HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: VIVA CORONA – warum wir vielleicht doch einfach aussterben sollten …

Das Coronavirus offenbart Rassismus, Sensationsgeilheit und den beispiellosen Egoismus der Deutschen, findet Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über das Coronavirus

Es wird gehortet, bis der Scanner glüht: Das Coronavirus offenbart den Rassismus und Egoismus der Deutschen

Picture Alliance

Stell dir vor, es ist die richtige Reaktion – allerdings auf die falsche Krise. Zumindest, wenn man die bekannte Greta-Losung "I want you to panic" zugrunde legt, haben wir Deutschen bewiesen, dass wir zu heftigen Panikattacken durchaus in der Lage sind. Die Bedrohung darf halt nur nicht allzu sichtbar sein, denn bei der ungleich stärkeren Klimakrise (nicht nur der globalen) drängen sich die Folgen ja deutlich stärker auf. Vermutlich haben wir uns einfach schon dran gewöhnt und es fehlen neue Schreckensimpulse. Klima ist ja jetzt auch schon in Staffel …, ja, wo eigentlich? Und Corona kickt wie Chernobyl.

Coronavirus: Das Ausgrenzen ist unsere Königsdisziplin

Als beeindruckend stumpfer Zeitgenosse kann ich mir zugute halten, dass mich weder der eine noch der andere Alarmismus groß gekriegt hätte. Während ich mir in Sachen Climate Change noch den Vorwurf gefallen lasse, ein ignorantes Schwein zu sein, ist mein vergleichsweise pandemieungerührtes Wesen im Hals-Nasen-Ohren-Inferno fast wohltuend. Geradezu altruistisch! Das Erhellende an so einer Krise ist, dass sie uns sehr deutlich offen legt, wie beschissen diese Gesellschaft natürlich immer schon war:

Sämtliche Untugenden brechen sich Bahn in einer Geschwindigkeit, auf die so manche Tröpfchen neidisch wären. Misstrauisch waren wir schon immer. Aber das Ausgrenzen von Menschen, die eine Bedrohung sein KÖNNTEN, das ist unsere Königsdisziplin. Da werden zahllose Menschen mit asiatischen Wurzeln in öffentlichen Räumen und Transportmitteln wie Aussätzige behandelt, rassistisch beleidigt und offen angefeindet. China macht ja panisch.*

Und weil "dem Fremden" per se gerne niedere Motive, mindestens aber grenzenlose Unreinheit unterstellt wird, ist es nur eine Frage von wenigen Tagen, bis die Ressentiments sich vollumfänglich auch gegen all jene richten, die nicht gerade aussehen wie der Camp-David-Ingo vom Sparkassenfest. Bin gespannt, was denjenigen nun einfällt, die jahrelang gewettert haben, dass "der Moslem deutschen Frauen nicht die Hand gibt".

Dauerhafte Angst lässt sich vermarkten

Im Hinblick auf das, was gerade an der türkisch-griechischen Grenze passiert, sind die verbalen Grenzen zwischen Infektion und Invasion fließend: "unkontrolliert, Dammbruch, nicht einzudämmen". Ja, den Teutonen treibt eine tiefe Sehnsucht nach der Apokalypse. Anders ist es nicht zu erklären, was für Fatalismus-Dauerschleifen derzeit als seriöse Quellen zu Rate gezogen werden und wie sehr der ursprüngliche Informationsanspruch zur (chinesischen) Tröpfchenfolter verkommen ist. Eine Infodemie, deren Ursprung die unselige Tatsache ist, dass Erregung und dauerhafte Angst sich nun mal besser vermarkten lässt als Gelassenheit.

