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Kunstsammler in Berlin: Kunstschätze im Nazi-Bunker

Immer mehr Kunstsammler zieht es nach Berlin. In erlesenen Räumen zeigen sie ihre persönlichen Schätze. Neuester Zugang: der Werber Christian Boros, der 500 Werke von angesagten Künstlern wie Jonathan Meese oder Damien Hirst besitzt. Für sein Privatmuseum hat er sich einen Nazi-Bunker umbauen lassen.

Von Anja Lösel

Christian Boros muss verrückt sein. Anders ist nicht zu erklären, dass der Inhaber einer Wuppertaler Werbeagentur sich einen Bunker mit drei Meter dicken Wänden kaufte. Mitten in Berlin. Fünf Jahre ist das jetzt her, und alle hatten ihm damals abgeraten, den Betonklotz umzubauen für seine Kunstsammlung. Viel zu eng, zu niedrig, zu schwierig, zu teuer.

Glühen für die Kunst

Boros, 43, war das egal. "Mich hat nie interessiert, was leicht zu haben ist", sagte er und legte einfach los. Ließ mit Diamantsägen Wände und Decken herausfräsen, bis eine raffinierte Raumfolge über fünf Stockwerke entstand. Bat Künstler, ihre Arbeiten selbst aufzustellen. Und ließ sich auch noch ein superschickes Wohnhaus aufs Dach setzen.

Nun ist er erschöpft und glücklich. Wochenlang haben Boros und seine Frau Karen Freunde, Gäste, Neugierige empfangen. Meistens stand er schon in der Tür, wenn die Besucher kamen, rauchte noch schnell eine Zigarette und führte dann mit leuchtenden Augen durchs Haus, während seine Backen rot und röter wurden. Ja, er glüht für die Kunst, das kann man sehen.

Vier Jahre hat es gedauert, bis alles fertig war. Immer wieder musste Boros die Eröffnung verschieben. Jetzt ist es endlich soweit, alles ist fertig. Ab 7. Juni wird der Bunker jeden Samstag zu besichtigen sein - nach Anmeldung und gegen ein Eintrittsgeld von zehn Euro.

Geschichtsmagnet ohne Handyempfang

Wer allerdings glaubt, hier in ein halbwegs normales Museum zu kommen, der wird sich wundern. Es gibt weder Tageslicht noch Handyempfang.

Gespenstisch still ist es, denn durch die meterdicken Wände mit den Einschusslöchern dringt kein Laut. Panzertüren mit schweren Griffen. Schmale Fensterschlitze. Der Bunker sieht nach wie vor wie ein Betonklotz aus, denn, so Boros, der Bau ist "ein Geschichsmagnet" und man soll seine Vergangenheit spüren. Die war wild bewegt: im Krieg Zufluchtsort für Anwohner und Reisende aus dem Bahnhof Friedrichstraße, danach Gefangenenlager der Roten Armee, in der DDR Bananenspeicher und zur Nachwendezeit Sado-Maso-Bar und Techno-Club. "Die Leute, die hier tanzten, waren nass bis zu den Knien, weil das Kondenswasser nicht raus konnte und sich am Boden sammelte", sagt Boros.

Und nun also Kunst. Rund 50 Arbeiten von 21 Künstlern sind in der ersten Ausstellung auf 3000 Quadratmetern zu sehen - und zwar nur Werke, die Licht oder Raum zum Thema haben. Im Foyer schwingt eine riesige Glocke hin und her - stumm, denn der Künstler Kris Martin hat den Klöppel weggelassen. Der dänische Künstler Olafur Eliasson zeigt gleich zehn Arbeiten. Besonders schön: ein gefährlich rotierender Ventilator, der an langer Schnur durch den 13 Meter hohen Raum schwingt, nur haarscharf über den Köpfen der Besucher.

Raumgreifender Umbau

Für solche raumgreifenden Arbeiten durchbrachen die Architekten Jens Casper und Petra Petersson vom Berliner Büro "Realarchitektur" die bis zu drei Meter dicken Wände und Decken, um höhere und größere Räume zu gewinnen. Eine Sisyphusarbeit. "Die Arbeiter wurden zu Kettenrauchern, weil sie ewig warten mussten, bis die Diamantscheiben sich durch den Beton gefressen hatten", stöhnt der Bauherr. Der Umbau brachte ihn an seine Grenzen - psychisch und finanziell. "Ich hatte jede Woche einmal Angst", gibt Boros zu.

"Wenn ich gewusst hätte, was kommt, hätte ich das nie gemacht." Und dabei guckt der kleine Mann mit dem markanten Schädel so stolz und zufrieden, dass man ihm die Sorgen kaum abnehmen mag. "Eine Große Leistung der Architekten", sagt er. "Die haben nicht gebaut, sondern weggenommen." Und dadurch erst Räume geschaffen, die geeignet sind für Kunst.

