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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die Toten im Postfach

Ein Mensch stirbt. Seine digitale Erreichbarkeit aber scheint den Tod zu überdauern - und zeigt damit, dass das Leben immer zu kurz ist.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Lesebestätigungen sind für den Empfänger von E-Mails eine aufdringliche Angelegenheit. Sie nötigen ihm ab, möglichst sofort auf das Geschriebene zu reagieren, weil der Sender nun weiß, dass seine Nachricht geöffnet wurde. Mir käme es deshalb nie in den Sinn, sie zu aktivieren, wenn ich jemandem, der krank ist, eine Mail mit Genesungwünschen schicke. Und so werde ich nie erfahren, ob Winnie* die Nachricht noch hat öffnen können. Ob er die kleine Zeichnung genauso amüsiert zur Kenntnis genommen hat wie alle anderen Skizzen, die ich ihm im Laufe der Jahre gemailt habe. All die Karikaturen, die den Irrsinn illustrierten, den wir im TV-Dschungel so erlebten.

Jeden Abend, sobald wir das Fernsehset verließen, hatte ich ihm den Cartoon des Tages geschickt. Er hatte Spaß an diesem Quatsch. Er war ein gut gelaunter Kollege. Einer von denen, die bewusst im Hintergrund wirken und die Leute im Vordergrund glänzen lassen. 13 Jahre lang. Als es hieß, dass er dieses Mal nicht dabei sein werde, fühlte es sich schon nicht gut an.

Nur wenige Tage später erreichte uns die Nachricht, dass er verstorben sei. Er wurde 62 Jahre alt.

Ich stelle mir vor, dass er den Cartoon, in dem meine beiden Kollegen und ich ihm eine schnelle Genesung wünschen, noch hat sehen können. Als würde das irgendwas besser machen.

Wenn man so wie wir jedes Jahr zur gleichen Zeit als festes Team in einem fernen Land aufschlägt, entsteht automatisch das Gefühl einer Klassenfahrt. Bei der zum Antritt durchgezählt wird und man feststellt, dass einer fehlt. Seit ein paar Jahren wird mit jeder neuen Staffel ein vertrautes Gesicht vermisst. Dieses Jahr ist es Winnie. Davor war es Gregg*, der australische Aufnahmeleiter mit dem Surferlook. Ein Jahr davor hat es einen der Producer, Ronald*, erwischt. Der war kaum älter als ich.

Wäre Krebs eine Aktie, ich würde Anteile kaufen

Krebs. Er ist überall. Und wächst prächtig. Wäre er eine Aktie, ich würde Anteile kaufen.

Stell dir vor, du sitzt im Januar noch in den Dünen, blickst aufs Meer und denkst, wie schön das Leben ist. Ohne zu ahnen, dass du hier nie wieder sitzen wirst. Vor Kurzem warst du noch ein geschätzter Kollege. Von mir aus auch der Idiot, über den man genervt mit den Augen gerollt hat. Nun bist du Namensgeber einer Texttafel am Ende der Sendung, die daran erinnert, dass es dich gab und der Betrieb nicht einfach so weiterläuft, sondern innehält, wenigstens kurz. Und die für die anderen, die Überlebenden, das tröstliche Versprechen beinhaltet, dass auch sie später auf diesen kleinen Verweis auf die eigene Existenz hoffen dürfen. Wobei: "später" – wer sagt einem denn, dass man nicht der Nächste ist, der fehlt?

Früher war klar: Der Mensch wird 80 Jahre alt, kriegt weiße Haare und trägt Beige. Heute marschieren 85-Jährige mit vollem Haar und Sneakern zum Yogakurs. Andere wiederum werden nicht mal halb so alt.

Das Leben geht einfach so schnell vorbei

Wobei auch der 85-Jährige das Gefühl hat, mitten aus dem Leben gerissen zu werden. Es geht einfach so schnell vorbei.

Und so endet man als stummer Teilnehmer im Whatsapp-Chat. Als ungelesene Mail. Ein Facebook-Kontakt, den die anderen nicht entfreunden, weil es sich irgendwie pietätlos anfühlt, jemanden endgültig zu "löschen".

Das Leben ist wie diese Karikatur. Schnell fügen sich ein paar Striche zu einem grotesken Ganzen zusammen. Ein paar amüsieren sich mit dir. Man hat sie schnell vergessen. Und ob man wirklich gesehen wurde, vermag niemand zu sagen.

*Name von der Redaktion geändert

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