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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Termin-Tetris

Warum dauert das nur so lange hier? Ich habe schließlich noch was vor! Fragt sich bloß: Ist das wirklich alles so wichtig?

Von Micky Beisenherz

Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Panik. Nicht schlecht für einen, der eigentlich nur zum Friseur wollte. Ich bin dienstlich in Köln. Ein Freund hatte mir diesen empfohlen, und ich hatte Glück, noch einen Termin zu bekommen. Nach fünf Wochen unbeschnittenen Daseins hatte mein Kopf es dringend nötig.

Es ist 11 Uhr. Um 11.30 Uhr muss ich weiter. Ich bin ja nicht zum Spaß in der Stadt. Alles in dem Laden schreit: Ich bin Promifriseur! Vielleicht muss ich deshalb erst einmal zehn Minuten warten. Was an sich okay ist. Aber ich habe es ja eilig.

Jetzt bleiben noch 20 Minuten für meinen Haarschnitt. Die Friseurin geleitet mich zum Waschbecken. Dann kommt: die Kopfmassage. Aber warum? Dieses Kneten meiner pochenden Schläfen bewirkt immer nur das Gegenteil dessen, was es soll: Es macht mich unruhig. Als würde man Häme über meine Zeitnot in mich hineinmassieren. Wir verlieren kostbare drei Minuten.

11.14 Uhr: Ein Mann nimmt neben mir Platz. Offenbar Stammkunde mit Chefarztbehandlung. Der Maestro, Typ Kölscher Celentano mit Hang zu Profifußballergarderobe, lacht in einer für Köln angemessenen Lautstärke.

Die Dame schneidet mit der Akribie einer japanischen Origamimeisterin

Ich hingegen rechne still in mich hinein, ob es bis 11.30 Uhr reichen wird. Die Dame schneidet mit der Akribie einer japanischen Origamimeisterin. Ich aber brauche die grobe Kelle. Für meine Frisur haben 30 Minuten immer gereicht. Die habe ich eingeplant.

Mich macht das nervös. Schließlich ist mein Tag eng getaktet, und, ja, das gebe ich gern zu: Ich habe offenbar das Problem, mir meine Zeitblöcke am Tag tetrisartig ineinanderzuschieben, bis dazwischen kein Blatt mehr passt. Das muss so eine Art psychische Störung sein: sich jede Lücke so mit Terminen vollzuballern, dass man zwangsläufig in Stress gerät.

11.32 Uhr: Sie hat sich noch gar nicht dem Deckhaar gewidmet. Kein bisschen! Wann soll das denn mal beginnen? Stattdessen: Mikroschnitte im Nacken. Stoische Ruhe.

11.42 Uhr: Ich frage zaghaft, ob sie denn wohl gegen 12 Uhr fertig sei. Sie guckt ratlos auf die Uhr und bejaht zögerlich, nur um sich in der Folge umso gelassener an meinem Hinterkopf zu schaffen zu machen.

11.47 Uhr: Meine Mensch gewordene Pechsträhne beginnt mit dem Deckhaar. Unter der Abdeckplane entwickelt mein Körper eine Hitze, die er oben abführt. Stressschweiß. Wutschweiß. Wie Milcheinschuss auf dem Kopf.

Die karnevalistische Fröhlichkeit neben mir klingt mehr und mehr wie Hohn

Mittlerweile bin ich sicher, sie kommt von der Kunsthochschule und schneidet mich für die Oscars zurecht. Ich wiederum bin schon froh, wenn ich nicht aussehe wie frisch lobotomiert. Die karnevalistische Fröhlichkeit neben mir klingt mehr und mehr wie Hohn.

Hallo? Ich leide(r) hier! Ich bin drauf und dran, Edna mit den Scherenhänden ihr Werkzeug zu entreißen und den Rest schnell selbst zu erledigen. Einfach gehen kann ich auch nicht. Das verbietet der Anstand. Man geht ja auch nicht in ein gutes Restaurant und fragt nach fünf Minuten, warum das Steak noch nicht fertig ist. Was ist nur mit mir los?

Um 11.58 Uhr entlässt man mich gut frisiert und entnervt – zum Sport. Den wollte ich vor dem Job unbedingt noch machen. Gaaaanz wichtig. Stimmt, hätte nicht sein müssen. Hätte mich weniger gestresst.

Ich bin ein Termin-Adrenalinjunkie, ganz klar. Die Frisur obendrauf ist eindeutig geordneter als der Typ untendrunter, und: Habe ich eigentlich keinen Friseur, dem ich all das erzählen kann?

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