diamanten

Seine Kälber und Haie in Formaldehyd kürten ihn in den 90er Jahren zum Popstar der Kunstszene. Nun stellt Damien Hirst mit seinem amerikanischen Kollegen Michael Joo in Berlin aus. Doch die Kunst des 44-Jährigen, die einst als provokant und radikal galt, ist müde geworden.

Von Anja Lösel

Lebendige Fliegen, die von einer zischenden Tötungsmaschine verschlungen werden. Ein Haifisch in Formaldehyd. Fette Maden auf einem verfaulenden Rinderkopf. Längs durchgeschnittene Kälber und Schafe, denen man in die Bäuche gucken kann. So fing der britische Künstler Damien Hirst in den 90er Jahren an. Mit Schock-Kunst, vor der selbst abgebrühte Ausstellungsbesucher sich fragten: Muss das sein? Und die gerade deshalb aufwühlte. So radikal, so existenziell, so bewegend war das. Inzwischen ist Damien Hirst 44 - und ein Superstar mit Allüren. Seine Kunst ist müde geworden, das kann man in Berlin gut erkennen. Denn zum Gallery Weekend präsentiert er in der Galerie Haunch of Venison alte und neue Arbeiten zusammen mit seinem Künstlerfreund Michael Joo. Die Schau trägt den Titel "Have You Ever Really Looked at the Sun?" (Haben Sie jemals wirklich die Sonne angesehen?) und ist ein Höhepunkt des langen Kunst-Wochenendes mit vielen Vernissagen.

Ja, es gibt immer noch Kunst mit Fleisch: "Let's eat outdors today" (Lass uns heute draußen essen) zeigt eine Grillparty im Glaskasten. Aber das Fleisch, das bei der frühen Version 1990 noch echt war, ist heute aus Kunststoff. "Wegen der Sammler", sagt Hirst. Für die ist es besser, wenn es nicht stinkt und ständig erneuert werden muss. "Ich bin eben faul." Das also ist aus dem großen Provokateur geworden. Wie ein Filmstar posiert er vor Dutzenden von Fotografen und Kamerateams. Interviews gibt er wie eine Hollywood-Größe nur im Pool: Der Meister in der Mitte, die Journalisten ehrfürchtig drum herum. Kein anderer Künstler leistet sich solche Marotten. Breitbeinig sitzt Damien Hirst da, in Jeans und schwarzem Hemd, das ein bisschen spannt und zwischen den Knöpfen seinen Bauch sehen lässt. An den Händen trägt er vier Ringe. Einen "Schwulen-Ring", wie er ihn nennt (Hirst ist hetero und Vater von zwei Kindern), zwei Totenkopf-Ringe, einer aus Mexiko, einer von ebay, und einen weiteren mit einer menschlichen Figur darauf. Zusammen mit den fetten, bläulichen Sonnengläsern, die aussehen wie eine Schweißerbrille, wirkt das alles ziemlich arrogant.

Geboren wurde Damien Hirst in eine ganz normale Mittelstandsfamilie hinein. "Ich bin in Yorkshire aufgewachsen mit Leuten, die moderne Kunst Scheiße fanden und Renoir nur deshalb gut, weil er schöne Titten malte", sagte er einst. Jetzt wohnt er auf einem Schloss und wenn er in Berlin ist, im schicken Soho House-Club, Jahresbeitrag 1200 Euro. Peanuts für jemanden, der vor zwei Jahren eine ganze Ausstellung zur Versteigerung gab und dafür 198 Millionen Dollar erlöste. Wohlgemerkt an seiner Galerie vorbei, der er normalerweise 30 Prozent aller Gewinne abgeben muss. Der absolute Clou der Sache: Das Ganze fand an dem Tag statt, an dem die Lehman Brother's Bank zusammenbrach und mit ihr ein Großteil des Finanzsystems. Glück gehabt, Damien! Ein Tag später wäre alles anderes gelaufen.

Ok, wenn er so redet, dann ist Damien Hirst eigentlich ganz nett... Spricht von seinen Kindern, die in Berlin lieber ins Aquarium im Zoo gehen, als Papas Ausstellung anzugucken. Erzählt von seiner Liebe zu Schmetterlingen und dass er jetzt große Fotos von Faltern und Blumen macht. Egal, ob die irgendjemand schön findet oder nicht. Schwärmt von Berlin, wo er mal als Austauschstudent lebte und das ihn "völlig verändert" und erst zu dem gemacht hat, "was er ist." Klar, Geld hat er jetzt genug, aber aufhören, zur Ruhe setzen? Niemals. "Ich bin ein Künstler, ich will Kunst machen. Was sonst? Wenn ich's nicht tue, sagt meine Partnerin: Was hängst du hier im Haus rum, geh wieder in dein Studio." Dann also weitermachen. Nicht so wichtig, ob die Sachen richtig gut sind. Hauptsache ab und zu mal eine kleine Provokation wie der Totenschädel mit den 8601 Diamanten. Zweifel? Früher, ja. Aber jetzt? Gibt es nicht mehr, sagt Hirst. " Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gezweifelt habe. Muss lang her sein. Das Leben ist brillant. Ich versuche, nicht zu zweifeln an den Dingen."

Damien Hirst and Michael Joo, Galerie Haunch of Venison, Berlin, 1. Mai bis 14. August

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