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Fotografin Letizia Battaglia: Die Chronistin der Mafia

Wann immer der Polizeifunk Mafia-Morde meldete, raste sie auf ihrer alten Vespa los und fotografierte die Leichen. 30 Jahre dokumentierte die sizilianische Fotografin Letizia Battaglia so die blutigen Mafia-Kriege. Im Berliner Willy-Brandt-Haus wird sie nun mit einer Ausstellung geehrt.

Von Almut F. Kaspar

Am Tag, als der berühmte italienische Staatsanwalt und Mafia-Jäger Paolo Borsellino und fünf seiner Leibwächter in Palermo von einer Autobombe getötet wurden, wusste Letizia Battaglia, dass sie vorerst ihren Kampf gegen die Mafia verloren hatte.

Bis zu diesem Nachmittag des 19. Juli 1992 hatte die Fotografin und Journalistin ihr Leben darauf ausgerichtet, den furchtbaren Verbrechen der Mafia ein Gesicht zu geben. Battaglia ist nicht der Typ Frau, der Augen und Ohren verschließt und sich den Mund verbieten lässt. Doch dieser Mord, dieser hinterhältige Anschlag, war zu viel. Sie konnte und wollte nicht mehr durch Blutlachen stapfen und ihre Kamera auf übel zugerichtete Leichen richten. Zerschossene Gesichter, zerfetzte Körper, ohrenbetäubendes Geschrei voll Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Und überall Blut.

Jahrzehntelang war Battaglia eine der ersten an solchen Tatorten. Bis zu fünf Mafia-Morde täglich trugen sich in den siebziger und achtziger Jahren zu. Im Auftrag der kleinen kommunistischen Tageszeitung "L’Ora" sah Battaglia dem Grauen von 1974 bis 1990 ins Gesicht und hielt es mit ihrer Kamera fest. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten und Partner Franco Zecchin hörte sie ständig den Polizeifunk ab. Sobald ein neuer Anschlag gemeldet wurde, schnappten sie sich ihre Kameras und rasten auf ihren alten Vespa zum Ort des Verbrechens. Hinschauen, damit auch alle anderen hinschauten - das hatten sie sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht.

"Die Mafia ist unsichtbar geworden"

Über den 19. Juli 1992 sagt Battaglia: "Ich hatte die Kamera um den Hals, aber ich konnte nicht fotografieren. Es war grauenvoll. Ich sah einen Bauch, nur einen Bauch ohne Beine und Rumpf. Irgendjemand hat das alles fotografiert und veröffentlicht." An diesem Nachmittag legte sie ihre Kamera zur Seite. Auch heute, sechzehn Jahre später, denkt sie noch an diesen Moment. Und sie weiß: Die Mafia ist präsenter denn je: "Sie ist heute überall, sie hat die Verwaltungen, Medien und Parteien, die Rechte, aber auch Teile der Linken infiltriert, sie sitzt in den Köpfen der kleinen Leute und an den Schaltstellen der Macht. Natürlich gibt es immer noch mutige Beamte, Politiker, Journalisten und Geschäftsleute, aber die Grenzen verschwimmen. Die Mafia ist unsichtbar geworden."

78 Fotos bleiben zurück aus der Zeit, als sie noch sichtbar war. Bis zum 22. Juni werden sie im Berliner Willy-Brandt-Haus ausgestellt. 78 Bilder, die schonungslos mit den schwärzesten Seiten Italiens konfrontieren und die nichts an Ausdrucksstärke verloren haben. Trotz der hohen künstlerischen Qualität sind ihre Bilder keine Kunst. Sie sind eine Mahnung. "Die Kamera bin ich", sagt sie. Zeugin der Anklage.

