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New York Waterfalls: Kann Wasser sexy sein?

Der dänische Künstler Olafur Eliasson hat mit Hilfe von Gerüsten am East River vier Wasserfälle installiert. Das Kunst-Spektakel soll bis Oktober Touristen nach New York locken und Geld in die Kassen der Stadt spülen. Aber sind die Wasserfälle auch eine Attraktion?

Von Ulrike von Bülow

Morgens um halb sieben schon kreisen drei Hubschrauber über dem East River und der Brooklyn Bridge, der Stadtsender "NY1" berichtet live aus Downtown Manhattan: Am "Southstreet Seaport", wo die Schiffe der Circle Line ablegen, die Touristen zur Freiheitsstatue bringen, steht eine blonde Reporterin vor einer Kamera, das Haar vom Winde verweht. Sie spricht in Ausrufezeichen, es geht um ein Projekt, "das New York City 55 Millionen Dollar einbringen soll". Man denkt, gleich fällt sie vor Freude vom Pier, aber dann verabschiedet sie sich mit den Worten: "Die Wasserfälle werden heute eröffnet!"

New York ist ziemlich aufgeregt an diesem Donnerstag, an dem die Stadt eine neue Touristen-Attraktion bekommt: Die "New York City Waterfalls". Vier riesige Wasserfälle, die der dänische Künstler Olafur Eliasson am East River installiert hat. Indem er vier riesige Gerüste geschaffen hat, von denen dank eines höchst umweltfreundlichen Pumpsystems Wasser herunterfällt, insgesamt mehr als 150.000 Liter pro Minute. Heute kann man sie erstmals begutachten, die Frage ist: Sind die Wasserfälle die ganze Aufregung wert?

Kunst-Spektakel für vier Monate

Gegen halb zehn taucht Olafur Eliasson am "Southstreet Seaport" auf: Er macht einen ziemlich entspannten Eindruck, trägt ein Post-it-gelbes Hemd und eine rahmenlose Brille. Eliasson war als Jugendlicher skandinavischer Meister im Breakdance, heute bewegt er sich eher sparsam. Er schlurft zu einer Pressekonferenz mit Michael Bloomberg, New Yorks dynamischem Bürgermeister, der sein Projekt mächtig unterstützt; es soll ja ein paar Taler in die Kassen seiner Stadt spülen.

Vom "Southstreet Seaport" aus kann man alle vier Wasserfälle sehen: Einer befindet sich unterhalb der Brooklyn Bridge, an einem der prächtigen Pfeiler, ein anderer am Ufer in Manhattan, ein weiterer schräg gegenüber am Ufer in Brooklyn. Dann gibt es noch einen auf Governor Island, einem Inselchen südlich von Manhattan. So richtig spektakulär schauen die Wasserfälle auf den ersten Blick nicht aus: Man erkennt mehr Gerüst als Wasser, das lässt sie furchtbar unnatürlich erscheinen. Aber vielleicht ist die Wirkung eine andere, wenn man näher dran ist und mit einem Schiff an den Wasserfällen vorbeifährt. Erstmal aber haben Olafur Eliasson und Michael Bloomberg das Wort. Blöd nur, dass es pünktlich zu ihrer Pressekonferenz anfängt zu regnen. Aber der Bürgermeister sagt: "Heute ist ein fantastischer Tag, endlich sind sie hier: die Wasserfälle! Menschen aus aller Welt werden hierher kommen, um sie sich anzusehen. Das Projekt verspricht einen großen Schub für unsere Wirtschaft."

Die "New York City Waterfalls" sind das größte öffentliche Kunstprojekt seit "The Gates" im Jahr 2005: Damals errichteten Christo und Jeanne-Claude für zwei Wochen 7500 Tore mit safrangelben Stoffbahnen im Central Park. Die Besucher kamen scharenweise nach New York, die Stadt verdiente sich dumm und dösig. Olafur Eliasson hat zwei Jahre lang mit Ingenieuren, Wissenschaftlern, Tauchern und Umweltexperten an seinen vier Gerüsten gearbeitet. Nun tritt er vor das Mikrofon: "Es geht um die Beziehung zwischen Mensch und Stadt", sagt Eliasson. "Die New Yorker haben Wasser immer für selbstverständlich gehalten. Jetzt können sie sich auf so etwas Episches wie einen Wasserfall einlassen, den Wind sehen und seine Schwerkraft spüren." Nun sei es nicht mehr sein Kunstwerk, "jetzt ist es ein Teil der Stadt".

Geht die Rechnung die für die Stadt auf?

New York ist ja tatsächlich, man vergisst das manchmal in der Betonwüste Manhattan, eine Wasserstadt, die vor allem aus Inseln besteht: Von den fünf Stadtteilen - Manhattan, Brooklyn, Queens, die Bronx und Staten Island - ist nur einer mit dem Festland verbunden: die Bronx. In New York gibt es mehr Brücken als in Venedig. Und nun gibt es hier vier künstliche Wasserfälle, die bis zu über 35 Meter hoch sind - und somit nur um ein gutes Viertel niedriger als die Niagara-Fälle.

Eliassons Projekt läuft bis zum 13. Ende Oktober, es kostet etwa 15 Millionen Dollar; das Geld kommt vor allem von privaten Spendern, auch Michael Bloombergs Finanzdatenkonzern hat etwas dazu gegeben. Der Name Olafur Eliasson soll ziehen, er hat schon mehrfach mit gigantischen Aktionen für Aufmerksamkeit gesorgt. So färbte Eliasson zwischen 1998 und 2001 mehrere Flüsse weltweit mir grünem Farbstoff ein, "Green River" hieß das Projekt. Und sein "Weather Projekt" lockte 2003 innerhalb eines halben Jahres mehr als zwei Millionen Besucher in Londons "Tate Modern", wo er eine künstliche Sonne ausgehen ließ. New York macht nun kräftig PR für die Wasserfälle, Hotels bieten spezielle "Waterfall packages" an, es gibt Rad- und Fußgänger- und natürlich Bootstouren. Die Frage ist nur noch, ob die Rechnung am Ende aufgeht.

Eliasson und Bloomberg besteigen nun mit Journalisten ein Schiff der Circle Line, das nacheinander alle vier Wasserfälle abfährt. Diese schauen auch bei näherem Hinsehen nicht besonders aufregend aus. Das Gerüst am Ufer in Brooklyn steht zwischen verfallenen Lagerhallen und einem Parkplatz, das am Ufer in Manhattan vor einer Art Plattenbausiedlung. Sexy ist etwas anderes. Und das Wassergerüst am Pfeiler der Brooklyn Bridge nimmt man kaum wahr, weil man fasziniert hoch schaut zur Brücke, die ja schon ein Hingucker ist. Und als das Boot an Governors Island vorbei schippert, blicken viele lieber Richtung Manhattan, auf die Skyline, die selbst bei Regen mächtig beeindruckend ist. Das Problem ist vielleicht: New York braucht keine Wasserfälle. New York an sich ist Attraktion genug.

Weitere Infos

www.nycvisit.com/waterfalls
www.nycvisit.com/german
www.circlelinedowntown.com

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