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Raubkunstfund in München: Das Geheimnis der Gemälde aus der Müllwohnung

1500 verschollen geglaubte Gemälde tauchen in München auf, und es stellt sich heraus: Die Bundesregierung wusste von dem Fund. Eine Zeugin aber sagt nun: Es waren weitaus weniger Kunstwerke.

Von Niels Kruse

Wie viele Gemälde passen in eine ganz normale Wohnung, in ein ganz normales Apartmenthaus, das offenbar zugemüllt war bis obenhin, bewohnt von einem alten Herren, der anscheinend unter zwanghaftem Horten litt, auch als Messie-Syndrom bekannt? Rund 1500 lautet die Antwort. Eine Zahl, die für sich genommen schon erstaunlich genug ist, und beim Blick auf die Künstler noch erstaunlicher wirkt: Es waren Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Emil Nolde, Max Beckmann und Albrecht Dürer, die der Zoll in München-Schwabing zwischen uralten Konservendosen und schimmeligen Lebensmitteln gefunden hat. Geschätzter Wert: rund eine Milliarde Euro.

Und vermutlich hatten die Fahnder damals nicht einmal alle Bilder gefunden. Der "Focus" berichtet, dass einige Monate nach der Razzia ein weiteres Bild aufgetaucht sei: der "Löwenbändiger" von Max Beckmann. Früher gehörte es Alfred Flechtheim, einem Kunstsammler und Galeristen aus Münster, der vor den Nazis nach London geflüchtet war. Später ging es über in den Besitz von Hildebrand Gurlitt. Der hatte die Gemälde in den 30er und 40er Jahren aufgekauft, nachdem das NS-Regime die Kunstwerke als "entartet" klassifiziert und sie ihren Besitzern, zumeist jüdische Sammler, entweder für Dumpingpreise abgekauft oder gleich geraubt hatten.

"Löwenbändiger" offenbar achtlos gelagert

Gurlitt vererbte seine stattliche Sammlung zunächst seiner Frau, die später angab, dass die Kunstwerke beim Dresdener Feuersturm vernichtet worden seien. Doch offenbar stimmte das nicht. Denn es war Sohn Cornelius, bei dem die wertvollen Gemälde nun gefunden worden waren, in seiner zugemüllten Wohnung. Und es war offenbar Cornelius Gurlitt, der den "Löwenbändiger" nach dem Zolleinsatz beim Kölner Kunsthaus Lempertz zur Auktion abgegeben hatte. Für 864.000 Euro wechselte das Bild letztlich den Besitzer. Rund die Hälfte davon soll an den bisherigen Eigentümer gegangen sein.

Laut "Focus" sei der Zustand des "Löwenbändigers" sehr schlecht gewesen, wie Mitarbeiter des Auktionshauses dem Blatt berichtet haben. "Das Papier habe mehrere Risse aufgewiesen, der Rahmen sei nur noch Schrott gewesen. Offenbar sei das Kunstwerk über viele Jahre hinweg achtlos und unsachgemäß gelagert worden." Lempertz hatte die erste Auktion aufgrund der Intervention von Flechtheims Erben gestoppt und es erst bei einer zweiten Versteigerung verkauft. Da zu diesem Zeitpunkt alle Kunstwerke aus der Münchner Wohnung bereits im Sicherheitstrakt des bayerischen Zolls in Garching bei München lagerten, muss das Bild anderswo her stammen.

Was wussten die Behörden?

Bereits 2011 waren die Fahnder auf den Schatz im Müll gestoßen, aber erst jetzt berichtet das Münchener Nachrichtenmagazin darüber und je mehr Details bekannt werden, desto mehr Fragen stellen sich: Warum wurde der Sensationsfund erst jetzt bekannt? Wieso konnte der alte Herr jahrzehntelang diese teilweise weltberühmten Werke unbemerkt zu Hause horten? Immerhin war bekannt, dass sein Vater einer der wenigen Menschen war, der von den Nazis die entsprechende Handelslizenz bekommen hatte. Wieso nahm ein renommiertes Kunsthaus überhaupt Gemälde an, von denen bekannt war, dass es sich um Nazi-Raubkunst handelte? Wem genau gehört der Schatz eigentlich, und was wussten die Behörden von alledem?

Zumindest auf die letzte Frage gab Regierungssprecher Steffen Seibert immerhin eine klare Antwort: "Die Bundesregierung ist seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet", sagte er am Montag. Durch die Vermittlung von Experten, die sich mit "Entarteter Kunst" und von den Nationalsozialisten geraubter Kunst auskennen, würden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg auch unterstützt, so Seibert weiter. Die soll angeblich gegen Gurlitt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung ermitteln, weil er immer wieder Gemälde verkauft haben soll. Die Ankläger wollen dies aber weder bestätigen noch dementieren.

