"Live 8" Das achte Weltwunder?


Der größte Moment des Live-8-Konzerts im Londoner Hyde Park kam nicht, als Paul McCartney, Robbie Williams oder Mariah Carey auf der Bühne standen. Sondern als Birhan Woldu auftrat, eine 24 Jahre alte Studentin, die kein Wort Englisch spricht.

Augenblicke zuvor hatte der Konzertinitiator Bob Geldof eine Filmsequenz eingespielt, die vor 20 Jahren um die Welt gegangen war - ein ausgemergeltes, äthiopisches Kind im Todeskampf.

Bob Geldof präsentierte Überlebende aus Afrika

"Seht ihr diese schöne Frau?", fragte Geldof die Menge. "Vor 20 Jahren hatte sie noch zehn Minuten zu leben. Aber weil wir damals hier in dieser Stadt und in Philadelphia ein Konzert veranstaltet haben, hat sie letzte Woche ihr Landwirtschaftsexamen gemacht. Heute Abend ist sie hier, das kleine Mädchen Birhan. Lasst euch nicht erzählen, dass das, was wir hier machen, keinen Sinn hat!"

Als Geldof das sagte, waren alle Zweifel an der Neuauflage des Live-Aid-Konzerts von 1985 wie weggeblasen. Doch kaum hatten sich selbst Skeptiker ein paar Tränen aus den Augen gewischt, da beschlich manchen schon wieder ein gewisses Unbehagen: Als Madonna den Arm der jungen Äthiopierin triumphierend in die Luft hob, wirkte dies auf den Kritiker des "Independent" wie die "Siegesgeste eines Preisboxers: Es ging nicht um die Überlebende, es ging um Madonna".

Kofi Annan: "die wahren Vereinten Nationen"

Keine Frage: Als reines Popereignis betrachtet, war Live 8 die "größte Show auf Erden" (Sunday Mirror). Aber war es wirklich auch ein achtes Weltwunder, das Reich und Arm für zehn Stunden zu "den wahren Vereinten Nationen" zusammenschweißte, wie es UN- Generalsekretär Kofi Annan ausdrückte? Das die Welt dermaßen elektrisierte, dass die acht mächtigsten Männer der Welt diese Woche beim G8-Gipfel in Schottland 50 Milliarden Dollar zusätzlich an Entwicklungshilfe bereitstellen müssen, weil sie sonst den Zorn des Volkes fürchten?

Dass es den Konzertbesuchern wirklich um Afrika ging, bezweifelte nicht nur der politische Chefkorrespondent der BBC, Andrew Marr: "Wenn hier eine Trachtenkapelle aus Bayern spielen würde, wären wohl nicht so viele da." Keine Pfiffe kamen, als der Komiker Ricky Gervais während des Konzerts scherzte, die Veranstaltung werde vorzeitig abgebrochen, weil sich Bush und Blair soeben auf eine Vervierfachung der Entwicklungshilfe geeinigt hätten. Gefolgt von: "Nein, war nur ein Witz. Die Entwicklungshilfe wird nicht vervierfacht - wir können weitermachen!"

Bill Gates - noch immer kein ordentlicher Haarschnitt

Zwar schrie Madonna den Massen zu: "Seid ihr bereit, eine Revolution anzufangen?" Doch im Sinne des Wahl-Londoners Karl Marx konnte das nicht gemeint sein, denn Microsoft-Gründer Bill Gates wurde von Geldof respektvoll als "einer der großen Geschäftsleute unserer Zeit" angekündigt. Der Rekordhalter im Spenden bekam kräftig Applaus, auch wenn der Moderator Jonathan Ross anmerkte: "So viel Geld - und noch immer kann er sich keinen ordentlichen Haarschnitt leisten."

Eines wird man zugeben müssen: Die Botschaft kam rüber, Afrika steht wieder auf der Tagesordnung. Und wenn das so bleibt, schrieb am Sonntag die britische Zeitung "The Observer", "dann hat der Sound im Hyde Park schon etwas Großes bewirkt".

Christoph Driessen, DPA


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