HOME

Sue Tilley: Die 33-Millionen-Dollar-Frau

Ihr Akt ist jetzt in New York für 33 Millionen Dollar (21 Millionen Euro) versteigert worden, die höchste Summe, die ein modernes Gemälde je erzielt hat. Doch Sue Tilley interessiert dieser Rummel nur am Rande. Sie arbeitet, wie jede Woche, weiter als Leiterin eines Arbeitsamtes im Zentrum Londons.

Von Cornelia Fuchs, London

Es muss auch das Lachen gewesen sein, dass Künstler von Lucian Freud bis Leigh Bowery fasziniert hat an dieser voluminösen Frau. Sue Tilley lacht eigentlich ständig, dabei grollt es herauf aus dem großen Busen und schüttelt ihren ganzen, großartigen Körper. Neun Monate hat sie Anfang der 90er Jahre für dieses Bild auf dem Sofa von Lucian Freud gelegen, zwei oder drei Tage die Woche, jeden Samstag, jeden Sonntag und jeden freien Tag.

Urlaub hat sich Tilley dafür nicht genommen - schließlich gab ihr der Künstler nur 20 Pfund pro Sitzung. "Aber das Geld war und ist mir nicht wichtig. Viel großartiger waren sowieso die Mittagessen, die er mir ausgegeben hat, in richtigen Sterne-Küchen. Und manchmal hat Lucian auch selber gekocht." Obwohl, und da ist wieder dieser grollende Anfall der Heiterkeit: "Wie oft kann man schon Hummer essen, ohne zu denken - muss das jetzt noch mal sein?"

Der Prototyp einer Muse

Nein, Sue Tilley ist es nie um Geld gegangen. Und damit ist sie wohl der Prototyp einer Muse, einer Inspiration, die Kreativität herauskitzelt aus Künstlern: "Mein Lohn war die Erfahrung, einen solchen Mann arbeiten zu sehen. Die Bilder zu sehen, wie sie mit jeder Sitzung fortschreiten."

Freud hatte das geblümte Sofa speziell für dieses Bild und für ihren Körper angeschafft. Ein Jahr lang hatte er sie nicht gemalt, sie war 1994 von einem Urlaub aus Indien zurückgekehrt, braungebrannt, unbrauchbar für Freud. Er wollte ihre blasse Haut sehen, mit allen Pickeln, Pusteln und Unebenheiten. Erst als sie wieder ihre englische Blässe präsentieren konnte, begann Freud mit seiner Arbeit.

Nur kurz zuvor war der Mann gestorben, der Big Sue entdeckt hatte. Leigh Bowery war das Enfant Terrible der Londoner Nacht- und Kunstszene in den achtziger Jahren. Sein Club "Taboo" wurde von dem Musiker Boy George im gleichnamigen Musical verewigt, die Nächte dort verbrachten die Besucher in wilden Kostümierungen, mit vielen Drogen, Musik und mit Exzessen.

Sue Tilley war Teil dieser Welt, wenn auch eher als staunende Beobachterin. Sie war Bowerys Türdame, bewachte die Kasse und den Eingang zum "Taboo": "Jeder kam hierher zu dieser Zeit, betrank sich und fiel um. Einmal war Geoffrey, der DJ, so weggetreten, dass er eine halbe Stunde die Matte auf dem Plattenspieler bearbeitete. Gemerkt hat das keiner."

"Viel Fleisch fürs Geld"

Bowery war es, der sie Anfang der 90er Jahre mit Lucian Freud bekannt machte. Und der wollte sie malen. "Er bekam halt viel Fleisch fürs Geld", sagt Tilley und ihr ganzer Körper wackelt lachend.

Aber als sie dort auf dem Sofa lag, die neun Monate lang, da war die Stimmung nicht immer fröhlich. Bowery starb 1995 an Aids: "Dieses Bild hat meine ganze Traurigkeit eingefangen. Es war furchtbar." Sie hat es damals gemocht, auf dem Sofa zu liegen und ihren Gedanken nachzuhängen, an Bowery, an den Tod. Auch Lucian Freud litt, er hatte auch Bowery häufig gemalt: "Aber keiner von uns beiden kann gut über seine Gefühle reden, da sind wir nicht weit gekommen."

Tilley schrieb schließlich Bowerys Biographie. Die wurde inzwischen von einer Film-Produktion gekauft. "Solche Sachen passieren mir halt", sagt sie. Unter "solche Sachen" fällt zum Beispiel auch der Besuch von Rupert Everett während eines Tages der offenen Tür in ihrem Arbeitsamt. Den hatte ein befreundeter Regisseur mitgebracht. Oder ihre Begegnung mit Mick Jagger auf einer Gallerie-Eröffnung, der Tilley fröhlich verkündete: "Ich weiß, wer du bist. Ich habe ein Bild von dir zu Hause hängen." Tilley antwortete: "Wie komisch, ich weiß auch, wer du bist!"

Und was wird sie nun machen, als teuerste moderne Nackte der Welt? "Ganz ehrlich, ich bin ein bisschen langweilig", sagt Tilley. Am liebsten legt die Leiterin eines Arbeitsamtes ihre Füße hoch in ihrer kleinen Wohnung im Norden Londons und schaut fern. "Und hin und wieder, dann raffe ich mich auf und mache etwas." Im Fall von Sue Tilley wäre es nicht ungewöhnlich, wenn dieses "etwas" bald wieder auf Leinwänden zu sehen wäre.

Themen in diesem Artikel