Der Kunstraub war durch ein Gesetz gedeckt

Und da fängt das nächste Problem an: Wem gehören die Kunstwerke und durfte sie der Händlersohn überhaupt veräußern? Im Fall des "Löwenbändigers" von Max Beckmann will sich der Mann mit dem letzten bekannten Besitzer, beziehungsweise dessen Nachkommen geeinigt haben. Flechtheims Erben versuchen seit Jahren, einige der Bilder ihres Vorfahren zurückzuerhalten. Allerdings hatten die Nazis die Konfiszierung "Entarteter Kunst" durch ein Reichsgesetz gedeckt, was den de facto Diebstahl bis heute rechtmäßig macht.

An der Freien Universität Berlin kümmert sich die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann um den Verbleib von rund 20.000 Bildern und Skulpturen der "Entarteten Kunst". Auch sie war offenbar informiert über den Fund in München-Schwabing. Am Dienstag will sie ihre Erkenntnisse zu den entdeckten Werken vorlegen. Vielleicht wird dann die nächste Überraschung publik, denn es gibt bereits Zweifel an der Menge der Gemälde, die vor zwei Jahren gefunden worden waren.

Laut Zeugin gab es keine 1500 Bilder

Eine an der Durchsuchung der Wohnung beteiligte Zeugin bezweifelte die Angaben, wonach es sich um 1500 Gemälde gehandelt habe. Es seien zwar viele Gemälde, aber auch "ein gewaltiger Teil" an weniger wertvollen grafischen Arbeiten unter diesen Kunstwerken gewesen, sagte die Frau, die ungenannt bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP. Cornelius Gurlit habe die Kunstwerke unter klimatisch katastrophalen Bedingungen aufbewahrt, so die Zeugin. Sie hätten sich zum größten Teil in Regalen in einem kleinen Zimmer der Wohnung befunden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Kunstraub der Nazis und der Kampf mit der Rückgabe

Nazi-Raubkunst und "Entartete Kunst"

NS-Raubkunst
Die Nationalsozialisten enteigneten etwa jüdische Sammler und zwangen sie, ihre Schätze unter Wert zu verkaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg regelten zwar Gesetze der Alliierten (1947) und der Bundesrepublik von 1957 die Rückgabe, hatten aber in der DDR keine Gültigkeit. Auch im Westen wurde nur ein Teil der Raubkunst an die Besitzer oder Erben zurückgegeben. 1998 trafen sich 44 Länder, auch Deutschland, auf der "Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust". Die Teilnehmer verständigten sich auf "nicht bindende Grundsätze" zum Umgang mit Raubkunst. Die Länder sollten "im Rahmen ihrer eigenen Rechtsvorschriften" handeln.

Beutekunst


Im Zweiten Weltkrieg raubten deutsche und sowjetische Einheiten in großem Ausmaß Kunstwerke und Bücher aus den von ihnen besetzten Gebieten. Die von deutscher Seite erbeuteten Objekte wurden kurz nach Kriegsende größtenteils zurückgegeben. Russland sieht Beutekunst als Wiedergutmachung für Schäden aus dem Krieg. Erst seit 1990 wird auf der Basis von deutsch-russischen Verträgen über einen Austausch verhandelt. Experten schätzen, dass in russischen Depots noch mehr als eine Million Kunstobjekte und Bücher lagern.

Restitution


Damit ist die Rückgabe oder die Entschädigung des in der Nazi-Zeit eingezogenen Vermögens von Verfolgten gemeint. Ende 1999 verabschiedeten Bundesregierung, Länder und kommunale Spitzenverbände eine gemeinsame Erklärung. Danach sollen sich Museen, Archive und Bibliotheken stärker bemühen, Raubkunst aufzuspüren und den legitimen Eigentümern zurückzugeben. Die Restitution kann sich nach Experten- Schätzungen noch über Jahrzehnte hinziehen. Die Datenbank "Lost Art Internet Database" ist die zentrale deutsche Internet-Datenbank zur Erfassung von NS-Raubkunst und Beutekunst.

Entartete Kunst

: Als "entartet" diffamierte das NS-Regime Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Menschenbild passte: unter anderem Expressionismus, Surrealismus und Kubismus. Der Begriff "entartet" stammt aus der Nazi-Rassenlehre. Zu den betroffenen Künstlern gehörten etwa Otto Dix, Ernst Barlach und Angehörige der Gruppe "Brücke". 1937 zeigten die Nazis in München die Propaganda-Schau "Entartete Kunst" mit zuvor beschlagnahmten Werken.

mit DPA/AFP / AFP