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Bob Geldofs Ebola-Hilfe: Wie Band Aid das Horror-Image vom armen Afrika schürt

Mit der Neuauflage von "Do they know it's Christmas" will Bob Geldof mal wieder Geld für Afrika sammeln - und greift zu plumpen Klischees, die dem Kontinent mehr schaden als helfen.

Ein Kommentar von Marc Goergen

Vielleicht muss man ihnen zugute halten, dass es gut gemeint ist. Vor ein paar Tagen veröffentlichte Bob Geldof gemeinsam mit anderen Popstars wie Bono oder Chris Martin eine Wiederauflage von "Do they know it's Christmas". Der Song soll Geld für den Kampf gegen Ebola einspielen. Und tatsächlich stürmt der Titel die Charts. Was daran schlecht sein kann?

So ziemlich alles.

Schon die erste Auflage von "Do they know it’s Christmas" im Jahr 1984 zeigte, dass "gut gemeint" manchmal das Gegenteil von "gut gemacht" ist. Damals wollten Geldof & Co den Opfern der Hungersnot von Äthiopien helfen, ohne sich der Hintergründe bewusst zu sein: Tatsächlich war die Hungersnot von Äthiopien - wie übrigens fast alle solche Katastrophen - nicht allein auf Kapriolen des Wetters zurückzuführen. Sondern war zum großen Teil bewusst vom autoritären Derg-Regime herbeigeführt.

Der Hunger war eines der Mittel des Regimes, um Rebellen in die Knie zu zwingen. Die Gelder wiederum, die Band Aid einspielte, sind nach Recherchen der BBC von den Tigray-Rebellen vor allem dazu verwandt worden, Waffen zu kaufen. Schon deswegen spricht vieles dafür, dass "Do they know it’s Christmas" mehr schadete als nützte, ja, einige Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass als Konsequenz mehr Menschen starben als durch die Nahrungsmittelhilfe gerettet wurden.

Afrika als dürregeplagte Vorhölle

Dramatischer allerdings waren die langfristigen Folgen. Band Aid vermittelte das Bild eines Äthiopien, ja eines ganzen Kontinents Afrika, der vor allem eines sei: eine dürregeplagte Vorhölle, bevölkert von hungernden Kindern mit aufgeblähten Bäuchen. Es lohnt, noch mal einen Blick auf die hanebüchenen Textzeilen zu werfen: Afrika, "wo niemals etwas wachse", wo "weder Regen noch Flüsse" flössen, wo das einzige Wasser, "der bittere Stachel der Tränen" sei ("where the only water flowing is the bitter sting of tears"). Dass "es dieses Jahr", wie es weiter hieß, "keinen Schnee zur Weihnachtszeit in Afrika gibt", war dazu auch noch geografisch gesehen vollkommener Quatsch, schließlich trug und trägt schon der Kilimandscharo das ganze Jahr über eine solide Kappe aus Eis und Schnee.

Äthiopien kämpft bis heute mit diesem Horror-Image. Bei allen Problemen, die es dort in Sachen Menschenrechtsverletzungen oder Pressefreiheit gibt: Das Land ist eine aufstrebende Wirtschaftsnation. Sein touristisches Potential, allein schon durch die fast 1000 Jahre alten Fels-Kirchen von Lalibela, ist enorm. Doch noch immer ist da diese Image als Blähbauchland - wenn nicht geschaffen, dann aber auf jeden Fall zementiert durch Band Aid. Und noch immer halten diese Klischees wichtige ausländische Investitionen ab. Auch in anderen Ländern Afrikas.

Die Wiederauflage "Do they know it’s Christmas" mit leicht verändertem Text ist keinen Deut besser. Blick in die Lyrics? Wo "ein Kuss der Liebe töten kann". Wo "Tod in jeder Träne" sei. Dann wird’s, wie schon bei der ersten Auflage, ganz düster: "Die Weihnachtsglocken, die läuten, das sind die dröhnenden Glocken/Klänge des Unheils" ("And the Christmas bells that ring there are the clanging chimes of doom").

Direkt spenden bringt mehr

Natürlich ist Ebola eine schreckliche Katastrophe, die mittlerweile mindestens 5000 Menschen das Leben kostete. Und natürlich muss die Welt, muss Deutschland, müssen wir, den Ländern helfen. Aber tun wir das wirklich, indem wir erneut eine ganze Region als verwüstete Todeszone darstellen, die nur von weißen Helfern und Popstars wieder aufgerichtet werden kann? Indem wir vollkommen unterschlagen, dass der Hauptteil des Kampfes gegen Ebola von einheimischen Helfern geschultert wird?

Schon jetzt ist abzusehen, dass die Image-Folgen, die Ebola für Westafrika mit sich bringt, dramatischer sein dürften als die direkten Folgen der Krankheit selbst. Schlimmer noch: Auch andere Regionen des Kontinents beginnen schon darunter zu leiden, touristisch sensible Länder wie Kenia oder Südafrika etwa - obwohl die Tausende Kilometer von Epidemiezentren entfernt liegen. Und obwohl dort, im Gegensatz etwa zu Spanien oder den USA, noch kein einziger Ebola-Fall registiert wurde.

Zugegeben: Die Balance zu finden zwischen notwendiger Warnung und stereotypisierender Hysterie, das ist manchmal nicht ganz leicht. Aber Band Aid 30 verfehlt diese Balance komplett.

Wer helfen will, der sollte sein Geld direkt renommierten Organisationen geben wie etwa "Ärzte ohne Grenzen". Die leisten nicht erst seit seit Monaten dort wichtige und gute Arbeit. Und sie sind bemüht, die eigenen Verwaltungskosten niedrig zu halten und bei all der Dramatik, die der Seuche inne wohnt, nicht in negative Stereotype zu verfallen. Wohin dagegen die Einnahmen von "Band Aid 30" gehen sollen, das, so scheint es zumindest, ist noch gar nicht wirklich festgelegt.

PS: Ach ja, "Do they know it’s Christmas?" Davon ist auszugehen. In Liberia bekennen sich 87 Prozent der Menschen zur christlichen Religion. Und auch wenn die Mehrzahl der Bewohner in Sierra Leone und Guinea Muslime sind (54 Prozent bzw. 89 Prozent) - in beiden Ländern ist Weihnachten ein öffentlicher Feiertag.