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40 Jahre Rolling Stones: "Fast schon eine Machtergreifung"

Am 12. Juli 1962 begann im Londoner Marquee Club die Geschichte der Rolling Stones. Hier schildern acht Deutsche - Fans und Weggenossen - ihr ganz persönliches Verhältnis zu Mick und Co.

Auch zu »Satisfaction« getanzt und bei »Sympathy For The Devil« das Hu-hu-hu mitgesungen? Jeder hat irgendwie eine Beziehung zur größten Rock-Band der Welt. Vor 40 Jahren, am 12. Juli 1962, begann im Londoner Marquee Club die Geschichte der Rolling Stones, die auch eine von Rebellion, Sex und Befreiung ist. Hier schildern acht Deutsche - Fans und Weggenossen - ihr ganz persönliches Verhältnis zu Mick und Co.

Nena

Für Nena fing alles mit »Angie« an. Das war die erste Single, die sie sich 1973, mit 13, selbst kaufte - und sie liebte »dieses Fernweh in der Musik«, Mick Jagger wurde ihr »Traummann«. Ihre »99 Luftballons« flogen 1983 weltweit an die Spitze der Charts, doch als sie Jagger für eine Teenie-Zeitschrift interviewen sollte, »hab ich gekniffen vor Angst«. Als sie ihm dann 1990 vor einem Stones-Auftritt vorgestellt wurde, wich ihr Schreck - »ich war ja auch Fan!« - schnell Ernüchterung: »Er hat mich kurz abgecheckt, und das war eher kühl.« Ron Wood hingegen war »supernett« und unterhielt sich mit ihr über Kinder. Trotz Jaggers Reserviertheit ist der Stones-Chef für sie noch immer »der Frauentyp schlechthin - er hat es einfach. Eine absolut kraftvolle Ausstrahlung. Man muss sich auch mit 58 nicht so verhalten, wie das alle gern hätten. Nee, der soll man schön weiterzappeln.«

Heino

Gleich am Eingang des Cafés von Heino in Bad Münstereifel hängt ein Foto, das den Volksmusiker mit Mick Jagger zeigt. Geknipst hat es Heinos Frau Hannelore 1993 in Venedig, auf einer Party von Hetty von Bohlen und Halbach Prinzessin Auersperg, ihrer Ex-Schwägerin, die wiederum verwandt ist mit Prinz Rupert zu Löwenstein, dem Finanzberater der Stones. »Mick war sehr ruhig, schweigsam und wusste erstaunlicherweise, wer ich bin.« Sechs Jahre später trafen sich die beiden vor einem Stones-Konzert im Müngersdorfer Stadion wieder. Jagger unterhielt sich mit Heino und geleitete ihn dann zur Ehrentribüne - was von den Fans natürlich bemerkt wurde. »Das war toll. Ich gehe zu einem Konzert von Mick Jagger - und zigtausend Leute sehen mich und rufen Heino!«

Uschi Obermaier

Für Uschi Obermaier wurden Teenie-Träume wahr, als Jagger und Richards gleichzeitig um ihre Gunst buhlten. Das Sex-Symbol der 68er wollte Anfang der 70er die Stones für ein Pop-Festival engagieren - »da hat mein Aussehen sicher geholfen«, denn Mick hatte immer Augen für schöne Mädels. Aus dem deutschen Woodstock wurde zwar nichts - »Gott sei Dank, keiner von uns hatte Ahnung, wie man so was organisiert« -, doch mit Mick traf sie sich weiterhin. Sie hielt ihn für einen »Hundling«, der anderen nachstellte, kaum dass er um die Ecke war. In Keith aber verliebte sie sich. Eine langfristige Beziehung wurde nicht daraus, der Kontakt riss aber auch nie ab. Für die »Bridges to Babylon«-Tour 1997/98 entwarf die bei Los Angeles lebende Designerin den Bühnenschmuck. Jetzt freut sie sich auf die nächste Tour: »Auf ihren Konzerten wird einem wirklich was geboten fürs Geld.«

Joschka Fischer

Beatles oder Stones? Joschka Fischer hat sich entschieden, seit ihm 1965 »Satisfaction« aus einer Jukebox entgegendröhnte. »Die Stones waren die Wilderen, da war mehr Rebellion in der Musik.« Pop wurde damals von der Kriegsgeneration »mit braunem Unterton auch als Negermusik bezeichnet«, erinnert sich der Außenminister. »Haare, die so lang waren wie jetzt meine, waren schon Anlass zur Zurechtweisung in der Schule. «Schrill» hieß damals, dass die Schuhe nicht geputzt waren. Und selbst wenn die Musik völlig apolitisch war, war sie in sich so konfliktträchtig, dass daraus Politik entstand.« Heute hört Fischer lieber Klassik und US-Rock'n'Roll. Oder der bekennende Sex-Pistols-Fan zappt noch spät nachts durch die Musikkanäle. Will er die Stones mal live sehen? »Nee - früher konnte ich es mir nicht leisten. Und nun sind wir alle zu alt geworden.«

