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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Blaulicht-TV

Das deutsche Fernsehen leidet unter einer Sokofizierung ganzer Programmbereiche. Was genau ist daran unterhaltend?

Von Micky Beisenherz

Bevor Sie weiterlesen, sollte ich Ihnen vielleicht gestehen: Vom Thema dieser Kolumne verstehe ich im Grunde genommen nichts. Andererseits hat mich Unkenntnis noch nie davon abgehalten, mitzureden. Also, denn ...

Neulich hat mich eine Bahnfahrt sehr beeindruckt. Also weniger die Bahnfahrt selbst, die war unbeeindruckend problembehaftet, nein. Vielmehr ein Mann. Ein Mann, dessen Stimme sich mir von hinten näherte. Offenbar stieg er gerade zu, und das war für sich genommen so bedeutend, dass es bitte niemandem im ganzen Waggon entgehen sollte.

Kurzes Umdrehen – und die nüchterne Erkenntnis: Ah. Schauspieler. 

Während der Mann seinen Platz suchte, unterhielt er sich am Telefon und alle anderen Fahrgäste gleich mit. Er war dermaßen überpräsent, dass ich, immer noch im Unklaren darüber, wer da hinter meinem Rücken redete, annehmen musste, in eine Art Guerilla-Theaterperformance geraten zu sein.

Kurz danach obsiegte die Neugier. Kurzes Umdrehen – und die nüchterne Erkenntnis: Ah. Schauspieler. Wobei das so nicht ganz stimmt.

Der Mann war „Tatort“-Kommissar, und das ist bekanntermaßen kein Job, sondern ein Amt, das in Deutschland mindestens auf einer Stufe mit dem eines Bundesministers steht.

Ich hoffe, ich verletze jetzt keine religiösen Gefühle, aber: Diese kollektive Verehrung des „Tatort“ hat sich mir nie erschlossen. Gottesdienstartig versammeln sich die Menschen am Sonntagabend vor dem Fernseher, und nicht selten kann man bereits um 20.15 Uhr in sozialen Netzwerken lesen, wie fürchterlich das alles wieder ist.

Die Bundesregierung könnte mit Pestiziden den Teutoburger Wald entlauben oder pauschal alle Haustiere verbieten – man würde sich darüber nicht halb so echauffieren wie über einen vermeintlich verhunzten Krimi. Zu experimentell, zu versaut, zu hanebüchen oder, zuletzt auch immer wieder gern moniert: zu offensichtlich versehen mit einem politpädagogischen Auftrag.

Kriminalität, wohin das Auge reicht. 

Würde Fernsehen ein realistisches Bild der Gesellschaft zeichnen, so müsste Deutschland irgendwo zwischen Mexico City und Bogotá verortet werden. Kriminalität, wohin das Auge reicht. Auf dem Asphalt mehr angekreidete Umrisse von Menschenkörpern als Radfahrwege oder Sperrflächen. Wir leiden unter einer heillosen Übertatortung bei gleichzeitiger Sokofizierung ganzer Programmbereiche.

Da, wo früher nur Horst Tappert im Ledermantel ermittelte, hat heute von Leipzig bis Rommerskirchen jede Stadt ihre eigene Soko, so scheint es. Selbst in Kitzbühel wird ermittelt. Was es da wohl aufzuklären gibt? Den Verlust einer Pelzmütze? Einen Giftanschlag auf den Mops einer Society-Lady?

Auch bei uns saß früher die ganze Familie von Omma bis Bruder vor dem Fernseher, um kasperletheatralisch („Da! Hinter dir! Claude-Oliver Rudolph!“) bei der Täterhatz mitzufiebern. Da hätte eigentlich auch bei mir etwas hängen bleiben können. Ist aber nicht passiert.

Dass viele Bürger die Doppelbelastung aus Bundestrainer und Fernsehcouch-Ermittler aushalten, nötigt mir zwar durchaus Respekt ab. Aber mir persönlich gibt das nichts. Vermutlich bin ich einfach zu stumpf.

Bis auf Weiteres werde ich Sonntagabende also wohl weiterhin dafür nutzen, Quittungen und Belege für die Steuer zu sortieren, und was ich mir anhand dieser Indizien für ein Täterprofil erstelle, das wäre ohnehin für jeden „Tatort“-Kommissar zu hart.

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