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Kulturstaatsminister: Transparentere Rückgabe von NS-Raubkunst

In der Diskussion zur Restitution von NS-Raubkunst hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann einen ersten Konsens erreicht. Die Rückgabe von Kunstwerken soll in Deutschland künftig "transparenter, koordinierter und nachvollziehbarer" geschehen.

"Deutschland steht uneingeschränkt zu seiner moralischen Verantwortung für die Restitution von NS-Raubkunst, wie sie im Washingtoner Abkommen fixiert ist", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nach einem Treffen mit Museumsdirektoren und Kunstexperten im Kanzleramt. "Eine Aushöhlung dieser moralischen Verpflichtung wird es nicht geben." Das Verfahren bei der Restitution müsse aber durchschaubarer werden.

Herkunft besser erfoschen

Bund und Länder wollen die Herkunft der Kunstwerke in den Museen dafür besser erforschen. Die so genannte Provenienzrecherche solle deutlich gestärkt und bundesweit besser koordiniert werden, erklärte Neumann. Dabei müsse es eine enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden geben - auch unter Einbeziehung der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder. Die Jewish Claims Conference begrüßte, dass "endlich die Bestände der öffentlichen Sammlungen nach geraubtem jüdischem Kunstbesitz durchforstet werden sollen". Dabei dürfe es keinerlei "Verfalls- und Haltefristen" geben.

Neumann sagte, Ziel sei eine Befriedung zwischen allen Beteiligten zu erreichen und die zur Zeit eher emotionale Diskussion zu versachlichen. Dazu gehöre auch mehr Transparenz über bisherige Restitutionsfälle. Die Washingtoner Erklärung von 1998 steht nach Angaben von Neumann nicht zur Disposition. Die der Umsetzung dienende "Gemeinsame Erklärung" von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden von 1999 sowie die "Handreichung" von 2001 würden von einer noch einzuberufenden Arbeitsgruppe im Hinblick auf ihre friedensstiftende Wirkung und auf ihre Praktikabilität überprüft.

"Hausaufgaben besser machen"

Im Bereich Herkunftsforschung müssten "Hausaufgaben" gemacht werden, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, der dpa. Die Provenienzforschung könnte von der Bundeskulturstiftung und Kulturstiftung bundesweit organisiert und finanziert werden. Auch kleineren Museen müsse es mit Hilfe von Experten ermöglicht werden, die Geschichte einzelner Werke nachzuvollziehen, sagte Lehmann. Die Berliner Museen seien derzeit mit "einer Handvoll" Forderungen nach Restitution konfrontiert. Einen Überblick über die Gesamtzahl der Rückgabeforderungen gebe es nicht.

Bundesweit werden von deutschen Museen nach Expertenschätzungen allein rund hundert Werke des deutschen Expressionismus zurückgefordert. Dazu gehören Franz Marcs Ölbild "Die kleinen blauen Pferde" (1912) aus der Stuttgarter Staatsgalerie, Kirchners "Urteil des Paris" (1913) aus dem Wilhelm- Hack-Museum in Ludwigshafen und Marcs "Katze hinter einem Baum" (1910/1911) aus dem Sprengel Museum Hannover. Betroffen sollen mehr als ein Dutzend Häuser sein.

Das Gespräch sei überfällig gewesen, sagte der Generaldirektors der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth. "Die „Handreichung“ muss der Wirklichkeit angepasst werden." Über einzelne Fälle sei bei dem Treffen nicht gesprochen worden. Roth fordert einen so genannten Feuerwehrfonds. Aus diesem solle den Museen ein Darlehen gewährt werden, damit sie bei Restitutionsansprüchen den Erben der Sammler ein schnelles Angebot machen können. Damit soll verhindert werden, dass Werke vorschnell auf dem internationalen Kunstmarkt versteigert werden.

Neumann will dem Treffen weitere Gespräche folgen lassen, unter anderem auch mit Opfer-Organisationen. Am nächsten Gespräch werden Vertreter der Jewish Claims Conference teilnehmen. Ein Termin für das zweite Treffen wurde zunächst nicht bekannt gegeben.

Unterdessen wurden die im Zusammenhang mit der umstrittenen Rückgabe des Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene" aus dem Berliner Brücke-Museum gestellten Vorermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Berliner Politiker eingestellt. Ein strafbares Verhalten liege "erkennbar nicht vor", erklärte die Staatsanwaltschaft. Den Politikern war vorgeworfen worden, das Gemälde voreilig zurückgegeben zu haben.

DPA/Reuters / DPA / Reuters