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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Pappe und Verrat – nachbarschaftliche Denunziationsversuche beim Altpapier

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Pappe und Verrat – nachbarschaftliche Denunziationsversuche beim Altpapier
© Illustration Dieter Braun/stern
Die Onlineshopping-Wut der Deutschen explodiert, die Papiercontainer auch. Der perfekte Nährboden für nachbarschaftliche Denunziationsversuche.
Von Micky Beisenherz

Dass mit dem neuen Jahr nicht alles besser wird, sondern sich bereits bestehende Fehlentwicklungen einfach nur weiter dramatisieren, das kann man erkennen an Themen wie Corona, Trump – oder an der Altpapiertonne.

Hier unten, im Enddarm eines jeden Mehrparteienhauses, steht man mit seinem Papiermüll, den man mühevoll wie ein halb ausgewachsenes Seekalb auf beiden Armen drei Stockwerke hinunterbugsiert hat, nur um ernüchtert festzustellen: Da geht nix mehr. Die Tonnen sind voll wie eine chinesische U-Bahn. Die Pappe quillt aus den Behältnissen, sodass nicht einmal eine alte Weihnachtskarte noch Platz fände.

Seit Tagen fahre ich wie ein Privatdetektiv am Pappcontainer unseres Viertels entlang, um den Moment abzupassen, da das Ding frisch geleert wurde, um endlich meinen Unrat abladen zu können. So kurz nach Weihnachten befindet sich allein in meiner Wohnung eine 1:1000-Nachbildung von Manhattan nur aus alten Pappverpackungen all dessen, was mir geschenkt wurde oder mehr noch: ich mir selbst geschenkt habe. Wie so viele, die in Zeiten des boomenden Onlinehandels dafür sorgen, dass DHL-Boten nicht einmal mehr die Zeit haben, sich in Flaschen zu erleichtern.

Das schmale Kontingent an Altpapiertonnen kann dem Wachstum des Kartonmülls kaum noch gerecht werden. Das führt nicht nur zu Frust, sondern schält den Menschen runter bis auf seinen niederträchtigsten Kern. So erhielt ich unlängst eine SMS meines Vermieters, der mich mit nachvollziehbarem Entsetzen auf mein seltsames Gebaren hinwies. Dokumentiert durch ein Foto, das einen Karton auf dem Boden neben der Altpapiertonne zeigte, auf dem meine Adres­se prangte. Peinlich. Aber vor allem auch unmöglich. Ich mache so was nicht. Ich zähle ja sogar zu den Solidaritätsleadern, die ihren Verpackungsmüll klein reißen, bevor sie ihn in der Tonne versenken.

"An den Altpapiertonnen zeigt sich der Egoismus der Gesellschaft"

Viel wichtiger aber: Ich würde bei all meinen Schandtaten niemals meine ­Adresse hinterlassen. Kurze Rückversicherung bei meiner Frau, "hast du beim Müllrunterbringen etwa…?" Sie verneinte ­vehement und bat um die Nummer des Vermieters, um den Sachverhalt zu klären.

Als Flugbegleiterin mit persischen Wurzeln verfügt sie über ausreichend trickreichen Charme, um so ziemlich jeden einzuwickeln. Dummerweise endet des Deutschen Spaß bei der Kartonage, und das aufrichtige Bemühen meiner Frau um Entlastung wurde schnell abgebügelt. Mit ihren Argumentationsversuchen tropfte sie beim Vermieter ab wie ein Kind, das beim Süßigkeitenstehlen erwischt wurde. Sein Unwillen, ihr Glauben zu schenken, brachte sie bis an die Grenzen des Wutheulens. Und ihm eine mittelschwere Fatwa ihrerseits ein.

Aber wie kam es nun zu dieser erregungswirksam drapierten Verpackung auf dem Boden des Müllkellers? Wir vermuten, es war dieselbe Person, die es für nötig erachtete, ein Foto von Beweisstück A (wie Amazon) an den Vermieter zu schicken. Wer tut so was? Menschen mit einem Rückgrat aus Pappmaschee. Oder um den Zettel zu zitieren, der an der Wand über den Containern prangt: "An den Altpapiertonnen zeigt sich der Egoismus der Gesellschaft."

Meine Frau wird ihn aufmerksam lesen, während sie aus bloßer Rachsucht am Vermieter alte Autobatterien in den Pappmüll schmeißt. Ich werde sie in den nächsten Tagen kritisch überwachen müssen. Hoffe nur, dass ich bei meiner Beschattung nicht den Moment verpasse, wenn der Pappcontainer am Ende der Straße frei ist.


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