"Der Anselm", "der Olafur", "der Jonathan" sagt Boros, wenn er von seinen Stars Reyle, Eliasson und Meese spricht. Er lädt sie zum Essen ein, diskutiert mit ihnen über Kunst und die Welt, fühlt sich als einer der ihren. Seit fast 20 Jahren sammelt er nun schon. Der Grund: "Ich will die Gegenwart verstehen und mit Künstlern sprechen. Deshalb käme ich nie auf die Idee, Picasso zu sammeln."

Der Clou: Auf das Dach des Bunkers ließ Boros ein megaschickes Wohnhaus im Stil Mies van der Rohes setzen. Eine flache Kiste aus Beton, Stahl und Glas. Dort verbringt er nun mit Frau Karen und den beiden Söhnen die Wochenenden über den Dächern von Berlin - mit Pool und Garten.

An der rohen Betonwand hängt ein Punkte-Bild von Damien Hirst, das einen siebenstelligen Euro-Betrag wert ist. Gekauft hat er es 1991, als noch kaum jemand Hirst kannte und seine Bilder zu bescheidenen Preisen zu haben waren. Auch die drei Porträtbilder der englischen Malerin Elizabeth Peyton, die im Wohnzimmer rumhängen, dürften ihren Wert mindestens verzehnfacht haben, seit Boros sie besitzt.

Aber um Wertsteigerung geht es ihm angeblich ja nicht, sondern darum, die Kunst zu verstehen. "Kunst ist nicht wie Seife, die sich mit dem Gebrauch abnutzt. Kunst wird immer größer, je länger man sich damit beschäftigt", sagt Boros. Und: "Kunst ist dazu da, geteilt zu werden. Es gibt fast nichts Schöneres, als mit Freunden über Kunst zu reden."

Hoch über den Dächern von Berlin kocht er seinen Gästen einen Espresso in der riesigen Designerküche. Im offenen Kamin ist das Holz feinsäuberlich aufgeschichtet, das Wasser des Pools auf der Terrasse wirft Sonnenflecken auf die Decke. Eine Schale mit Nüssen und eine Vase mit Gladiolen stehen dekorativ herum. "Ist das zu sehr Schöner Wohnen?", fragt Boros unsicher. Und spielt das Lob über den edlen Muschelkalkboden herunter: "Ist im Prinzip nur hart gewordene Matsche."

Sammler mit Intuition und Glück

Seine Frau Karen Lohmann ist Kunsthistorikerin und arbeitet bei der Messe Art Basel. Berät sie ihn? "Sie spielt eine große Rolle bei den Entscheidungen. Aber wenn ich überzeugt bin von einer Arbeit und sie nicht, dann kaufe ich trotzdem. Bei Jonathan Meese habe ich das gemacht!" Deshalb ist er nun stolzer Besitzer von sieben Gemälden des chaotisch-liebenswerten Berliner Künstlers. Eins davon trägt den hübschen Titel "Der Seepferdlein-Cowboy mit Kuchenohren, Schokoladendaddy-Fingern und Whiskeyzähnchen". Viel Stoff für lange Kamingespräche.

Boros kam Anfang der siebziger Jahre mit seinen Eltern nach Deutschland. Da war er noch ein Kind und trotzdem schon der "Scheißpolacke". Klein von Statur musste er sein Leben lang kämpfen und sich beweisen. Mit 24 gründete er die eigene Werbeagentur, mit 25 fing er an, Kunst zu kaufen. Mit Intuition und Glück kaufte er Arbeiten genau der Künstler, die heute zu den hochbezahlten Superstars gehören.

Triebtäter für die Kunst

Wolfgang Tillmans etwa kaufte er, als dessen Fotos noch um die 400 Mark kosteten. Heute sind manche davon hundert Mal so viel wert - Ikonen der Klub- und Jugendkultur.

"Sammler sind triebhafte Menschen", sagt Boros. Sie kaufen, wenn sei kaufen müssen. Manchmal ohne nachzudenken und aus Bauch heraus. "Als Sammler darf man keine Angst haben", sagt Boros. Er hat das Glück, dass er als Werber um "die Kraft der Bilder" weiß. "Ein gutes Auge ist mein Beruf."

Seit neuestem haben die Sammler aber auch Macht - vor allem in Berlin. Kunstkenner wie Erika Hoffmann, Wilhelm Schürmann, Celine und Heiner Bastian oder Axel Haubrok besitzen und erwerben Werke, an die Museen sich noch nicht rantrauen oder die sie sich von ihren schmalen Budgets nicht leisten können. Plötzlich bestimmten Privatleute, welche Künstler ausgestellt werden, welche Werke die Öffentlichkeit zu Gesicht bekommen soll. Und verändern so Stadt und Kunstwelt.