Selbst der geistig Gesündeste mutiert zu "Schrödingers Infiziertem", der nicht weiß, wo die Vorsicht endet und die Panik beginnt. Stunden-, ja, tagelang ballern die Kanäle mit der Worthülsenflak auf die vom Howard-Hughes-Syndrom befallenen Leute, wo die Basisinformation doch nur lauten kann: Seife wäre schön, und so eine Scheiße wie das am Rosenmontag vielleicht besser lassen. Ansonsten abwarten und sich statt mit der Hand mit den Ellenbogen begrüßen. Aber bitte nicht ins Gesicht.

Womöglich überstehen viele deutsche Männer die Epidemie ja und beschließen, diesen neu adoptierten Hype, Hände waschen nach dem Pinkeln auch beizubehalten, wenn die Gefahr vorüber ist. Ich selber kann mittlerweile innerhalb von 10,7 Sekunden zweimal "Happy Birthday" singen und stelle bei eingehender Betrachtung mit Entsetzen fest, dass ich mir wirklich sehr, sehr häufig ins Gesicht fasse. Überdies fühlte ich mich lange nicht einmal als Risikogruppe, da das "ja nur alte Leute und welche mit Vorerkrankungen" betrifft.

Corona wirkt

Was also geht's mich an! Lasst mich fröhlich weitersiffen. Dummerweise fiel mir dann wieder ein, dass im Dezember bei mir eine Form von Asthma diagnostiziert wurde – und seitdem gilt meine größte Sorge nicht mehr meinem Aktiendepot. Der DAX, Leute, der DAX! Warten wir mal ab bis Montag. Dann sind die vierzehn Tage Inkubationszeit nach Karneval vorbei, und wir sind alle schlauer. Da simmer dabei, dat is prima – Viva Corona!

Bis das alles überstanden ist, können Netflix und Amazon für die Eindämmung einer Krankheit sicher mehr tun als Mundschutz und eine Palette Sterilium, für die man den Q8 in Zahlung gegeben hat. Corona wirkt – im Zweifel als Katalysator für all die charakterlichen Schwächen, die eine Gemeinschaft hat, und man fragt sich ernsthaft, ob ihr Erhalt eigentlich sinnvoll ist: So tritt neben dem Rassismus und der Sensationsgeilheit vor allem der beispiellose Egoismus zu Tage. Peinliche Szenen in Supermärkten, die den Verdacht nahelegen, die Pandemie sei eine perfide Erfindung von Mamma Miracoli und dem Charming Bär.

Es wird gehortet, bis der Scanner glüht. Nach mir die Virenflut. Dass die Hype-o-chonder sich nicht gegenseitig mit dem Warentrenner erschlagen, ist alles. Junge Mütter ziehen in Tränen aufgelöst durch Drogerien, weil andere gleich mit zwanzig Packungen Milchpulver aus dem Laden gewankt sind. Arztpraxen stellen den Betrieb ein, weil ihnen das Desinfektionsmittel geklaut wird. Menschen sehen sich gezwungen, sich abends bei Kerzenschein zwei Packungen Carazza reinzudrücken, weil andere sich bis Mitte 2035 mit Nudeln eingedeckt haben.

Mit einer kurzen Handwäsche erreicht man gar nicht alle wichtige Stellen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, dass dieselben, die Unverständnis äußern, warum Leute wegen ein bisschen Krieg gleich ihr Heimatland verlassen, währenddessen an der Supermarktkasse stehen, um geschüttelt von Existenzangst noch die letzte Klinikpackung Hakle feucht zu ergattern. Und während die "Bild" ihren Body Count-Live Ticker laufen lässt, scrollt man auf dem Desktop runter und sieht, wie Johann Lafer als Gesicht der Krise in einem Luftschutzkeller im Axel Springer Haus am Herd steht und in seiner Robert-Koch-Show der völlig enthemmten Nation zeigt, was man aus seinen Corona-Vorräten so alles kochen kann. Und 98 Prozent der Bevölkerung müssen sich mit Muscheln den Arsch abwischen.

Wir wären dann jetzt soweit. Wir können aussterben.

*höhöhö