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Max-Beckmann-Ausstellung: Gesprengte Ketten

Was die Kuratoren und Kunsthistoriker an die Wände der Pinakothek der Moderne gehängt haben, ist die wohl spektakulärste Ausstellung von Max Beckmann, die jemals gezeigt wurde. Vor allem aber soll es eine Wiedergutmachung sein.

Von Rupp Doinet

Nach zwei Stunden spricht die Frau am Einlass davon, sich in München wohl demnächst besser nicht mehr blicken zu lassen. Zu viele Besucher hätte sie wieder nach Hause geschickt, sich zu viele "Feinde gemacht", darunter ein paar lokale C-Prominente, die sich mit den Worten verabschiedeten: "Sie werden noch von mir hören" oder: "Sie wissen wohl nicht, wer ich bin."

Die Damen und Herren hatten das Pech, nicht auf der Liste der etwa 200 Auserwählten zu stehen, die als erste die Ausstellung "Max Beckmann - Exil in Amsterdam" in der Pinakothek der Moderne in München sehen durften - und das waren keine Promis, sondern ganz normale Münchner - Mitglieder der Stiftung "Pinakothek der Moderne", die jahrelang darum gekämpft und dafür gesammelt hatten, dass München ein Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts bekommt. Nun standen sie in ihren besten Anzügen und Kleidern im runden Foyer: Handwerker, Kaufleute, Lektorinnen, Sekretärinnen, ein paar Unternehmer, und über ihnen schwebte ein leichter Hauch von Maiglöckchen und Mottenkugeln.

Was die Kuratoren und Kunsthistoriker da an die Wände des gerade mal fünf Jahre alten Museums gehängt haben, ist die wohl spektakulärste und wichtigste Ausstellung von Max Beckmann (1884 - 1950), des bekanntesten deutschen Künstlers des vergangenen Jahrhunderts. Vor allem aber ist es eine Wiedergutmachung. Es war in München, wo im Juli 1937 in den Ateliergebäuden des Hofgartens die Ausstellung "entartete Kunst" eröffnet wurde, Höhepunkt einer üblen Hetz- und Schmähkampagne gegen Künstler, die nicht der Blut-und-Boden-Linie des Hobbymalers Adolf Hitler entsprachen - Maler aus Künstlergemeinschaften wie "Brücke" oder "Blauer Reiter", Impressionisten, Expressionisten, Kubisten, unter ihnen Otto Müller, Rohlfs, Chagall und eben Max Beckmann.

"Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit und des Nichtskönnens"

Am 19. Juli 1937 hörte Beckmann am Radio in seinem Berliner Atelier, wie Hitler diese Kunst als "Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit und des Nichtskönnens" schmähte und ankündigte, man werde diese "entartete Schmiererei" ausmerzen "und zwar sofort." In den Jahren zuvor schon hatte Beckmann seine Professur verloren, seine Bilder durften nicht mehr gezeigt werden, allenfalls in "Schandausstellungen". Um ihn zu demütigen, hatte Hitler angeordnet, dass die Werke dieses "Judenknechts" als Zeugen eines "dunklen Kapitels deutscher Geschichte" aufbewahrt werden sollten - was sich heute als Segen erweist.

Er saß in Holland in der Falle

Beckmann ist damals mit "Quappi", seiner zweiten Frau, nach Amsterdam geflüchtet. Sein letztes in Deutschland gemaltes Werk, das Triptychon "Versuchung", nahm er mit. Es ist jetzt bei der Ausstellung in der Pinakothek das erste Bild und das einzige, das nicht im Exil entstanden ist. Eigentlich wollte Beckmann nach Paris, wo er ein Atelier hatte und wo er gemeinsam mit Picasso (für Spanien), Braque (für Frankreich) und Beckmann (für Deutschland), eine Art europäische Kunstkommune gründen wollte. Aber das ging nun nicht mehr. Er saß in Holland in der Falle.

