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"Hip Hop spricht": Die Penislänge als Freiheitsmaß

An Vorwürfen mangelt es nicht: Gangsta-Rap verherrlicht Pornografie, verharmlost Gewalt und verdirbt die Jugend. Auf der Veranstaltung "Hip Hop spricht" haben einige Künstler Stellung bezogen. Mancher harte Rapper gibt sich selbstkritisch, andere feiern den Schwanzvergleich als Ausdruck einer liberalen Gesellschaft.

Von Johannes Gernert

Einen Tag vorher kam der neueste Angriff: Die Justizministerin meldete sich über das Portal abgeordnetenwatch.de zu Wort. Im vergangenen Herbst schon hatte eine besorgte Mutter sich dort erkundigt, warum ein pornografischer Track wie der "Arschficksong" des Berliner Rappers Sido nicht zensiert werde. "Warum lässt man solchen Dreck zu", fragte die Frau. Zunächst hatte Brigitte Zypries geantwortet, sie halte den Text des Lieds für "inakzeptabel". Jetzt legte sie noch einmal nach. Tatsächlich sei bei der Bewertung des Stücks, in dem der Verfasser sehr explizit Analsexerfahrungen beschreibt, "einiges schief gelaufen", so dass junge Leute über 16 es legal kaufen könnten. Dann schlug sie gleich mehrere Maßnahmen vor, um so etwas künftig zu verhindern. Wieder einmal stand damit ein Teil der deutschen Hip-Hop-Branche am Pranger. Ein paar Wochen vorher erst hatten die Schüsse auf den Gangsta-Rapper Massiv eine Debatte darüber entfacht, ob die Szene mit ihren aggressiven Sounds und Texten in manchen Schichten und Vierteln Gewalt schürt.

Unmittelbar nach der Ankündigung der Justizministerin haben prominente Vertreter der Szene Gelegenheit, ihren Beitrag zur Diskussion zu leisten. "Hip Hop spricht" hieß die Veranstaltung der "Red Bull Music Academy". In riesigen, neongelben Lettern war das Motto an die Wand projiziert. Die Buchstaben zerliefen wie ein frisches Graffiti - oder wie der Schriftzug eines Splatter-Movies. Vor diesem Hintergrund hätte eigentlich sogar Sido selbst, der Star des Labels AggroBerlin, auf einem der langen, weißen Podiums-Sofas Platz nehmen sollen. Nun erscheint aber bald sein neues Album, weswegen er letztlich doch keine Zeit hatte. Seine Antwort auf die Anschuldigungen hat er ohnehin gerade in Form eines Videos gegeben. Darin erzählt er vom Elend verwahrloster Flatrate-Säufer-Kids und lässt einen Teenie-Chor singen: "Mama mach' die Augen auf. Treib' mir meine Flausen aus. Ich will so gern erwachsen werden und nicht schon mit 18 sterben." Bedeutet: Schuld sind auch die anderen. In diesem Fall die Eltern.

"Alter, des kannste net bringen"

Auch der Frankfurter Gangsta-Rapper Azad zeigt zunächst einmal auf die anderen. Auf pauschale Anschuldigungen reagiert er mit noch pauschaleren Gegenangriffen: "Die ganzen Politiker fast überall auf der Welt sind Heuchler. In einer Woche sind halt die Pitbulls die Monster, die müssen eben verboten werden. Und jetzt sind es die Rapper." Azad, rasierter Schädel, schwere, tätowierte Arme, ist mit einigen harten Texten über seinen "Block" und das Leben im ruppigen Nordwesten Frankfurts auf dem Index gelandet. 2007 hat er es als erster deutscher Rapper mit einer Single an die Spitze der Charts geschafft und später eine goldene Schallplatte dafür bekommen. Die Forderung der besorgten Mutter nach einem "Dreck"-Verbot und Azads Politiker-Schelte verdeutlichen vor allem eines: Auf beiden Seiten wird bisweilen mit groben Schablonen gesprüht. Die erste feinere Schattierung fügte Azad erfreulicherweise gleich selbst hinzu: "Natürlich gibt es Texte, wo du sagst: Alter, des kannste net bringen." Nur: Wie geht man mit diesen Stücken um?

Hip Hop ist keine Nischenveranstaltung mehr

Dass Indizierung über die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in dem Fall nicht ganz zeitgemäß ist, darüber waren sich auf der Bühne alle einig. Schließlich werden die Jugendschützer in Bonn erst aktiv, wenn ein Album schon auf dem Markt ist. Bevor das Gremium entscheidet, sind meist etliche Kopien ins Internet gelangt. Gefragt ist also Eigenverantwortung. Nicht nur die der Eltern, auch die der Branche. Der Einfluss der Hip-Hop-Kultur ist schließlich erheblich. Der norddeutsche Rapper Dendemann - für seine vielschichtigen, subtil-ironischen Texte bekannt - brachte das griffig auf den Punkt: "Auf einmal ruft dich dein Vater an und fragt: Was geht?". Die Sprache der Rap-Szene spricht längst nicht mehr nur ihre Anhängerschaft. Hip Hop ist keine Nischenveranstaltung mehr.

