VG-Wort Pixel

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Die Eltern der anderen

Micky Beisenherz Kolumne
© Dieter Braun/stern
Kinder laden gern Freunde zum Spielen ein. Eigentlich eine gute Sache. Wenn die nur nicht immer ihre Erzeuger im Schlepptau hätten.
Von Micky Beisenherz

Wer ein Kind hat, vergrößert ­seine Angriffsfläche überdimensional. Du bist verletzlicher. Ständig machst du dir Sorgen. Jeden Tag stellst du dir bange Fragen: Ernährt es sich gesund? Ist es glücklich? Bricht es sich auf dem 100-Meter-Hinweg zum Kindergarten auch nicht den Arm?

Und natürlich die größte ­Panik: Es möchte sich doch hoffentlich nicht mit anderen Kindern verabreden?! Das wäre wirklich schlimm.

Denn klar, mit der Tochter gefühlte acht Stunden Puppen-Kaffeekränzchen zu spielen ist für Erwachsene auch nicht gerade Erlebnisgastronomie. Aber die Vorstellung, fremden Menschen über Stunden ausgeliefert zu sein, das ist für den normalsoziophobischen Großstädter wie mich geradezu quälend. Wobei mit "fremden Menschen" natürlich nicht die anderen Kinder gemeint sind. Sondern deren Eltern.

Während sich die Blagen näm­lich schnell ins Kinderzimmer zurückziehen, ist es dann an dir, die Mutter (schöne Grüße auch an die Gleich­berechtigung) zu unterhalten. Über Stunden. In den meisten Fällen ist das so zäh wie der Small Talk auf einer Party, auf der du niemanden kennst. Nur ohne Häppchen. Oder die Sektflöte zum Festkrallen.

Und so spielst du in deinem eigenen Wohnzimmer irgendwas zwischen Vorstellungsgespräch und freiwilliger Selbstauskunft mit der Frau vom Jugendamt.

Klar, Eltern sind nicht gleich Eltern. Und berufsbedingt dramatisiere ich ein wenig. Wobei, wenn ich wählen dürfte zwischen

a) mit Marijke*, der Mutter von Tjure*, meinen Nachmittag zu verbringen oder

b) mir einen rostigen Eierlöffel in die Augenhöhle zu rammen –

Ich könnte gar nicht schnell genug an der Besteckschublade sein.

Marijke ist, tja, wie soll ich das beschreiben … Kennen Sie diese Menschen, die Zehenschuhe tragen? Leute, bei denen man glaubt, die wären im nächsten Leben gern ein Gecko? So jemand ist Marijke.

Schrottwichteln, aber als soziales Experiment

Allein der Gedanke daran, dass die Batik-Amazone aus dem Dinkelkissenland und ein wohlstandsverwahrloster Hedonistenprimat wie ich einen Nachmittag zusammen verbringen – absurd. Jeder Satz wie Kilometer 28 beim Marathon. Schrottwichteln, aber als soziales Experiment.

Und meine Tochter? Die ahnt überhaupt nicht, mit welch beiläufiger Grausamkeit sie mich straft, wenn sie beim Abholen von der Kita auf mich zuläuft und mir freudestrahlend mitteilt, dass sie sich "heute mit Tjure verabreden" will. Ich nehme sie hoch. Tätschle ihr den Popo. Gebe mich ganz relaxed. Während ich innerlich bereits "Nooooeeeeiiiiiiiinnn!" schreie.

Glücklicherweise bin ich nicht erst seit gestern Vater, und so weiß ich: Bei Kindern bringen Verbote nix. Wohl aber: Ablenkung.

Ich habe ewig gebraucht, um zu realisieren, dass ein guter Kumpel von mir ebenfalls Vater von zwei Töchtern ist. Und dann auch noch im Alter meiner Tochter! Und nun, nach Jahren des "Wir müssen uns echt mal wieder treffen", haben wir dazu endlich einen handfesten Grund! Wir sind unsere gegenseitigen Blitzableiter geworden. Eltern, deren Kinder uns davor bewahren, uns anderen Eltern ausliefern zu müssen.

Ich bin so glücklich. Ich trinke Bier, grille, unterhalte mich angeregt. Und wenn meine Tochter quengelt, sie würde gern noch länger bleiben, antworte ich wahrheitsgemäß: Ich auch!

Nur eine Frage wabert noch irgendwo in meinem Hirn: Was, wenn ich für die ­anderen eine Marijke bin?

*Name aus guten Gründen geändert


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker