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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Christchurch - vom Umgang mit dem Wahnsinn

Der Attentäter von Christchurch ist nichts weiter als ein rassistischer, islamfeindlicher Irrer mit Geltungsdrang. Wie geht man mit so einem Täter und seiner Tat um? Micky Beisenherz sucht nach Antworten.

Ein Schüler sitzt vor den Blumen, die für die Opfer des Anschlags in Christchurch, Neuseeland, abgelegt wurden

Ein Schüler sitzt vor den Blumen, die für die Opfer des Anschlags in Christchurch, Neuseeland, abgelegt wurden

DPA

Im Grunde genommen ist dieser Text schon ein Fehler.

Macht er doch das, was es künftig zu vermeiden gilt:

Dem Geltungsdrang eines ideologisch verirrten Narzissten eine Bühne zu bereiten.

So zynisch es klingt, ist der Vorgang nicht neu.

Soeben haben wir zehn Jahre Winnenden "gefeiert".

Und selbst, wenn es hier vornehmlich darum ging, der Opfer zu gedenken, bleibt es auch stets eine Erinnerung an die gewalt(tät)ige Tat eines Einzeltäters, dem nur etwas Unfassbares als Ultima Ratio blieb, um sich in das Gedächtnis aller zu rufen.

Zehn Jahre, unzählige Shitstorms, Millionen Hashtags und Memes später nun Christchurch, also #christchurch.

Eine entsetzliche Tat, live gestreamt bei Facebook.

Da, wo sich sonst Fernsehmoderatoren mit ihrem Publikum über Sportevents austauschen, Jugendliche singen oder Influencer sich in Banalitäten überbieten, sind binnen weniger Minuten Hunderttausende Zeugen eines Ego Shooters.

Es werden bald Millionen sein, da unzählige Kopien dieses Videos im Netz landen.

Horror on demand.

Was genau dort zu sehen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich das Video nicht gesehen habe, sicher aber ist:

Es sind verstörende Szenen von beispielloser Kälte und selbstgefälliger Grausamkeit.

Ausgelöst durch einen rassistischen, islamfeindlichen Irren, der genau das gekriegt hat, was er wollte: Fläche. Präsenz. Titelseiten. Sondersendungen.

Für mich auffällig war die vergleichsweise geringe Welle der Anteilnahme.

Da, wo noch vor nicht allzu langer Zeit das kollektive Mitgefühl mit geänderten Profilbildern oder Kondolenzkunst das Netz zu einem großen, digitalen Trauerfloor gemacht hatte, herrschte hier fast schon Sachlichkeit.

Wo war das Jesuis?

Warum?

Die persönliche Involviertheit bei Horrorszenarien wie diesem basiert aus meiner Perspektive in erster Linie auf zwei Faktoren:

Geographische und kulturelle Nähe.

Je näher das Geschehen vor unserer Haustüre ist, desto größer unsere Bereitschaft zur persönlichen Erschütterung. Siehe Belgien. Siehe Frankreich. Und natürlich Berlin.

Liegt es also daran, dass Neuseeland so wahnsinnig weit weg ist?

Ich glaube nicht.

Gedämpfte Empathie für Muslime?

Ist es denkbar, dass der Umstand, dass Menschen in einem religiösen Umfeld, oder sagen wir, wie es ist: Muslime ums Leben gekommen sind, für eine so vergleichsweise gedämpfte Empathie gesorgt hat?

Ich hoffe nicht.

Ist es Gewöhnung?

Sind wir womöglich einfach schon so abgestumpft?

Sollte dem so sein, war die Art und Weise, wie dieser Terroranschlag inszeniert wurde sicherlich ein Weckruf der besonders bitteren Art.

Und es hat gewirkt.

So oder so.

Haben sich diverse Medien unter dem Deckmantel unbedingt nötiger Berichterstattung einen klick- und teilnahmsstarken Tag bereitet, haben wiederum andere explizit darauf hingewiesen, kein Material des Videos zu verwenden und das Publikum gebeten, um Gottes Willen nicht danach zu suchen!

Das Ergebnis ist natürlich der klassische (Streisand-) Effekt:

Jetzt will man natürlich erst recht wissen, was denn da wohl passiert ist.

Auch, wer sich moralisch lautstark als gut und gerecht positioniert, sollte schauen, dass dies nicht zu laut geschieht- es könnte manche wecken.

Abenteuerliche Begründung für Zeigen des Videos

Recht abenteuerlich fand ich die Begründung von "Bild"-Chef Reichelt, Bildmaterial des gestreamten Massenmordes zu veröffentlichen.

"Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen”- dies sei die Aufgabe des Journalismus, wo ungefiltert die Szenen woanders im World Wide Web kursierten.

"Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat." 

Man könnte auch einfach sagen:

Klickt lieber bei uns.

Unterstellt man eine Nuance weniger Klickgeilheit und Kälte, so bleibt doch die Frage, wo der aufklärerische Nutzen dieser "journalistischen Einordnung" sein soll:

Jeder Attentäter, von xx* bis xy* war stets ein feiges, selbstgerechtes Arschloch mit einer kruden Weltsicht, in der es immer darum ging, einer irren Ideologie zufolge die Gesellschaft von einer Gruppe Menschen zu säubern, die ebendiese Gesellschaft aufgrund ihrer Andersartigkeit bedrohen.

Egal, ob NS oder IS: Für jede Gesinnung findet sich ein Irrer, der ihr gewaltsam Ausdruck verleiht.

Warum also eine Bühne bereiten, wenn die einzig wirkliche Folge der umgekehrte Werther-Effekt ist.

Lob für Christchurch-Titel der Mopo

Da, wo individuelle Persönlichkeitsstörungen noch nie so viel Beantwortung bekommen haben wie 2019- kann es für eine kranke Psyche einen größeren Aufmerksamkeitsboost geben?

Viel Zuspruch erhielt die "Hamburger Morgenpost", die statt der reißerischen Headline und Fotos der Tat lediglich ein wirkmächtiges, schwarzes Titelblatt präsentierte, zaghaft betextet mit der Begründung, warum man dem Täter hier keine Bühne bereiten wolle.

Das Ansinnen ist löblich.

Allein, das Schweigen- es war mir zu laut.

Aber da, wo alles aus Pose und Symbolik zu bestehen scheint, war es wohl das Naheliegende.

Gibt es einen richtigen Weg, mit solch schrecklichen Taten umzugehen?

Ich weiß es nicht.

Welche Dimension des Wahnsinns der nächste Irre auch für seinen radikalen Narzissmus wählen wird- eine Titelseite kann nie der Resonanzraum dafür sein.

Und vermutlich ist auch dieser Text schon zu viel.


*Namen bekannt, aber nicht wert, hier aufgeführt zu werden.