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Very British: Ein unersetzlicher Freud

Es ist nur wenigen Deutschstämmigen gelungen, zu einer britischen Institution zu werden. Sir Clement Freud gehört dazu. Der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud wurde wegen seines illustren Lebenslaufs und seines Humors geschätzt. Nun ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

Von Cornelia Fuchs, London

Er war Koch, Restaurantkritiker, Liaison-Soldat der Alliierten bei den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg, Nachtclubbesitzer, Amateur-Jockey, Universitätsrektor, Abgeordneter der Liberalen und vor allem Abkömmling von Sigmund Freud. Im Jahre 1933 flüchtete der damals Neunjährige mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach London. Später sollte sich Sir Clement daran erinnern, dass ihn sein Bruder Lucian in Berlin auf die Straße geschickt hatte mit der Aufforderung, Passanten nach Zündhölzern zu fragen. Ein Berliner rief ihm danach zu: "Aber gebt sie keinen Judenbengeln", was auf den kleinen Clement einen großen Eindruck machte.

Mit seinem Bruder Lucian Freud, Künstler und Eigenbrötler, hatte Sir Clement übrigens seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr gesprochen, als er nun starb. Die beiden sollen sich bei einen Sprint in einem Park für immer verstritten haben. Als Sir Clement 1987 den Adelstitel erhielt, war das für Lucian Anlass den seinen abzulehnen.

So verfahren sein Verhältnis mit seinem Bruder war, so liebevoll war es mit seinen fünf Kindern. Einer seiner Söhne, Matthew Freud, ist in zweiter Ehe verheiratet mit der Tochter von Rupert Murdoch, dem australischen Medienzaren. Und die Firma Freud Communications, die diesem Matthew Freud gehört, ist eine der einflussreichsten PR-Agenturen in Großbritannien.

Beißend britischer Humor

Doch es war nicht seine Familie, die Sir Clement so unersetzlich werden ließ in den Augen vieler Briten. Es war sein trockener, beißender Humor, den er seit Jahrzehnten regelmäßig in einer der beliebtesten Radio-Shows auf BBC Radio4 zum Besten gab. Dazu sollte man wissen, dass die Sendung "Just a minute" mehr ist als eine Nischensendung. Sie gehört in den besseren Haushalten fast ebenso zum guten Ton wie die Abendnachrichten, das Multitalent Stephen Fry und die alljährlichen Jane-Austen-Verfilmungen. Sie ist eine ur-britische Institution, eine Mischung aus Comedy, Wettbewerb und reinem Ulk. Es geht darum, dass jedes Mitglied des Podiums möglichst lange zu einem bestimmten Thema spricht, ohne von den anderen unterbrochen zu werden. Die wiederum schreiten ein, wenn Phrasen wiederholt werden, der Redner vom Thema abweicht, zögert oder die Zuhörer schlicht langweilt. Das Ergebnis ist eine Rhetorik-Schlacht, die manchmal sinnlos, aber überaus amüsant sein kann.

Sir Clement war ein Meister dieses Fachs. Seine kurzen Anekdoten waren bekannt wie Sprichworte, seine scharfe Zunge bei Mitkandidaten wie Stephen Fry gefürchtet. Nicht umsonst kursierten Geschichten wie diese um den Deutschstämmigen, der die Briten zum lachen brachte: In einem Nichtraucherabteil traf er auf eine Frau, die sich eine Zigarette anzündete. Auf seine Anmerkung, dass hier der Nichtraucherbereich sei, antwortete diese, das Raucherabteil sei doch keine zehn Meter entfernt. Daraufhin stand Sir Clement auf und verkündete: "Die Toilette ist nur fünf Meter entfernt - soll ich nun hierhin pinkeln?"

Berühmt durch Hundefutter

Jahrelang hatte sich Sir Clement nach dem Zweiten Weltkrieg erst als Koch, dann als Restaurantkritiker und schließlich als Besitzer eines Theater-Clubs in London etabliert. Er schrieb für alle großen Zeitungen in Großbritannien und war kein Fremder in den damals durchaus noch sehr schlüpfrigen Bars im Londoner Stadtteil Soho. Richtig bekannt wurde er als Gesicht in einer Hundefutter-Werbung, in der er seinen scharfen Witz an einem sehr deprimiert dreinschauenden Bluthund namens Henry austestete probierte.

Nebenher versuchte er sich als Amateur-Jockey und seine Leidenschaft für das Wetten verließ ihn auch nicht, als er 1973 als Abgeordneter für die Liberalen ins Parlament einzog. Zuvor hatte er 1000 Pfund auf seinen eigenen Wahlsieg gewettet - bei einer Quote von 33:1 gegen ihn. Mit seinem Gewinn finanzierte er zwei Jahre lang ein großzügiges Büro in seinem Wahlbezirk.

Die englischen Zeitungen überschlugen sich nach Bekanntwerden des Todes von Sir Clement mit elegischen Nachrufen. Seine alten Hunde-Werbespots wurden herausgekramt, ebenso die besten Auftritte im Radio. Es hätte Sir Clement gefallen.