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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Menschenkegeln

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Mehrere Meter auf der Wiese zur Seite rücken, nur weil irgendwelche Typen Fußball spielen wollen? Ja, wo kämen wir denn da hin?
Von Micky Beisenherz

Einen Ball ins Gesicht zu kriegen kann ein starkes Zeichen bürgerlicher Selbstbestimmung sein. Das musste ich zumindest aus der Reaktion einer Frau herauslesen, der ich unlängst begegnete.

Da ist diese Wiese im Hamburger Stadtteil Ottensen, auf der ich regelmäßig mit ein paar Kumpels spiele, irgendwo zwischen Rathaus und Kirche. Jeden Sonntag. Bei schönem Wetter kann es natürlich passieren, dass sich auch andere dort einfinden, um sich zum Beispiel ein bisschen zu sonnen.

"So etwas bin ich ja noch nie gefragt worden!"

Die meisten können das nicht genau definierte Spielfeld gut ermessen und gruppieren sich einfach drum herum. Die Wiese ist ja groß genug. Nicht so die Frau, die kurz vor Anpfiff an ihren Einkaufstrolley gelehnt auf dem Rasen hockte und verträumt in die Sonne blickte. Bis ich mich zwischen sie und ebendiese schob. In freundlichstem Gebrauchtwagenhändlerton fragte ich, ob es ihr möglich wäre, ein paar Meter weiter den Tag zu genießen, da sie mitten auf unserem Feld säße und das ja auch für sie nicht so angenehm sei. "Nein", war ihre schroffe Antwort. "So etwas bin ich ja noch nie gefragt worden!"

Und so kam es, dass wir selbstverständlich kickten, aber als zusätzliche Herausforderung eine Dame auf Höhe des Mittelkreises sitzen hatten, die es kunstfertig zu umspielen oder an ihr vorbeizuflanken galt, um sie nicht zu treffen. Das Gefühl, sich als Individuum gegen die Interessen einer Gemeinschaft durchgesetzt zu haben, ließ bei ihr offenbar sämtliche Ängste vor einer Verletzung in den Hintergrund rücken. Eine bemerkenswerte Einstellung, die mich an die Zeit erinnerte, zu der wir im Ruhrgebiet häufig mit zwanzig Mann (und Frau) auf einem Fußballplatz spielten, der zu irgendeiner Institution gehörte. Es kam da durchaus vor, dass Mitarbeiter sogar an ihrem freien Sonntag auf dem Platz erschienen, nur um zwei Dutzend Menschen zwischen 12 und 70 von ihrem gemeinsamen Spiel abzuhalten, weil "das ist ja nicht erlaubt" und "wenn das jeder machen würde".

Es gab also auch schon vor Corona diese tiefe Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit, die sich am ehesten dann spüren lässt, wenn man als Einzelperson möglichst viele Menschen gleichzeitig "abgeräumt" hat. Eine Art Menschenkegeln, um die eigene Ohnmacht als Individuum kurz vergessen zu können.

Deutschland hat 83 Millionen Ordnungshüter

Ich meine, wenn der Feldhamster oder die Gelbbauchunke ein Bauprojekt zum Scheitern verurteilen, dann tun sie dies nicht absichtlich. Sie sind einfach nur da und existieren arglos vor sich hin. Der Mensch hingegen entscheidet proaktiv, ob er durch seine Klage wegen Geräuschbelästigung ein ganzes Altstadtfest kippt oder nicht.

Deutschland ist der Ort auf der Welt, an dessen schönsten Flecken nach spätestens fünf Minuten jemand auftaucht, um dir zu sagen, dass du dort auf keinen Fall sein kannst. Nichts gegen lustvolle Zügellosigkeit natürlich, aber kontrolliert sollte es doch schon zugehen. 83 Millionen Ordnungshüter.

Andererseits: Wie viele Attentate hat der regulierungsfreundliche Durchschnitts-Uwe schon verhindert, indem er in der U-Bahn kurz bemerkte: "Entschuldigung, ich glaube, das ist Ihr Koffer, den Sie da haben stehen lassen."

Man muss auch mal dankbar sein.

Ob es der Allgemeinheit dient, als Picknickerin auf einem Fußballacker einen Querpass der gegnerischen Mannschaft mit dem Nasenbein abzufangen, bleibt trotzdem fraglich.

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