Nach Deutschland ist er nie wieder zurückgekehrt. 1947 erhielt er sein lange ersehntes Visum für Amerika und zog in die USA. Am 27. Dezember 1950 starb er mitten auf der Straße in Manhattan an einem Gehirnschlag. Sein zehntes Triptychon "Amazonen" blieb unvollendet. Die zehn Jahre in Amsterdam gehören zu den fruchtbarsten Beckmanns, der nie ein "Abstrakter" war, eher ein abstrahierender Klassiker. Dort, im Exil, malte er sich seine Sehnsucht nach einem friedlichen Leben an den Küsten des Mittelmeers von der Seele, aber auch die Ängste vor einem "politischen Gangstertum" und der Vernichtung der menschlichen Würde.

Bilder, die Rätsel aufgeben

Dort entstand das Selbstporträt "der Befreite", ein Bild, auf dem er Ketten sprengt. Es entstanden Bilder, die heute noch Rätsel aufgeben, Triptychen die angefüllt sind, mit düsteren Symbolen, aber auch heiter verspielte, hintergründige, zeitlose Werke, in denen nichts von der Not zu spüren ist und von der Angst vor der Zukunft. Werke, wie zum Beispiel die vielen Varieté-Szenen, Bilder junger Mädchen oder Strandidyllen. An seine Erfolge in Deutschland konnte er in Holland allerdings nicht anknüpfen. Es gab eine Ausstellung seiner Bilder, in die gerade einmal 280 Besucher kamen, darunter allerdings - und das fast 30 Mal - Pablo Picasso. In niederländischen Museen hängen nur drei Bilder des Mannes, der heute der am höchsten bezahlte deutsche Künstler ist.

Die Ausstellung ist schon jetzt eine Erfolgsgeschichte

Für die Münchner Pinakothek der Moderne ist diese Ausstellung schon jetzt eine Erfolgsgeschichte. Nie war es so schwierig, Exponate zu bekommen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte erklärte sich das Museum dazu bereit, eigene Bilder von Beckmann, die zu anderen Zeiten entstanden sind, im Austausch gegen Werke aus den Jahren in Amsterdam anderen Museen zu überlassen, die keine "leeren Wände" zeigen wollten. Eines der fünf in der Ausstellung vorgestellten Triptychen kommt aus Iowa. Es wäre dort geblieben, hätten nicht Experten des weltberühmten und auf das Restaurieren wertvollster Kunstschätze spezialisierten Dörner-Instituts in München das Gemälde vor Ort restauriert und reisefertig gemacht.

Dazu kommt ein umfangreiches graphisches Werk, darunter die Zeichnungen zu Goethes Faust zweiter Teil, die heute als eine der wichtigsten Arbeiten Beckmanns aus seiner Zeit in Amsterdam gelten. Viele dieser Zeichnungen und Skizzen stammen aus privaten Sammlungen. Sie werden, das gilt als sicher, in dieser Fülle nie wieder zu sehen sein.

"Dostojewski ist mein Freund"

Man lernt viel über und von Max Beckmann, dem "deutschesten aller Maler" in den zwölf eigens für ihn leer geräumten Sälen des Museums. Nicht nur wegen seiner Bilder, auch wegen seiner Gedanken. Die sind in großen Buchstaben immer wieder mal an die Wände des Museums geschrieben. "Man befindet sich am wohlsten auf der Insel seiner Seele", steht da zu Beispiel.

Eines seiner schönsten Zitate fehlt leider. Im ersten Weltkrieg, in dem Max Beckmann als Sanitätshelfer an der Ostfront und in Flandern diente, hatte er sich geweigert, auf Menschen zu schießen. Schon gar nicht auf die Franzosen: "Von denen habe ich so viel gelernt. Auf die Russen auch nicht. Dostojewski ist mein Freund".

Die Ausstellung "Max Beckmann - Exil in Amsterdam" geht vom 14. September 2007 bis 06. Januar 2008