Karel Gott

1969 nahm Karel Gott eine deutsche Fassung des Stones-Hits »Paint It Black« auf - es war ein Versuch, rockiger zu klingen. Doch die unter dem Titel »Schwarz und Rot« von der »Goldenen Stimme aus Prag« veröffentlichte Version kam gar nicht gut an bei den Fans. Der ausgebildete Tenor galt, seit er die Titelmelodie zum Film »Doktor Schiwago« gesungen hatte, als Schmusesänger - und wurde das Image bis heute nicht los.

Zweimal hat er die Bad Boys des Rock'n'Roll live gesehen: 1967 in der Kölner Stadthalle (er war von ihrem Gesang enttäuscht) und 1990 in Prag, nach der Wende, als die Stones für die Tschechen zum »Symbol der Freiheit« wurden. »Unglaublich«, findet Karel Gott heute, was Mick Jagger geschafft hat in all den Jahren: »Der geht über die Grenzen der Popmusik hinaus und beeinflusst die Massen. Das kommt fast einer Machtergreifung gleich.« Allerdings hat er auch beobachtet, dass Kollege Jagger seit 35 Jahren von einem Monster verfolgt wird wie er von der Biene Maja, für die er einst den Titelsong zur Fernsehserie schmetterte: Erst wenn die Rolling Stones »Satisfaction« spielen, kocht das Stadion.

Sebastian Krüger

Seit der stern Anfang der neunziger Jahre seine Stones-Zeichnungen veröffentlicht hat, ist Sebastian Krüger mit dem malenden Gitarristen Ron Wood befreundet. Mick Jagger hält zwar Distanz, weil er bei dem Zeichner ja auch nicht so gut wegkommt. Aber Keith Richards - der heute nur noch Wodka mit O-Saft trinke, »weil Whiskey sein Gesicht dick macht« - nimmt ihn regelmäßig in Beschlag, wenn die Band in Deutschland ist. Dann muss Krüger mit in den »tuning room«, in dem die Band sich warm spielt - und mag anschließend kaum noch die Show sehen. Seinen Kumpel Ron Wood besucht Krüger manchmal zu Hause in Irland. Einziger Schwachpunkt der Männerfreundschaft: Nach jedem Treffen muss der Deutsche sich eine Woche lang ausruhen.

Fritz Rau

1962 brachten Fritz Rau und sein Partner Horst Lippmann legendäre Bluesmusiker wie Muddy Waters oder John Lee Hooker auf europäische Bühnen. Die Begeisterung war riesig, doch ständig musste Rau Typen aus der Garderobe werfen, deren lange Haare auf den gelernten Juristen Rau furchterregend wirkten. Einer von ihnen war Mick Jagger. Blues bedeutete den Stones damals alles, daher nahm Jagger den Rauswurf nicht übel. Acht Jahre später durfte Rau eine Deutschland-Tournee für die Band organisieren. Und 1973 ließ Jagger die Parole »Rock'n'Rau forever« in einen Silberteller gravieren. Seitdem gehört Rau zum Clan. Jagger ruft jedes Jahr an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren; für Keith Richards? Sohn war er der Ersatz-Opa. Und immer wieder gern erzählt Rau, wie sich der Gitarrist einst von ihm verabschiedete: »Vergiss nicht, wir sind nur eine Londoner Vorort-Bluesband.«

Sportfreunde Stiller

Die Sportfreunde Stiller waren noch gar nicht geboren, als sich die Stones 1962 gründeten. Als ihr Drummer Flo Weber eingeschult wurde, hatte er eine Stones-Zunge auf dem Ranzen kleben, aber keine Ahnung, was es damit auf sich hatte. Bassist Rüde Linhoff musste den Text von »Sympathy For The Devil« im Religionsunterricht analysieren. Und Sänger Peter Brugger war geradezu eifersüchtig, als er aus »Bravo« erfuhr, dass Bill Wyman eine Affäre mit der viel jüngeren Mandy Smith hatte, in die er selbst verknallt war. Einmal im Vorprogramm der Stones zu spielen - das wäre für die deutschen Aufsteiger des Jahres »das Größte«. Vorläufig bleibt's beim Nachahmen: Flo Weber steckte sich mal drei Tennisbälle quer in den Mund wie auf einem der Fotos auf dem legendären Doppelalbum »Exile On Main Street« - und bekam prompt keine Luft mehr. Jaggers Posen aber - mit Zunge! - beherrscht er perfekt.