Installationskünstler Olafur Eliasson In dieser Ausstellung werden Sie total irre


Olafur Eliasson ließ einmal fünf Wintermonate lang die Sonne aufgehen, mitten in der Londoner Tate Modern. Zwei Millionen Besucher strömten herbei. Etwas Ähnliches könnte sich jetzt in Berlin wiederholen. Denn die Ausstellung "Innen Stadt Außen" ist sensationell und bietet jede Menge Überraschungen.
Von Anja Lösel

Am Anfang steht der Nebel. Einfach nur Nebel, dicht und rot gefärbt. Da also soll man durch. Vorsichtig tappt man voran. Wo ist hier das Ende, wie komme ich weiter und wieder raus? Langsam wird das Rot zu Orange, zu Gelb zu Grün, immer wieder neue Farben verwirren und lassen einen die Orientierung komplett verlieren, wenn sie nicht ohnehin schon weg war. Da, ein anderer Besucher! Schon ist er wieder weg, verschwunden im Dunst. Noch einer. Wir lachen, freuen uns, einen Menschen zu treffen, und trennen uns wieder. Schwummrig wird einem, auch ein wenig schwindlig, und doch ist es wunderschön, so im Farbenrausch zu schwelgen und sich umwabern zu lassen, ganz allein und trotzdem umgeben von anderen.

Optische Spielereien und technische Wunderwerke sind Olafur Eliassons Spezialität. Da verspritzt ein beweglicher Schlauch Wasser im dunklen Raum, grelles Stroboskoplicht macht ihn sichtbar und lässt die Tropfen funkeln wie Brillanten. Wer danach ermattet zum Fenster hinausschaut und Erholung für die Augen sucht, sieht sich plötzlich mit sich selbst konfrontiert. Denn an der gegenüberliegenden Wand ist ein Spiegel in die Fassade montiert, kaum sichtbar und deshalb besonders verblüffend.

Ein Spiegelsaal, hell und glitzernd

Der Höhepunkt ist die Arbeit im riesigen Lichthof. Der ist komplett zugebaut mit einem Stahlgerüst, düster und abweisend. Doch halt, da gibt es ja noch ein Schlupfloch. Hinein also - und ahhhh! Ein Spiegelsaal öffnet sich, hell und glitzernd. Ins Unendliche scheint er zu reichen. Verwirrt von den Spiegelungen der eigenen Person und der anderen Besucher, versucht man herauszufinden, wie das alles funktioniert und wo genau man eigentlich ist. Und erkennt nach und nach: Mit raffiniert gespannten Folien hat Eliasson das Glasdach aus dem 19. Jahrhundert derart gekonnt heruntergespiegelt, dass ein komplett neuer, 20 Meter hoher Raum entstand, eine Art Gewächshausarchitektur. Weil die Spiegelfolien sehr dünn sind, zittern sie bei jedem Schritt. Der Raum scheint zu beben und zu atmen: unheimlich und wunderschön.

Olafur Eliasson, der Däne mit den isländischen Wurzeln, scheint alles zu können. Er ist Künstler, Bastler, Erfinder, Konstrukteur. Aber viele seiner Tricks sind nur möglich, weil er ein ganzes Team von Experten beschäftigt. In seinem imposanten Werkstatthaus am Pfefferberg arbeiten 30 Leute - vom Schreiner über den Architekten bis hin zum Physiker. Hier experimentieren sie in einer Art von Alchimistenküche. Zwei Köchinnen sorgen für Leckerbissen, jeden Tag wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Eine kleine, eingeschworene Gemeinde. "Meine Leute sind für mich wie eine Brille, durch die ich die Welt besser sehen kann", sagt Eliasson.

Im "Model Room" zeigt er zum ersten Mal Einblicke in diese gemeinsame Arbeit. Auf einem riesigen Tisch in der Ausstellung sind Hunderte von Modellen ausgebreitet: Prismen, Kugeln, Spiralen und Ellipsen aus Holz, Metall, Papier und Glas. Dazwischen kleine Bildschirme, die die Crew bei ihren Experimenten zeigen. Nur ein Arbeitstisch - und doch ein bewegendes Kunstwerk für sich.

Holzklötze liegen wie angeschwemmt herum

"Innen Stadt Außen" heißt die Ausstellung im Gropius-Bau, denn es geht hier auch um Berlin. Um diese Stadt, in der Eliasson, 43, seit zwei Jahrzehnten lebt, und die ihm, dem Weltstar des Kunstbetriebs, noch nie eine große Ausstellung ausgerichtet hat. Er holt Berlin rein in den Gropius-Bau: mit einem schönen Film über Stadtstrukturen und einem Laufsteg aus dicken Berliner Bürgersteigplatten. Aber er lockt auch hinaus auf die Straße, zu seinen wie zufällig abgelegten Arbeiten in der Stadt: Fahrräder mit runden Spiegelrädern lehnen einfach irgendwo am Baum. Weiße Farbstreifen, wie sie die Straßenmitte markieren, tauchen im Park auf. Holzklötze liegen wie angeschwemmt auf der Straße herum. Wer mag, soll suchen, wer Glück hat, stößt von selbst darauf.

"Ich glaube an die gesellschaftliche Macht, an die Stärke der Kunst", sagt Olafur Eliasson. Kunst wird zu oft wie ein Heiligtum zelebriert. Dabei wäre es doch besser, wenn man laut sein dürfte im Museum, diskutieren, streiten, lachen könnte. Mit seiner Kunst rührt und bewegt er die Menschen und macht sie zu einer Gemeinschaft. "Kunst soll wieder etwas für alle werden", so Eliasson. "Sie muss mit unserem Leben zu tun haben." Hier ist es ihm gelungen.

Die Ausstellung "Innen Stadt Außen" ist im Martin-Gropius-Bau in Berlin noch bis zum 9. August 2010 zusehen; täglich 10-20 Uhr. Am Gallery Weekend, 29.4. bis 1.5., geöffnet von 10–24 Uhr. Der Katalog kostet 29 Euro


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