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"Progress": Take That: Back ... for good

Sind das die Pet Shop Boys? Singt da etwa David Bowie mit? Wer sich das neue Album von Take That anhört, traut seinen Ohren nicht. Robbie, Gary und Co. sind erwachsen geworden. Das Ergebnis: eine atemberaubende Dance-Platte, die auf Anhieb die Spitze der Charts erklommen hat.

Von Klaus Bellstedt

Es war ein trauriger Tag, dieser 13. Februar 1996. Die erfolgreichste Boyband aller Zeiten gab damals ihre Trennung bekannt. Und das auch noch am 22. Geburtstag von Robbie Williams. Von einem Tag auf den nächsten existierte Take That plötzlich nicht mehr. Schluss, aus, vorbei. Für die Fans unvorstellbar. Einer gesamten Teenager-Generation gingen damals die Rotztücher aus. Fast 15 lange Jahre musste die Anhängerschaft auf die vollständige Wiedervereinigung von Robbie Williams, Gary Barlow, Mark Owen, Howard Donald und Jason Orange warten. Was soll man sagen? Das Warten hat sich gelohnt.

"Progress", so heißt das Comeback-Album von Take That, klingt gar nicht nach Take That. Das ist die eigentliche Überraschung. Die Jungs sind erwachsen geworden. Sie klingen jetzt wie reife Anfangsvierziger. Und: Sie haben gelernt, Kompromisse einzugehen. Das trifft in erster Linie auf die beiden Bandleader Robbie Williams und Gary Barlow zu, die sich auch mal zurückhalten. Das macht das Album an manchen Stellen zwar etwas uneben, aber genau deshalb zu einer extrem lässigen Scheibe. Mark Owen in "SOS", Howard Donald in "Kids", ja sogar der Bursche ohne Stimme, Jason Orange, im Hidden Track "Flower Bed", sie alle haben quasi Solo-Songs auf dem Album. Und auch auf den restlichen sieben Tracks konzentrieren sich die drei bei weitem nicht nur auf den Background-Gesang.

Es ist die experimentelle Herangehensweise der einstigen Boyband, die das Album so hörenswert macht. Synthies geben den Ton an, der Beat kommt meistens nicht vom Schlagzeug, sondern aus dem Drumcomputer. Von Williams kennt man das - große Teile seines vorletzten Albums "Rudebox" sind so entstanden. Für den wuchtigen Eighties-Elektro-Sound zeichnet in erster Linie der neue Take-That-Produzent Stuart Price verantwortlich, der zuletzt Madonna wieder auf Touren bringen konnte.

"They said, we'd never dance again"

"Progress" ist eine Dance-Platte, die man irgendwo zwischen poppigen Scissor Sisters, Anklängen von David Bowie und den Pet Shop Boys sowie melodischem Rock à la The Killers ansiedeln kann. Daran ist wirklich nichts Schlechtes zu finden. Und doch schließt sich eine Frage an: Müssen sich die alten Take-That-Romantiker und Robbie-Fans vor "Progress" fürchten? Keine Sorge! Take That im Jahr 2010: Da ist vieles neu, aber (zum Glück) nicht alles.

Natürlich gibt es auf dem neuen Album neben den ganzen druckvollen Tanzrhythmen auch blumigen Teenie-Pop mit einem Hauch von Kitsch - wie die Barlow-Nummer "Eight Letters", eine rührselige Ballade im Stile von "Back for good" mit einer entwaffnend eingängigen Melodie. Robbie Williams’ zynisch angehauchte Abgeklärtheit scheint vor allem in den Texten durch. Und trotz aller Zurückhaltung ist "Progress" beim Gesang irgendwie doch eine Robbie-Show - womit eine weitere Sache geklärt wäre. Der verlorene Take-That-Sohn und geniale Egozentriker aus Stoke-on-Trent hat sich wieder ins Bandgefüge eingepasst, als wäre es nie anders gewesen, als sei es anders gar nicht vorstellbar. "They said, we'd never dance again", singt der wunderbare Williams im ersten Song "The Flood" des ersten Take-That-Albums in Komplettbesetzung seit 15 Jahren. Und wie sie tanzen! "Progress" ist eine Erfüllung. Ein Sieg. Take That haben nie besser geklungen, als auf ihrem neuen Album.