Documenta Die Nacht der Edelputzen


Tagsüber stehen die Besucher in langen Schlangen vor den Exponaten auf der Documenta. Doch abends, wenn die Tore schließen, schlägt ihre Stunde: Restauratoren, Techniker und Reinigungskräfte sorgen dafür, dass auch am nächsten Tag alles reibungslos läuft.

Es ist seit drei Monaten das gleiche Bild: Die fünf Ausstellungsbauten der Kasseler documenta sind von 10 bis 20 Uhr gut gefüllt, nicht selten stehen die Besucher Schlange. Pünktlich um acht Uhr verlassen die letzten Besucher die Gebäude, ein paar Minuten später folgt die zweite Welle: Die 60 Ordner gehen nach Hause. Doch während die Wachmänner ihre Taschenlampen überprüfen und die Funkgeräte testen, ist noch lange nicht Schluss auf der "Weltkunstausstellung". Dann schlägt die Stunde der Restauratoren, Techniker und Reinigungskräfte. Auf der documenta brennt auch nachts Licht.

"Als erstes wird das ganze Gebäude durchsucht, ob nicht doch noch irgendwo ein Besucher sitzt. Besonders die Toiletten werden kontrolliert und dann abgeschlossen", erklärt Matthias Steins. Der 31-Jährige ist der Hausverantwortliche für den "Auepavillon", den mit 9500 Quadratmetern größten Ausstellungsbau. Es passiert gar nicht so selten, dass ein letzter Besucher nach Toresschluss irgendwo geweckt wird. Kein Makel: Selbst Ausstellungsmacher Roger Buergel ist in seiner eigenen Ausstellung schon eingeschlafen.

Das Technikteam der documenta sollte hingegen auch abends hellwach sein. Während acht Wachleute den "Auepavillon" draußen umstreifen, bringen sie drinnen wieder die Ausstellung in Ordnung. Die Kissen, auf denen man Ricardo Basbaums Videoinstallation verfolgen kann, sind verstreut. Das Raumklima muss reguliert werden. Bei größeren Kunstwerken wie bei John McCrackens "Minnesota" wird die Statik geprüft. Und bei Gerwald Rockenschaubs stilisiertem Klassenzimmer muss die Tafel abgewischt werden, auf der sich Besucher in einem halben Dutzend Sprachen verewigt hatten: Erst trocken, dann feucht und dann noch einmal feucht.

"Manchmal fühle ich mich wie eine Edelputze"

Das ist die Aufgabe von Katharina Becker. "Manchmal fühle ich mich wie eine Edelputze", sagt sie lächelnd. Immerhin hat die Frau studiert und ist im übrigen Leben Designerin in Berlin. Aber an die Kunstwerke dürfen nur "Kunsterfahrene" ran. "Die Reinigungskräfte trauen sich auch gar nicht", sagt die 33-Jährige. Becker hat die Ausstellung mit aufgebaut. "Das war toll, mit der ganzen Kunst fast allein zu sein. Dann kamen die Besucher, und es war ständig voll. Wenn man jetzt abends wieder fast allein in dieser Riesenhalle ist, ist das total irreal."

Regelmäßig am Kuchen schnüffeln

Ein Techniker stimmt die Gitarren, die Saâdane Afif tagsüber ganz allein spielen lässt. Ein anderer streicht die Wände, an der sich "die typische Kopf-Po-Fuß-Linie" der sich abstützenden Besucher in Form von Flecken gezeigt hat. Einer entfernt die Streifen von Turnschuhsohlen vom Boden. Daneben steht "The Exploitation of the Death", ein weißer Container von Mladen Stilinovic mit allerlei Devotionalien. Auch Kuchenstückchen. Zu Beckers Aufgaben gehört es, regelmäßig am Kuchen zu schnüffeln: "Besonders die Obsttorte muss natürlich eher mal ausgewechselt werden" sagt sie. Sie lächelt, als nähme sie zwar ihre Arbeit, aber sich selbst nicht ganz so ernst.

Stefan Rudolf stülpt derweil Papiertüten über Papierschilder. Die gehören zu den "Siegesgärten". Darin setzt sich Ines Doujak auf einem 16 Meter langen Beet mit der Gentechnologie auseinander. Die stilisierten Samentütchen müssen abgedeckt werden, denn gleich geht das Licht an. "UV-Licht", sagt Rudolf, "sonst gammelt uns der Rasen weg". Für eine Ausstellung ist Gras nun einmal nicht gemacht. Genau das bildet jedoch, neben anderen Pflanzen, die Grundlage des Kunstwerkes. Damit die Besucher es grün und nicht gelb sehen, leuchten nachts die Lampen mit dem ultravioletten Licht. "So haben wir auch das große Bubikopfsterben vom Anfang in den Griff bekommen."

"Wirkliche Schäden gab es hier noch nicht", sagt Steins. Einmal wurde ein Kaugummi auf ein Bild geklebt, mal stößt eine Handtasche ein Bild an. "Hin und wieder taucht auch Fremdkunst auf", sagt der 31-Jährige. Die Bilder, mit denen die Besucher kurzerhand die Ausstellung ergänzten, seien aber immer am gleichen Abend entfernt worden. Für jede Arbeit zieht Steins weiße Handschuhe an - es sind immerhin alles Pretiosen. Den Versicherungswert der Kunstwerke kenne er nicht. "Das will ich auch gar nicht wissen. Jedem Werk gebührt die gleiche Pflege." Deshalb sind auch die weißen Handschuhe dabei, als er mit einer ratternden Elektroschere den Rasen der "Siegesgärten" kürzt. Ein Gärtner könne das nicht: "Das geht nur mit Kunsterfahrung."

Chris Melzer/DPA DPA

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