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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Nomen est omen - was Kindernamen über heimliche Sehnsüchte verraten

Ob "Iron Maik" oder "Freya Luise Apollonia": Jedes soziale Milieu verrät mit den Namen der Kinder etwas über seine heimlichen Sehnsüchte.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Bochum. Ein junger Vater ruft seinen vierjährigen Nachwuchs. Diese Kategorie Junge, die circa zwei Kilo sandigen Rotz unter der Nase hat. "MJ, komm her!" MJ gesprochen wie "Emm Dschäi". Das fand ich beeindruckend. Was ist eigentlich aus guten deutschen Kindernamen wie Kevin und Justin geworden?

Es gibt aber noch immer erhebliche regionale Unterschiede. Während Teile NRWs oder Restdeutschlands weiterhin chantalisiert sind, heißen Gören in den besseren Gegenden Hamburgs grundsätzlich Konstantin, Linus oder Maximilian. Dass "Doktor" als Vorname noch nicht zulässig ist, hat in den Elbvororten schon zu tragischen Szenen geführt.

Berlin-Mitte, immer schon Latte Macchiatown, wartet wiederum mit Namen auf, die beim Zuhören den Verdacht erwecken, wir lebten in der Weimarer Republik: Frederik Theodor Heinrich, Freya Luise Apollonia oder Ada Mai Helene. Konsequenterweise müssten die Kinder mit Hochrad oder Dampfkraftwagen von der Kita abgeholt werden. Gentrifitzgerald hätte ich zumindest kreativ gefunden.

Über dem Maikäfer-Kleiderhaken klebt der Name "Iron Maik"

Dort, wo die Wirtschaftskraft etwas geringer und die ganz großen Träume etwas weniger gelebt werden können, explodiert die Kreativität. Ähnlich wie in der DDR, wo ja auch nur die Namen Reisefreiheit hatten. Im Kindergarten des Jüngsten meines Bruders zum Beispiel klebte über dem Maikäfer-Kleiderhaken das Namensschild "Iron Maik". Mike mit a-i, klar. Man ahnt die Körperlichkeit des Erzeugers.

Ein Bekannter aus Schleswig-Holstein wiederum berichtete mir von einer Begegnung beim Schlachter: Eine Frau, Typ Stormarner Stute mit Busfahrerinnenfrisur, ruft ihren Kleinen zur Ordnung, der mit schwerem Mett-Jieper sein Gesicht mit solchem Nachdruck gegen die Scheibe der Frischetheke drückt, dass man das Glas schon splittern hört: "Tyler-Miguel, komm von der Wurst weg!"

Wenn Namen Flügel verleihen. Peyton-Leslie Poslednik oder Montserrat Müller. Da weht internationales Flair durch den sozialen Wohnungsbau. Als lebten die Kardashians in Rotenburg (Wümme).

Vor ein paar Jahren schon freuten sich die bunten Blätter über"Babyglück bei den Amigos". Offenbar war einer der beiden Troubadoure vom geistigen Frühverrentungsduo Großvater geworden, und die Eltern des Enkels wollten dem stolzen Opa eine nominelle Huldigung zukommen lassen. Der Bengel, so heißt es, trage deshalb den Namen "Mailo Karl-Heinz". Das ist auch nur noch geringfügig besser, als gehauen zu werden.

Acht Namen reichten für ein ganzes Neubaugebiet

Vermutlich spricht aus mir der Neid. Entstamme ich doch einer Generation, in der es gerade mal acht Vornamen gab, die vom Amt auf alle Neubaugebiete verteilt wurden: Andreas, Michael, Thomas, Christian, Markus, Stephan, Matthias, und wenn es ganz frech werden sollte, war auch mal ein Sven dabei.

Heute sind Namen zulässig wie Pepsi-Carola, Godpower oder Schaklyn (für Freunde der Phonetik). Ebenfalls als unbedenklich gelten Napoleon oder Despot (nomen est omen) sowie Katzbachine, bei der ich auf den ersten Blick "Kackbratze" lese. Aber ich habe ja auch einen miesen Charakter.

Schokominza ist ein gültiger Mädchenname, während Pfefferminza natürlich gar nicht geht und auf der roten Liste steht. Genau wie Atomfried, Nelkenheini oder Borussia. Versteh einer die Ämter.

Und MJ? Der heißt in Wirklichkeit vermutlich Manfred Jason. Oder schlicht: "Mein Junge". Was irgendwie schon wieder schön wäre.

Küsschen, Ihr Michael