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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Schöne heile Welt

Nichts ist tröstlicher als Ärzte, die immer genug Schutzausrüstung haben, und Patienten, denen stets zu helfen ist. Gibt's alles im TV. 

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz: Schöne heile Welt

Bevor es Sie komplett aus den Socken haut, verrate ich es Ihnen besser gleich: Ja, auch ich bin vom Corona­virus betroffen (bislang nur in­direkt, aber das weiß man leider nie so genau).

So kann ich mich jetzt bei mir selbst bedanken, mir die Wohnung über die letzten Jahre so schick eingerichtet zu haben – ich habe ja nun reichlich Zeit, sie mir anzusehen.

Wobei das eigentlich nur bedingt stimmt: Durch die geschlossene Kindertagesstätte lerne ich meine kleine Tochter gerade noch besser kennen.

Da verkündete dieses vierjährige Mädchen doch plötzlich abends im Wohnzimmer spontan "die Nachrichten" und erzählte von "geschlossenen Spielplätzen", vom "Hände ­waschen" und davon, dass "Omi und Opi sterben könnten". Bis der Vortrag abrupt endete, weil im Fernsehen etwas über Glitzerschleim kam. Das ist ein echtes Ding für Mädchen: einem Gülcan-Double dabei zusehen, wie es sich schminkt und schillernden Einhorn- Kot-Schleim-Irgendwas herstellt. Bin ich froh, wenn die Phase vorbei ist und sie einfach nur wieder puzzeln oder basteln will!

"Schwarzwaldklinik" als Quarantainment 

In diesen Tagen der Isolation kommt mir meine alte DVD-Sammlung zugute. Jetzt, da ich die Streamingdienste (die übrigens mehr zur Volksgesundheit beitragen dürften als die meisten Ansprachen) leer geguckt habe, aber noch Wochen der Einkasernierung vor mir habe, ist es an der Zeit, die Feldkiste mit dem Survival-Kit rauszuholen. Quarantainment.

Zum Beispiel die Sechser-DVD-Box "Schwarzwaldklinik". 72 Folgen wilde Glottertalfahrt, in denen Professor Brinkmann als eine Art Weißkittel-Madonna von Lourdes fungierte.

Natürlich weiß ich, dass man bei Tinder unter Beruf nur "Virologe" eingeben muss, um eine hundertprozentige Trefferquote zu haben. Trotzdem sind mir persönlich Forschungseinrichtungen und Universitätskliniken zu antiseptisch. Charité? Gern! Aber doch bitte als historische Serie!

In Zeiten der Infodemie, der Fake News und der Bekannten, die "von einem Freund gehört haben, dass ab morgen die Supermärkte dicht sind!", kann man sich auch gleich in die heile Parallelwelt flüchten, in der allein der gütige Blick des Arztes die Kranken wieder ­genesen lässt. Dr. Stefan Frank ("Der Arzt, dem die Frauen vertrauen") musste niemanden nach Hause schicken, weil die Schutzmasken aus waren.

Martin Gruber, der Berg­doktor, praktiziert in Tirol. Also genau dort, wo das große C als besonders dunkle Wolke über den Bergen hängt. Doch gibt es beim Bergdoktor eine Ausgangssperre? Muss er Kopf­verletzungen nähen, weil sich zwei Tiroler im Supermarkt um eine Rolle Vierlagiges geprügelt ­haben? Nix! Wenn da eine alte Frau mal hustet, dann nur, um langsam die Geschichte von den zwei verfeindeten Brüdern vorzube­reiten, die am Ende bei der ­Testamentsverlesung wieder zueinanderfinden.

Nostalgie gegen die Langeweile 

Und wenn in der Sachsenklinik das Herz-Kreislauf-System akut bedroht ist, dann vorrangig deshalb, weil sich die Schwester unglücklich in einen amokcharmierenden Chefarzt verliebt hat.

Wo kriege ich jetzt bloß die 107 Folgen "Praxis Bülowbogen" her? Nicht nur eine schöne Westfernsehen-Nostalgie, sondern ganz nebenbei die erstaunliche Geschichte eines Arztes aus der Infrastrukturdiaspora Berlin, der nicht unter dem Gesundheitssystem ächzt, eine Hommage an Zeiten, in denen Social Distancing noch Berliner Mauer hieß.

Hach, die Welt war damals auch schon irre. Und der saure Regen irgendwie die schönere Tröpfcheninfektion.

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