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"The Long Blondes": Der Glampunk tanzt

Sie kommen aus Sheffield, kreuzen coolen Punkrock mit elegischen Discosounds und sind ausgesprochen dunkelhaarig: The Long Blondes. Frontfrau Kate Jackson betört mit schlauen Texten, Retro-Mode und der dunkelsten Frauenstimme des Pop.

Von Annette Stiekele

Es ist schon seltsam mit Bandnamen. Die Mitglieder der Sheffielder Band The Long Blondes zum Beispiel sind alle ausgesprochen dunkelhaarig. Den Namen haben sie von einem Girl-Group-Song der 60er-Jahre entlehnt, weil sie ihn einfach cool fanden. Auch ihre Musik hat eine Menge mit Girl Power zu tun. Allerdings solcher vom Kaliber einer Debbie Harry.

Vor zwei Jahren waren die Long Blondes das nächste große Ding in England. Dabei unterschieden sie sich von Anfang an von den grassierenden "The"-Bands, die alle irgendwie Punkrock fabrizierten. Bei ihren Konzerten standen sehr junge Mädchen in der ersten Reihe und starrten Sängerin Kate Jackson an, die im engen Bleistiftrock vor dem Mikro tanzte und mit ihrer dunklen Stimme "You're Only 19, For God's Sake You Don't Need A Boyfriend", sang. Und die Mädchen hingen an ihren Lippen, und sogen jede Song gewordene Lebensweisheit der heute 28-Jährigen in sich auf.

Über ihre energetischen Clubkonzerte traten die Long Blondes ihren Siegeszug an. Schon bald landete Kate Jackson auf der Cool-Liste des New Musical Express, der "Guardian" diskutierte ihren eigenwilligen Vintage-Look und darüber ob es in Ordnung sei, wenn man wie sie bereit sei, maximal zehn Pfund für ein Kleidungsstück zu investieren. Das Debütalbum "Someone To Drive You Home" produzierte Ex-Pulp-Bassist Steve Mackey für das traditionsreiche "Rough Trade"-Label, Sängerin Jackson selbst gestaltete das Artwork.

Artrockband auf den Spuren von Roxy Music

Das ist zwei Jahre her. Und The Long Blondes haben mit "Couples" das berüchtigte zweite Album fertig. Songschreiber und Gitarrist Dorian Cox sitzt neben Kate Jackson auf dem Sofa. Sie trägt jetzt Page. Ihre Fingernägel leuchten in apartem Türkis und ihr Pullover ist von Glitzerfäden durchzogen. "Wir haben immer nur bis zum nächsten Gig geplant. Der ganze Hype hat uns total überrascht", kokettiert Jackson mit ihrer tiefen Margot-Werner-Stimme. "Inzwischen haben wir wie andere Artrockbands unsere Instrumente richtig gelernt."

Artrock ist die Schublade, in die sich die Long Blondes gerne selbst einordnen. Sie passt, wenn auch nur bedingt. Gerne umgibt sich die Band mit dem Glamour aus den Tagen von David Bowie, Roxy Music oder Brian Eno. Und er steht ihnen. Gut und glamourös auf der Bühne auszusehen sei zwar wichtig, so Jackson, aber die Band verwende viel weniger Zeit darauf als andere. Entscheidend seien Inhalte.

Brian Eno hat vor allem musikalisch deutliche Spuren auf dem aktuellen Album hinterlassen. "Couples" ist elektronischer als das Debüt. Die Songstrukturen sind eingängiger, oftmals in Slow Motion. Der schnelle Punkrock taucht nur noch am Rande auf. "Wir wollen all jenen, die sagen, wir seien bloß eine Mode, zeigen, dass wir uns weiter entwickeln", betont Jackson. "Wir hatten diesmal alle Lust auf eine Stimmung aus 70er-Jahre-Disco, Alice Springs, Melting Pot", erklärt Dorian Cox, der für die meisten Songs die Ursprungsidee liefert, "Wir sind gerade besessen davon."

"Couples" ist ein Konzeptalbum. Alle Songs drehen sich um Beziehungen. Bei den Aufnahmen pinnten die Mitglieder Fotos berühmter Duette aus der Musikgeschichte an die Studiowand: The Two Ronnies, Gilbert and George, Basil und Sybil Fawltry und viele andere.

Ein Songschreiber mit Hang zu feministischen Texten

Als Vertreter einer jungen, hippen Rockkapelle wirken Jackson und Cox ausgesprochen nachdenklich, besonnen und erwachsen. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass sie wie alle Bandmitglieder einen Universitätsabschluss haben. Dorian Cox ist Medienwissenschaftler, Kate Jackson hat Englisch und Geschichte studiert, aber ihre Leidenschaft ist die Musik. Und das gilt auch für Bassistin Reenie Delaney, Gitarristin Emma Chaplin und Drummer Screech.

Etliche der oft feministisch angehauchten Texte stammen dabei ausgerechnet von Dorian Cox. "Ich spiele auf der Bühne oft eine Rolle", sagt Kate Jackson und streift Cox mit einem koketten Blick, "Ich weiß nicht, wie er es schafft, sich so gut in weibliches Denken hineinzuversetzen". Schon auf dem Debüt gehörte ein gewisses Gender-Gemisch zum Sog der Songs. "She Will Never Take You Higher Than Her Attic Room", sang Kate Jackson in "Giddy Stratospheres". In den neuen Liedern dominieren raffinierte Songstrukturen, wie im süffisant-poppigen "Too Clever By Half".

"Die größte Lüge des Rock'n'Roll"

Neben hedonistischer Tanzmusik geht es auch um die Bruchstellen der Gesellschaft. "Ich liebe Geschichts-Sendungen im Fernsehen", bekennt Jackson, "am liebsten solche über den Kalten Krieg oder die Weltraummission. Wir schreiben keine politischen Lieder, aber natürlich singen wir davon, wie es ist, im 21. Jahrhundert zu leben." Von einer Spaßgesellschaft sind die Inhalte daher oft weit entfernt. "I Like The Boys" handelt von älteren Frauen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. In "Nostalgia" urteilt Jackson karg über eine abgeschlossene Beziehung "That Was Then, And This Is Now... That's All In The Past".

Überall ist eine fast rührende Ernsthaftigkeit spürbar, die in der Branche Raritätenwert besitzt. Die Long Blondes legen großen Wert auf die Auswahl ihrer B-Seiten und auf die Gestaltung ihrer Album-Cover. Sie wissen, dass sich unter ihren Fans neben den jungen Mädchen auch 50-jährige Vinyl-Sammler und Altpunks befinden. "Wir sind fünf gleichberechtigte Leute. Wenn einer fehlt, klingt alles komplett anders", resümiert Gitarrist Cox. Neben dem Ernst ist die Disziplin vielleicht das zweite Erfolgsgeheimnis der Long Blondes. Dazu Cox. "Wenn man betrunken ist, schreibt man einfach keine genialen Songs. Das ist die größte Lüge des Rock'n'Roll".