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documenta 12: Kunstwerke "zum Sprechen bringen"

Kunst anschaulich zu vermitteln ist eines der Ziele von Roger Buergel. Der künstlerische Leiter der Kasseler documenta, die 2007 zum 12. Mal stattfindet, will außerdem "Weltprobleme in Kasseler Formate übersetzen".

Von Anja Lösel

Money, Money, Money. Dass man beim Thema Kunst im Augenblick nur an Auktionsrekorde und Spitzenpreise denkt, gefällt Roger Buergel gar nicht. "Das Kunstsystem gerät in die Gefahr, orientierungslos zu werden", sagte der Macher der nächsten documenta heute in Berlin. Da gehe es nur noch um "Mammon und Spektakel". Deshalb steuert er gegen und stellt das Thema Bildung in den Mittelpunkt der vielleicht wichtigsten Ausstellung der Welt, die nächstes Jahr vom 16. Juni bis 23. September stattfinden wird.

Buergel will das Publikum "anmachen" und Kunstwerke "zum Sprechen bringen". Das könnte anstrengend für die Besucher werden, denn Führungen sollen mindestens zwei Stunden dauern, alles andere sei "moralisch bedenklich". Im Augenblick werden Schüler ausgebildet, die durch die Ausstellung führen, und dabei "ihre eigenen Erfahrungen einbringen" sollen. Wer davon erschöpft ist, kann "in Palmenhainen pausieren und lernen". Die hat man sich als "Palaverplätze" vorzustellen, vergleichbar mit der Dorflinde auf dem Marktplatz.

"Miles and More ist kein Weg zu einer guten Ausstellung"

Nix Globalisierung, nix internationaler Kunstbetrieb. Buergel möchte "lokal denken" und die Weltprobleme "in Kasseler Formate übersetzen". Reisen? Ja, klar. Aber: "Miles und More ist kein Weg zu einer guten Ausstellung". Er will möglichst in und mit der Stadt arbeiten, damit am Ende eine documenta entsteht, die "sinnvoll mit Kassel verknüpft" ist. Dazu hat er einen Beirat von rund 40 Mitgliedern gegründet, "ein sehr gemischter Haufen" - vom Schulleiter, der täglich die Streitereien zwischen russischen und türkischen Schülern schlichten muss, bis hin zu Stadtplanern, Sozialpädagogen und Künstlern.

Roger Buergel und seine Frau Ruth Noack, die ihn beim documenta-Machen unterstützt, sind mitten drin. Im vergangenen Jahr zogen sie mit ihren beiden Kindern von Wien "in das bescheidene Städtchen Kassel", um ganz nah an den Problemen der Stadt zu sein. Schließlich sind Austausch, Interaktion, Kontemplation und Kommunikation Buergels Lieblingswörter: "Ich selbst bin der erste Vermittler."

19 Millionen Euro stehen zur Verfügung

Erst mal müssen allerdings die finanziellen Probleme gelöst werden. 19 Millionen Euro stehen für die documenta 12 zur Verfügung, eine Million mehr als 2002. Zu wenig, findet Buergel. Er würde gern einen Glaspalast in die Kasseler Karlsaue stellen - als zusätzlichen Ausstellungsraum auf Zeit. Kosten: drei Millionen Euro. Mäzene verzweifelt gesucht.

Seine komplette Künstlerliste will er erst im Juni 2007 preisgeben. Ein documenta-Projekt ist allerdings schon jetzt im Internet zu bestaunen. Der Brasilianische Künstler Ricardo Basbaum schickte zwanzig stählerne, weiß-blaue Wannen zu experimentierfreudigen Kunstliebhaber in der ganzen Welt. Schön sind die Dinger nicht, eher sperrig, "eine Zumutung, die nirgends hinpasst", so Buergel. Die neuen Besitzer dürfen damit machen, was sie wollen - wenn sie alles im Netz dokumentieren (www.nbp.pro.br).