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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Backstage-Helden – warum sich manche Lichter nicht mehr wieder anknipsen lassen

Micky Beisenherz
Nicht alle Helden tragen Cape, aber die meisten Kabel und Overalls: Ohne die Backstage-Helden wären Künstler wie Brian May von Queen, Udo oder Smudo in Stadien und Hallen gar nicht hörbar.
© Joel Carrett/AAP / DPA
Es muss dringend etwas getan werden, damit all die Herberts, Udos und Smudos auch nach der Pandemie auf Konzerten hörbar sein werden: Micky Beisenherz über die Bedeutung der Backstage-Helden.

Politiker malen gerne Bilder. Doch nicht jeder taugt zum Bob Ross. So griff Bayerns Schattenkaiser Markus Söder unlängst zum Pinsel, um den Leuten die Bedeutung des Impfstoffs begreiflich zu machen. "Es ist eine Hoffnung, es ist ein Lichtblick, aber es ist kein grelles Scheinwerferlicht."

Ein mutig gewähltes Gleichnis, verheißt grelles Scheinwerferlicht für diejenigen, die drin stehen doch selten Gutes für die Gesundheit. Buchstäblich überfahren wurden auch all diejenigen, die sonst beruflich wie Motten um dieses Licht herumwuseln. Die drin stehen und performen, die ebendieses Licht setzen, die Mikrofone einrichten und Bühnen bauen.

Damit all die Herberts, Udos und Smudos auch in den hinteren Reihen zu hören oder zu sehen sind, wenn die Pandemie vorbei ist und man wieder unbeschwert mit 15.000 Menschen in einer sorglos vor sich hin aerosolenden Halle stehen darf.

Bis dahin nehmen sie im Tonstudio Corona-Songs auf, um nicht in die Telegram-Falle zu stolpern, sitzen zuhause oder in Talkshows, in denen sie dann von dem Kulturbetrieb erzählen, der einer verlassenen Westernstadt gleicht, durch die dann und wann ein verwaister, vertrockneter Busch taumelt.

Klatschen war, als es uns noch nicht an den Glühwein ging

Als Zuschauer sitzt man dann ganz betroffen, hört sich das brav alles an - und hat das alles schon wieder vergessen, sobald man was Nettes bei Amazon auf dem Tablet nebenbei gefunden hat. "Jaja, der arme Maffay, da in seiner Villa und der Brönner mit seinem Gewinsel. Ich hab auch meine Probleme. Allerdings auf weniger Quadratmetern."

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War Applaus in der ersten Welle allein Rettungssanitätern vorbehalten, hat die Pandemüdigkeit sogar diese letzten Refugien der Solidarität erreicht. Klatschen war, als es uns noch nicht an den Glühwein ging. Es ist jetzt langsam mal gut mit Umsicht - außerdem müssen noch in einem Anfall von Benevolenz-Blitzkrieg Geschenke besorgt werden.

Denn Weihnachten ist nicht abgesagt und der einzige Auftritt eines Stars, auf den man sich noch freuen darf, ist das Christkind - oder sein irdischer Stellvertreter, der DHL Bote. Dass dieser jemand sein könnte, der vor Kurzem noch bei einem Ärzte-Konzert die Boxen aufgebaut, bei Rammstein die Pyroshow choreografiert oder Olli Schulz die Gitarren gestimmt hat, ist die bittere Pointe eines Jahres, in dem sich nur Jeff Bezos nicht über den Impfstoff gefreut haben dürfte. Ein Jahr, in dem es Gruppen gibt, die "vulnerabel" gibt. Und Branchen, die schlicht tot sind.

Fast ein komplettes Jahr ohne Verdienst

Während das politische oder finanzielle Establishment, das in normalen Zeiten gar nicht schnell genug nach Bayreuth oder in die Elbphilharmonie kommen konnte, um sich von fremden Künstlern etwas Kultur auflackieren zu lassen, hilflos mit den Schultern zuckt, weil: Am Ende ist der Kulturbetrieb dann doch kaum mehr als ein Luxusartikel.

Wir reden von Menschen, die in fast einem kompletten Jahr NICHTS verdient haben. Ihnen bleibt nicht einmal die Hoffnung, Songs zu schreiben, die dann irgendwann mal auf der Bühne für geschwenkte Smartphones sorgen. Sie sind nun näher den Menschen, die draußen vor der Konzerthalle leere Pfandbecher sammeln als denen, die am Ende eines geilen Gigs ein letztes Bier mit dem Musiker trinken.

Klar, ihre Lieblingskünstler, die sie von Spotify, iTunes oder zwischen den Flitzerblitzern und dem verrückten Geräusch im Formatradio kennen, die werden sie irgendwann wieder auf der Bühne sehen, das ist klar. Aber den Menschen dahinter begegnen Sie künftig eher, wenn Sie sich was bei Lieferando bestellen, via UPS - oder als Lagerist im Baumarkt. Und das Konzert wird weniger professionell sein als früher.

Nicht alle Helden tragen Cape, aber die meisten Kabel und Overalls. Es muss etwas getan werden - und sei es nur aus dem reinen Eigennutz, irgendwann wieder ordentlich unterhalten zu werden. Von Profis auf, aber eben auch abseits der Bühne.

Nicht jedes Licht, das ausgeht, lässt sich einfach wieder anknipsen.

Sie sind selbst Backstage-Held in Not? Dann können Sie sich hier um Hilfsgelder aus unserer Aktion bewerben.


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