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Max-Beckmann-Ausstellung: "Grenzenlose Verwirrung"

Ein Mann schwebt über dem Abgrund. In einem gefährlichen Balanceakt hält er sich auf dem Trapez, frech und stark in seinem hautengen, grünen Trikot, aber doch verletzlich im Angesicht der Gefahr. Ja, so muss der Maler Max Beckmann sich damals gefühlt haben, als er im Exil in Amsterdam leben musste.

Von Anja Lösel

Ständig in Angst vor der Verfolgung der Nazis, vor einem Malverbot, davor, dass seine Bilder beschlagnahmt, er selbst festgesetzt oder in den grausamen Krieg als Soldat eingezogen werden könnte. Max Beckmann hatte die Katastrophe früh geahnt. Spätestens als Hitler von "missgestalteten Krüppels und Kretins" sprach und damit die Künstler der Moderne verunglimpfte, war ihm klar, dass er weg musste aus diesem furchtbaren Nazi-Deutschland.

Das war 1937 bei der Eröffnung des Münchner Hauses der Kunst. Beckmann und seine Frau "Quappi" saßen gebannt vor dem Radio und wussten sofort: Das kann nur ins Unglück führen. Schon am nächsten Tag packten sie ihre Sachen und flohen nach Holland. Noch am selben Abend wurde die Schmäh-Ausstellung "Entartete Kunst" im Münchner Hofgarten eröffnet - mit mehreren Beckmann-Bildern, die als abschreckende Beispiele unter Nazi-Schlagworten wie "kranke Geister" aufgehängt waren.

Zehn Jahre musste Max Beckmann in Amsterdam ausharren, nie wieder kehrte er nach Deutschland zurück. Ständig lebte er in Angst und musste schlimme Bombardierungen ertragen. Dennoch waren diese Jahre für ihn als Künstler so produktiv wie keine Zeit sonst. Zum ersten Mal zeigt nun die Münchner Pinakothek der Moderne alle wichtigen Bilder, die Beckmann von 1937 bis 1947 in Amsterdam malte. Ein grandioses Zeitzeugnis und zugleich wunderbarer Beweis seiner Kraft und seines Könnens, auch unter schwierigsten Bedingungen.

Das Exil wurde für Beckmann zum Gefängnis

Beckmanns erstes Exilgemälde ist ein Selbstbildnis: "Der Befreite". Sträflingskleidung trägt er, die dicke Kette um seinen Hals hat er gesprengt, aber sie hängt noch an seinem Körper. Das Fenster ist vergittert, in der Handschelle steckt ein Schlüssel. Tiefe Augenschatten und ein trauriges Gesicht zeigen: das Exil empfand Beckmann nicht als Befreiung, sondern nur als Wechsel in ein anderes Gefängnis, in dem er beengt und ohne Freunde leben musste. Ein paar Buchstaben auf seiner Schulter ergeben das Wort "Amerika". Dort wollte er hin, dort hatte man ihm eine Professur angeboten. Aber sein Visumantrag wird abgelehnt. Amsterdam ist Beckmanns Schicksal. Er verzieht sich in die innere Emigration und malt und malt. Tod und Verzweiflung. Schlangen, die sich um Menschen winden, riesige Schwerter, den Kriegsgott Mars in Rüstung, seltsame Ungeheuer. Riesige, rätselhafte, wunderschöne Triptychen mit Namen wie "Karneval" oder "Versuchung".

"In einer grenzenlosen Verwirrung" sah er sich damals. Aus Furcht verbrannte er seine Tagebücher, die er zwischen 1925 und 1940 mit kritischen Bemerkungen über den erschreckenden Erfolg der Nationalsozialisten gespickt hatte.

Aber auch Sehnsuchtsbilder entstanden: unerreichbare Landschaften an der Cote d'Azur oder in Paris. "So lächerlich gleichgültig wird einem auf die Dauer diese ganze politische Gangstertum, und man befindet sich am wohlsten auf der Insel seiner Seele", schreib Max Beckmann. Noch lieber beschäftigte er sich mit den Bildern schöner Frauen, die sich im Spielcasino vergnügen oder auf dem Bett räkeln, mit gespreizten Beinen und Blumen in den Händen. Aber selbst sie sind bedrohlich, so als ob hinter jeder Ecke ein Vergewaltiger warten würde oder ein großes Unglück drohte. Beckmanns einzige Stütze war die geliebte "Quappi", die er immer wieder porträtierte, hübsch, elegant, mit Blumen in der Hand. "Ja, glauben Sie denn, dass ich dies ohne "Quappi" aushalten könnte", sagte er einmal. "Sie ist ein Engel, den man geschickt hat, damit ich meine Arbeit fertig bringe."

Sein Traum von Amerika

1945 malte er den Amsterdamer Flughafen Schiphol: ein einziges Trümmerfeld mit kaputten Hangars und zerschmetterten Flugzeugen. Wie blutbefleckt sehen die roten Maschinen aus, wie Raubtiermäuler recken sich die Ruinen der Hallen in den Himmel. Da war der Schrecken schon fast überstanden. Trotzdem dauerte es noch weitere zwei Jahre, bis Beckmann endlich das Ausreisevisum in die USA bekam. Böse und verzweifelt schrieb er damals: "Der unterhaltende Wahnsinn des Krieges verfliegt und die soignierte Langeweile nimmt würdevoll auf alten Polsterstühlen wieder Platz." In Amerika lebte Max Beckmann sich nie richtig ein. Zu schlimm waren die Erinnerungen, zu enttäuscht und traurig fühlte er sich. Am 27. Dezember 1950 ging er trotzdem ganz alleine los, um sich endlich mal wieder eine Ausstellung anzusehen: "American Painting Today" hieß sie, und sein letztes Selbstbildnis war dort zu sehen. Max Beckmann kam nie dort an. Er starb einsam und allein mitten in New York, Ecke Central Park / 61. Straße.

Max Beckmann in Amsterdam, München, Pinakothek der Moderne, bis 27. Januar