HOME

Hermann -Nitsch-Retrospektive: Schlachten, kreuzigen und schreien

Leichen, Leiber und viel, viel Blut - wenn der Wiener Performance-Künstler Hermann Nitsch auftritt, ist Protest nicht mehr fern. Mit einer großen Schau im Berliner Gropiusbau wird erstmals in Deutschland das Gesamtwerk des Österreichers gezeigt.

Wie in Ekstase wühlen die Männer und Frauen in den Därmen des aufgeschnittenen Schweins. Ihre Arme, Gesichter, die weißen Shirts und Hosen sind vollgespritzt mit Blut. An einem Kreuz hängt eine nackte Frau, deren Augen verbunden sind. Ihr wird aus einem Becher Blut eingeflößt. Dazu erklingt mystische Musik. Der Initiator dieser Aktionen ist der österreichische Künstler Hermann Nitsch. Seine wichtigsten Werke und Videos seiner Aktionen zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin vom Donnerstag an in einer Retrospektive. Bis zum 22. Januar sind in der Schau "Hermann Nitsch - Orgien-Mysterien-Theater" rund 300 Werke zu sehen, unter anderem Altare und großformatige Schüttbilder sowie Schreine, Partituren, Zeichnungen und Gewänder.

Dabei wird der Weg eines Mannes gezeichnet, der zu Beginn seiner Karriere Ende der 50er Jahre als absoluter Außenseiter mit seinen Aktionen - einer Mischung aus Happening und religiösem Ritual - Skandale provozierte, sogar mehrere Wochen ins Gefängnis musste, der dann aber Schritt für Schritt auch im Kunst-Establishment Fuß fasste. Mittlerweile gilt der 68-Jährige in seinem Heimatland als "lebendiger Heiliger". Im vergangenen Jahr wurde er mit dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Und im gutbürgerlichen Wiener Burgtheater durfte er ebenfalls 2005 sein Orgien-Mysterien-Theater vorführen. Ausschnitte davon sind auch in Berlin zu sehen - vier Stunden lang auf einer 18 Meter langen Leinwand. Auf der Bühne liegt ein gehäutetes Schwein, Menschen suhlen in seinem Blut und schreien. Davor sitzt ein Orchester und produziert einen sanften Klangteppich, die Töne werden dann aber immer schriller, lauter. Weiße Leinwände werden mit roter Farbe bekleckst.

Das Tor zur Unendlichkeit

Bilder und Aktionen gehören bei Nitsch zusammen. "Wer meine Bilder verstehen will, muss mein Theater verstehen und umgekehrt", sagte Nitsch kurz vor der Ausstellungs-Eröffnung. "Meine Aktionsmalerei ist die visuelle Grammatik meines Orgien-Mysterien-Theaters." Seine Aktionen seien auf den Bildern realisiert. Es gebe keine Bühne mehr. "Das Bühnenbild löst sich zur Wirklichkeit auf." Und am Ende werde dann das Tor zum Kosmos, zur Ewigkeit und Unendlichkeit geöffnet. Seine Kunst sprengt alle Grenzen, ist ekstatisch, roh, wild, Ekel erregend. Die Idee für das Orgien-Mysterien-Theater entstand bereits in den 60er Jahren. Ziel ist, die Sinne der Teilnehmer Schritt für Schritt bis auf das Äußerste anzuspannen. Auf dem Höhepunkt der Berauschung sollen dann Erkenntnisse über sich selbst und das Leben an sich gewonnen werden können. Dabei bezieht Nitsch alle Kunstformen mit ein, von der Malerei über Musik, Opferritual, Messliturgie bis hin zur Architektur.

Seit 1971 führt Nitsch, der heute als bedeutendster Vertreter des so genannten Wiener Aktionismus gilt, auf seinem Schloss Prinzendorf in Niederösterreich regelmäßig seine Orgien-Mysterien-Spiele durch, die an antiken Mysterienfesten orientiert sind. Bei den Aktionen werden Lärmorchester, Schreichöre und elektronisch verstärkte Instrumente eingesetzt. Höhepunkt war ein "Sechs-Tage-Spiel" im Sommer 1998. Das brachte ihm nicht nur glühende Verehrer, sondern auch erbitterte Gegner: Theologen, Politiker und Tierschützer protestieren heftig. Auf Grund von Morddrohungen mussten die Teilnehmer unter Polizeischutz gestellt werden. Nitschs Kunst ist in Berlin in 18 Räumen zu sehen. Ausgestellt sind unter anderem riesige Schüttbilder. Auf ihnen trug Nitsch die rinnende Farbe - zu Beginn der Karriere immer rot - auf die Leinwand auf, und ließ sie von oben nach unten fließen. Darauf schüttete er dann andere Farbschichten auf, wälzte die Leinwände oder grundierte Sackjute mit Besen und Pinsel.

Kirchenglocken und Orgelmusik

Erst in den 80er Jahren verwendete Nitsch dann auch lila, mittlerweile erstrahlen seine Bilder in allen Farben. In einem Raum erklingen Kirchenglocken, Orgelmusik ist zu hören. Zu sehen sind Altare, die aus einfachen Holzplanken zusammen gezimmert wurden, auf denen Messgewänder liegen. Dahinter hängt ein Kreuz an der Wand, an dem ein bunt bemaltes T-Shirt hängt. In einem anderen Raum sitzt ein leibhaftiges Streichquintett und spielt Kompositionen des Künstlers. 20 Videos zeigen ältere Aktionen. "Ich will das schönste Fest der Menschheit entwerfen, das keinen anderen Vorwand als das Leben selbst hat", erklärte Nitsch Anfang der 70er Jahre seinen Anspruch. Die Schau ist von mittwochs bis montags von 10.00 bis 20.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet sechs, ermäßigt vier Euro. Zur Ausstellung ist ein 150-seitiger Katalog für 25 Euro erschienen.

Holger Mehlig/AP

Themen in diesem Artikel