Fotografin zunächst aus Pragmatismus, dann aus Berufung

Letizia Battaglia wurde 1935 geboren. Sie wuchs in einem Italien auf, in dem es klare Vorstellungen und gesellschaftliche Vorgaben gab, wie eine Frau zu sein hatte. Sie besuchte eine Klosterschule. Um ihrem despotischen Vater zu entkommen, heiratete sie bereits im Alter von 16 Jahren einen sizilianischen Macho, brachte drei Kinder zur Welt und führte das Leben einer angepassten Ehefrau und Mutter. Das ging lange Jahre so, dann brachte ein psychischer Kollaps die Wende: Sie verließ ihren Mann, nahm die Kinder mit, zog nach Mailand und begann mit knapp 40 Jahren noch einmal ein komplett neues Leben. Zunächst als Journalistin, später als Fotografin - nicht aus leidenschaftlicher Profession, sondern aus rein pragmatischen Gründen: Geschichten lassen sich mit Fotos besser verkaufen. Drei Jahre später kehrte sie nach Palermo zurück, es war die Zeit der großen Mafiakriege.

Heute blickt die 73jährige kritisch auf ihr Wirken zurück. Zwar war sie für die italienischen Grünen Stadträtin in Palermo und Abgeordnete im sizilianischen Regionalparlament, war Verlegerin und Mitgründerin einer Frauenzeitschrift. Dass sie als Chronistin der Mafia-Kriege viel erreichen konnte, bezweifelt sie indes: "Die Mafia kümmert sie nicht um unseren Schmerz. Es ist diese Arroganz, die ich versuche zu bekämpfen."

Die Bevölkerung hat sich ihren Unterdrückern angepasst

In den letzten 30 Jahren ist ihr Archiv auf mehr als eine halbe Million Dokumentarfotos angewachsen. Fotos, die schonungslos die Brutalität der Mafia enthüllen. Fotos von Opfern und Angehörigen. Fotos, die aber auch dokumentieren, wie sich die sizilianische Bevölkerung ihren Unterdrückern angepasst hat. Aus Angst oder stiller Verbundenheit - wer weiß.

Die Fotos sprechen für sich. Auf einem sitzen beispielsweise schwarz gekleidete Frauen auf ihren Stühlen, ins Gespräch vertieft. Auf dem Gehweg vor ihnen liegt eine Leiche in ihrem Blut. Was für eine absurde Szene. Ist es das, was die Mafia will? Abgestumpfte und unbeeindruckte Menschen, die sich gleichmütig mit den Gegebenheiten abfinden? Ihre Fotos sind schwarz-weiß. Auch ein Akt des Respekts vor den Opfern und deren Angehörigen. Außerdem: "Das viele Blut kann man nicht in Farbe aufnehmen", sagt Battaglia.

Sie schoss das Beweisfoto für einen Mafia-Prozess

Sie kennt die Brisanz ihrer Fotos. Bereits vor Jahren hat sie ihr gesamtes Archiv nach Paris gebracht. Was einmal aus diesem Material wird, weiß sie noch nicht: "Bisher hat sich kein Institut gefunden, das es hüten und damit arbeiten möchte. In Palermo jedenfalls gibt es keines." Als der siebenmalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti vor Gericht stand, konnte sie ein wichtiges Beweisfoto beisteuern. Es zeigte den Politiker in inniger Eintracht mit dem Mafioso Nino Salvo.

Im vergangenen Jahr wurde Letizia Battaglia für ihr mutiges Lebenswerk mit dem Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photografie ausgezeichnet. Sie ist immer noch gerührt über die Auslobung ihrer Arbeit: "Es ist Trost, Bestätigung, eine Liebkosung, wie ich sie in Italien nicht erfahre." Seit Jahren erhält sie keine Aufträge mehr in Italien, spielt dort kaum noch eine Rolle. Dafür wird sie in Wim Wenders neuem Film "Palermo Shooting" zu sehen sein, in dem sie eine kleine Rolle spielt. Ihre Gage hat sie einer Anti-Schutzgeld-Kampagne gestiftet, "obwohl ich ein paar neue Zähne bräuchte".

Mit dem Erich-Salomon-Preis erhielt die Fotografin eine Kamera mit Namensgravur, eine digitale Leica, die sie sich bis dahin nicht leisten konnte. "Mit dieser Kamera", sagt sie lächelnd, "fotografiere ich jetzt auch in Farbe." Alles, nur kein Blut mehr.

Die Ausstellung "Letizia Battaglia: Im Kampf gegen die Mafia" ist vom 17. Mai bis zum 22. Juni 2008 im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Berlin zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr

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