"Ist das nicht auch heuchlerisch?"

Für Torch, der mit seiner Formation Advanced Chemistry als Gründervater des gesellschaftskritischen, deutschen "Conscious Rap" gilt, folgt daraus, dass die Jugendidole nicht nur auf die Heuchelei der Politiker schimpfen dürfen, so wie Azad es tut: "Ich denke, dass wir Rapper auch aufpassen müssen, dass wir selbst nicht zu Heuchlern werden. Wir sehen uns immer in der Opferrolle." Bestimmte Schichten würden Politiker heute allerdings gar nicht mehr erreichen. Den Rappern dagegen hören diese Leute zu, glaubt Torch: "Wir könnten ihnen zeigen, wie sie ihr Leben verbessern können. Immer nur zu sagen: Das ist nicht mein Job. Ist das nicht auch heuchlerisch?" Gute Frage. So richtig antworten will an der Stelle niemand.

In Workshops gegensteuern

Dabei wird bei Azad selbst klar, wie Rapper als Vorbilder funktionieren. Als er zu Beginn der Veranstaltung die Bühne betritt, begrüßen ihn Fans mit "Es lebe Kurdistan"-Rufen. Zwischendurch halten sie Flaggen in die Luft. Er antwortet ihnen mit demselben Slogan. Er wolle genau dieser "Bezugspunkt" für solche Jugendlichen sein, sagt Azad, da er ein ähnliches kurdisches Vorbild in seiner Jugend vermisst hat. Der Hamburger Samy Deluxe will Jugendlichen mit anderer Hautfarbe ebenfalls Identifikation bieten. Er beweist, dass auch Rapper-Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen können. Wenn man nämlich einen sieben Jahre alten Sohn habe, wie er selbst, versuche man die Kinder und jungen Leute positiv zu beeinflussen. Er sieht bei seinem Kind, wie stark die Musik wirkt. "Und da gibt es gerade extrem viel Negatives." In Workshops will er gegensteuern. Aggressive Zeilen nach dem Motto "Ich klatsch' dich so hart durch die Wand wie blablabla..." überlässt er lieber anderen. Solche Texte vertreibt er indirekt allerdings auch - indem er Hardcore-Protagonisten auf dem eigenen Deluxe-Label herausbringt, die etwa dem angeschossenen Gangsta-Rapper vor der Eskalation drohten: "Massiv hängt". Es ist eben alles nicht so einfach, wie es sich Politik und Rap-Szene manchmal gerne machen. Auch in puncto Gewalt. Bei "Hip Hop spricht" beschließt man die Frage nur äußerst kurz zu streifen. Der einzig wirkliche Kommentar wird aus dem Publikum auf die Bühne gebrüllt: Schlägereien habe es auf Hip-Hop-Jams schon immer gegeben. Lange vor den Gewalt-Texten. Aha?!

Aus den eng besetzten Zuschauerreihen kommt gegen Ende auch ein aggressiv-anprangernder Einwurf. Ein junger Mann im Ringel-Pullover vermisst die gesellschaftskritischen Zwischentöne im Rap, wie sie von der Formation "Freundeskreis" mit Stücken über ferne Diktaturen Ende der Neunziger aufgenommen wurden. Stattdessen gehe es nur noch um Herumgeficke und Penislängen. Wenn er die Texte seinen iranischen Freunden übersetze, die mit den Mitteln des Sprechgesangs gegen politische Unterdrückung rebellieren, würden die sich an den Kopf fassen. Über Penislängen rappen zu können, entgegnet Azad da, sei doch ein Zeichen von Freiheit, etwas Gutes. "Wenn die Iraner frei sind, werden sie vielleicht auch über ihre Penislänge rappen." Darin sind sich dann eigentlich auch alle einig: "Lieber ein guter Rap übers Ficken, als ein schlechter politischer Rap." Es bleibe eben eine Frage des Wie, ob ein Stück gut sei oder nicht, bemerkt Dendemann. Nah heran ans Authentische muss der Künstler seiner Meinung nach. Egal, ob es um einen Kindergarten des Deutschen Roten Kreuzes oder um das harte Leben im Block gehe.

Das wiederum scheinen auch die Fans so zu sehen. Bei Azad schließlich, der seit geraumer Zeit im Frankfurter Untergrund rappt, haben sie im vergangenen Jahr für erstaunliche Plattenverkäufe gesorgt. Der ähnlich schwer tätowierte Massiv dagegen, den Sony BMG ohne entsprechend langjährige Rap-Erfahrung zum neuen Gangsta-Star machen wollte, ist mit seinem Album nur in untere Charts-Plätze eingestiegen und nach drei Wochen schon wieder daraus verschwunden. Zumindest in dieser Hinsicht nehmen fast alle Diskussionsteilnehmer ihre Vorbildfunktion wahr und mahnen die Jugend: Bloß nicht die Ausbildung hinschmeißen, weil man ein paar Gangster-Geschichten erlebt hat und nun denkt, es reiche plötzlich zum Rap-Star.

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