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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Silvester ist der Polenböller im Terminkalender

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Silvester ist der Polenböller im Terminkalender
© Illustration Dieter Braun/stern
Silvesterpartys werden maßlos überschätzt. ­Gar nicht schlecht also, dass in diesem ganz besonderen Jahr einfach mal keine stattfinden.
Von Micky Beisenherz

Sehen Sie es positiv: Normalerweise wären Sie jetzt schon zu betrunken, um diesen Text zu lesen. Oder Sie hätten keine Zeit dazu. Viel zu viel Stress, den Sie sich selbst mit mäßigem Erfolg zur Vorfreude verklären würden. Schließlich ist Silvester, und das ist doch die Party des Jahres.

Tatsächlich ist die Silvesterfeier der Scheinriese unter den Terminen im Jahr. Aufgebläht mit unerfüllbaren Erwartungen, kann dieses Soufflé von einer Party nur in sich zusammenfallen. Man strasst sich auf, ertränkt die letzten Hilfeschreie der Leber in Amarula und smalltalkt sich verzweifelt durch die schier endlosen Stunden bis zum ersehnten Countdown.

Drei, zwei, eins, das neue Jahr ist deins und – Riesenüber­raschung – fängt genauso mies an, wie das vergangene aufgehört hat. Nur mit weniger Geld und mehr Rechnungen. Bleigießen ist ebenfalls der Beschiss des Jahrhunderts – oder hatte irgendwer die Silhouette von Corona auf dem Teller?

Wäre ja schon schön gewesen, wenn die Meldung von dem ersehnten Impfstoff erst am 31. gekommen wäre. So hätte man sich im Überschwang der frischen News ehrlich freuen dürfen, dass das kommende Jahr dann wirklich anders werden wird.

Nun aber ist die freudige Nachricht schon abgesoffen in Impfgegnerdiskussionen und Gezänk darüber, ­warum der nutzlose Brite das Zeug eher bekommt als der Schwager bei der Sparkasse, weil der ist ja auch wichtig.

Nein, Silvester ist der Polenböller im Terminkalender. In ihm steckt eine geballte Ladung aus aufgestautem Frust, unausgesprochenen Vorwürfen und ungeliebtem Leben. Der Alkohol verkürzt die Lunte, und in den falschen Händen sprengt es dir die komplette Sozialprognose weg.

An wie viele gute Silvesterpartys erinnern Sie sich?

Ehrlich: Auf wie viele gute Silvester kommt man in einem durchschnittlichen Leben? Vier? Fünf? Jeder Mittwochnachmittag in der Sonne, an dem man sich entscheidet, doch noch die drei, vier Bier mehr zu trinken, hat mehr Erinnerungswert als dieses Wirecard von einem Fest.

Silvester, das waren in den Achtzigern die Eltern, die Saragossa Band im Partykeller und Onkel Franz, der Böller im Gegenwert von Monte Carlo in der Einfahrt verfeuerte, während Fips, der Jack Russell Terrier, durch das Geknalle komplett verstört die Treibjagd angepfiffen sah. An den folgenden nasskalten Neujahrsmorgen hieß es dann, 200 Meter Pladderpappenmatsch und Blindgänger von der Straße zu fegen.

Die Neunziger waren eine einzige sportliche Aufgabe, bei der es darum ging, die Alkoholvergiftung bis mitten in die Neujahrswoche zu retten.

Die 2000er schloss ich an dem Silvesterabend ab, als gegen ein Uhr nachts draußen neben meinem Kopf eine Bierflasche an der Mauer zerschellte, die ein wütender Kerl von der anderen Straßenseite auf uns warf, weil irgendjemand neben mir einen Böller in die Richtung seiner schwangeren Frau geschmissen hatte. Das reichte dann auch. Wenn ich nach Kabul will, geh ich zur Bundeswehr.

Die vergangenen Jahre haben meine Frau und ich eigentlich immer ins neue Jahr hinein­gefeiert, indem wir zu Hause saßen, alte "Rocky"-Filme geguckt haben und gegen eins zufrieden ins Bett gingen. Sylvester an Silvester.

Wir haben im Grunde genommen seit Jahren für diese Partyentsagung geübt. Es war nicht schwer. Silvester ist ein Trick. Fallen Sie nicht drauf rein.


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