BMW Art Cars Schockgekühlter Alien-Wurm


Ein High-Tech-Auto im Museum? Einer der gefragtesten Künstler in der Kältekammer? Und all das für ein Fläschchen Wasser? Helmut Werb ging der Frage bei einem Besuch im San Francisco Museum of Modern Art auf den Grund.
Von Helmut Werb

Zehn Grad Minus und Olafur Eliasson, einer der gefragtesten Künstler unserer Zeit, bibbert vor Kälte in der extra für sein Kunstwerk installierten Kältekammer im San Francisco Museum of Modern Art, stilvoll prägnant auch SFMoMA betitelt. San Franciscos extrem betuchte Kunst-Elite, sonst eher snobbistisch zurückhaltend anwesenden Künstlern gegenüber, hatte sich seit Wochen um die Tickets für die Vernissage gerissen, und nun wollen alle das Oeuvre des isländischen Dänen mit Studio in Berlin gesehen haben, jenem Werk, von dem nicht nur die kalifornische Kunstwelt spricht, sondern auch BMW.

Unter dicker Eisschicht steckt das wasserstoffgetriebene Rekordfahrzeug H2R der bayrischen Motorenschmiede, nicht unähnlich einer gefrässigen Raupe aus einem ScienceFiction Film, das letzte und beeindruckendste in der Reihe von BMWs Art Cars, und raubt den Anwesenden im wahrsten Sinne des Wortes den Atem. Selbst der Künstler, eingemummt in dicke Decken, hält es nicht lange in der brachialen Kälte aus, die sein beeindruckendes Kunstwerk vor dem Abtauen schützt. Zweieinhalb Jahre lang arbeitete Eliasson und sein Team von dreissig Assistenten am Werk "Your Mobile Expectations - BMW H2R Project", inspiriert sowohl vom rapid zunehmendem Schmelzwasser eines isländischen Gletschers als auch vom verfügbarem Barem der bayrischen Automarke.

Kein Interesse an der materiellen Seite des Werkes

Auf die Frage, warum er denn ausgerechnet ein Fahrzeug der Marke BMW als Grundlage für sein neuestes Werk verwendete, antwortet er beredt, durch sein Bemühen, Kunst, Design und Umweltfragen zusammen zu bringen, hoffe er, "in vielerlei Art zum Denken über Autos und andere Dinge beizutragen". Obiger Einwurf, vielleicht läge es auch an der nicht unerheblichen Summe, die ihm die bayrischen Autobauer - nebst einem voll funktionierenden Wasserstoff-Modell des H2Rs - zur Verfügung stellten, wird von einem seiner zahlreichen Assistenten vehement abgelehnt. Olafur, und damit könnte selbiger Assistant durchaus recht haben, hätte an der materiellen Seite des Werkes kein Interesse. Sowas hätte er nun wahrlich nicht mehr nötig.

BMW allerdings schon, denn die Bayern benützten die öffentliche Vorstellung des sensationellen Eliasson-Werkes zur Präsentation ihrer Wasserstoff-getriebenen Siebener-Serie auf kalifornischen Freeways zwischen San Francisco und der Schwarzenegger-Hauptstadt Sacramento. Es sei ein glückliches Zusammentreffen, jene geographische Kongruation zwischen Arnolds progressiven Umweltinitiativen und dem Museum in San Francisco, sagt ein BMW-Vertreter, während die Fahrzeuge in Sacramento an einer der zwanzig Wasserstoff-Tankstellen der US-Westküste aufgetankt werden, und die H2-reisenden Pressevertreter insgeheim (aber vergeblich) hoffen, der Linzer Exportschlager wurde höchtspersönlich auftauchen. Die ausgewählten Reporter, die die umgerüsteten Zwölfzylinder-Modelle fahren durften, waren jedoch weniger von der Symbolik der Veranstaltung beeindruckt, als vom alltaugstauglichen Fahrverhalten der revolutionären Luxuslimousinen - von der Tatsache mal abgesehen, sehr flott und gleichzeitig vollkommen Schadstoff-frei voranzukommen, denn aus dem Auspuff des Siebeners kommt beim H2-Betrieb durchaus trinkbares Wasser, das BMW medienwirksam in Flaschen abgefüllt hatte.

Tankstellen-Infrastruktur verhindert schnelle Markteinführung

Zwar wurde aus bautechnischen Gründen die Leistung der Hydrogen 7er von rund 400 PS auf knappe 260 PS reduziert (was das Temperament des Autos deutlich senkt, für amerikanische Verhältnisse aber mehr als ausreicht), den grössten Teil des sonst voluminösen Kofferraums nimmt nun ein superisolierter Tank ein, der die Temperatur des flüssigen Wasserstoffs auf 253 Grad minus hält, plus ein paar Knöpfchen und Anzeigen mehr, sonst fährt sich das Flagschiff der Bayern wie jede andere Siebener-Limousine auch. Einer recht schnellen Markteinführung des "Eitsch-Tuu-Bimmers", wie ihn eine amerikanische Kollegin wenig respektvoll nannte, stünde nichts im Wege, gäbe es nicht das Problem der Tankstellen-Infrastruktur.

Das Huhn/Ei-Problem nannte es der BMW-Sprecher, was müsse denn als erstes da sein, der Sprit oder das Auto, das es tankt. Da muss sich noch einiges tun, meinen selbst wohlgesinnte Experten wie John Addison vom "Clean Fleet Report", einer kalifornischen Umweltinitiative, der selbst im vorausdenkenden Schwarzenegger-Kalifornien mit mehr als einem Jahrzehnt rechnet, bevor sich Wasserstoff-Antriebe durchgesetzt haben werden. Deshalb habe BMW die Siebener so konstruiert, dass während der Fahrt problemlos vom Wasserstoff auf normales Benzin umgeschaltet werden könne, meint Jochen Schmalholz von BMWs Clean Energy Communications. Das klappt in der Praxis auch ganz prima, da macht dann selbst die H2-Reichweite von (im Normalbetrieb sehr, sehr) knappen 300 Kilometern nichts aus - nach leerem Wasserstofftank ist immer noch genügend herkömmliches Benzin im Tank, um nochmal 300 Kilometer lang die nächste Tankstelle zu suchen.

Die Bayern setzen weiterhin auf Flüssiges

Trotz des pragmatischen Vorpsrungs ist selbst heute noch nicht geklärt, welches System sich denn nun durchsetzen würde - BMWs Umrüstung von Verbrennungsmotoren auf flüssigen Wasserstoffbetrieb, oder die von General Motors oder Honda entwickelten Brennstoffzellenantriebe, die mit gasförmigen Wasserstoff gespeist werden. Die Bayern – entsprechend ihrer Natur - setzen weiterhin auf Flüssiges. Und auf die Künstler, die Eis draus machen.


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