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50 Jahre Stax-Records: Die Wiederauferstehung der Soul Music

Das legendäre Stax-Label aus Memphis, Tennessee feiert den 50. Geburtstag mit einer Wiederauferstehung. Gut 30 Jahre nach dem Bankrott erstrahlt die Schmiede für erdigen Soul in neuem Glanz. Ihr Retter ist einer der größten heutigen Popstars: Justin Timberlake.

Von Thomas Soltau

Der einstige Sänger der Boygroup N'Sync erlöst die Plattenfirma Stax, die in den 60ern und frühen 70ern ein Garant für Soul-Hits war, durch den Kauf im Dezember 2006 aus einem langen Dornröschenschlaf. Memphis scheint besondere klimatische Voraussetzungen für die Karriere von Musikern zu besitzen. Ray Charles und Sam Cooke, Johnny Cash und Elvis Presley beginnen ihre Karriere auf der berühmten Clubmeile Beale Street. Aretha Franklin erblickt in Memphis das Licht der Welt, genau so wie Justin Timberlake. Durch den Kauf des Labels verfügt der Popstar über einen Katalog an legendären Hits von Otis Redding, Isaac Hayes oder Sam & Dave.

Doch Justin Timberlake betätigt sich nicht nur als Nachlassverwalter. Neben Wiederveröffentlichungen von Klassikern wird es auf Stax auch neues Material geben - vermutlich im Spätsommer bringt der von einem Schlaganfall genesene Isaac Hayes ("Shaft") sein Album heraus. Warum tut sich der 64-Jährige diesen Stress an? Schließlich könnte er sein Image als Ikone des Souls ramponieren. Erste Schrammen holte sich Issac Hayes schon als er bei der TV-Serie "Southpark" ausstieg, weil die Scientology-Sekte, deren Mitglied er ist, in einer Folge verarscht wurde. "Ich bin sehr stolz, dass Stax ein zweites Leben bekommt. Als Teil der Geschichte möchte ich aber keine Museumsfigur sein, sondern mich aktiv am Aufbau beteiligen. Soul ist mein Lebenselixier - ich kann einfach nicht anders", sagt Hayes über sein Engagement.

Stax gegen Motown

Als Jim Stewart und seine Schwester Estelle Axton 1961 ihr Label Satellite Records in Stax umtaufen, dachte noch niemand an Issac Hayes. Mit dem Namenswechsel folgt auch die Abkehr von Country & Western hin zum Rhythm & Blues. Als Gegenpol zum aalglatten Pop des großen Rivalen Motown Records aus Detroit entwickelt sich mit dem Memphis Soul eine Variante, die nicht nur auf die weiße Hörerschaft abzielt. Während die von Afro-Amerikanern geführten Motown Records mit aufgemotzten Lametta-Soul der Supremes die Charts stürmen, setzt sich bei den von Weißen geführten Stax Records die abgespeckte Variante durch: erdig, schwül und voller Feuer. Mit diesem Erfolgsgeheimnis und multikulturellen Bands etabliert sich Stax vor allem bei den schwarzen US-Amerikanern. Deren Helden heißen bald Rufus und Carla Thomas, Booker T. & the MGs oder Sam & Dave. Die Jugend tanzt nach Klassikern wie "Green Onions" und "Soul Man".

Einer der größten kommerziellen Erfolge fürs junge Label kommt jedoch durch einen Jungen, der als Chauffeur eher zufällig im Stax-Studio landet: Otis Redding. Sein Song "Sittin' On the Dock of the Bay" avanciert kurz nach Reddings Tod 1967 zum Welthit und verschafft Stax eine kurze Hoffnung im Rennen mit dem ewigen Rivalen Motown.

Große Familie mit einem Ziel

Erst mit Soul-Bariton Isaac Hayes, der zuvor Sam & Dave produziert und in der Stax-Hausband gespielt hatte, gelingt ihnen der absolute Durchbruch. Sein Debüt-Album "Hot Butttered Soul" erreicht 1969 dreifach Platin und ist der Anfang einer neuen orchestralen Ära im Soul. "Es ist komisch, aber mich hat dieser enorme Erfolg niemals interessiert. Wichtig war nur, dass dieses Album ein Spiegel meiner Arbeit ist - ungefiltert durch irgendwelche Kontrollen von Produzenten", sagt Hayes. Die Strahlkraft von Stax bis in die heutige Zeit erklärt der Soulsänger so: "Die ungeheure Energie der Songs kam durch die Zusammenarbeit von schwarzen und weißen Musikern. Das Stax-Studio in Memphis war einer der wenigen Orte, an denen wir als große Familie ein Ziel verfolgten - den besten Soul in die Welt raus zu blasen." Ein weiterer Höhepunkt markiert das Jahr 1972 - das Label organisiert ein Konzert, das als "schwarzes Woodstock" in die Geschichte eingeht: 100.000 überwiegend afroamerikanische Jugendliche pilgern zu "WattStax" nach Watts, einem Ort, der vor allem wegen schwerer Rassenunruhen bekannt war.

Pilgerort "WattStax"

Nur drei Jahre später gehen bei Stax die Lichter aus. Das Label, das insgesamt rund 300 Langspielplatten und 800 Singles mit Soul-Perlen veröffentlichte, muss Ende 1975 nach gerichtlichen Auseinandersetzungen Konkurs anmelden. Schuld daran ist auch eine wirre Verkaufspolitik, die in der Veröffentlichung von über 20 Singles und Alben an nur einem Tag gipfelte. Die einst zum Studio umgebaute Kinohalle verfällt - heute ist sie ein "Stax Museum". Doch das Label und die sozial-liberalen Ideen der Gründer Jim Stewart und Estelle Axton leben dank Justin Timberlake weiter. Heute bietet die Stax Music Academy armen Kindern kostenlosen Musikunterricht an.

Auftritt der Legenden in Memphis

Beim "Seven Days of Soul"-Festival in Memphis gab es vergangenes Wochenende ein Wiedersehen mit den lebenden Legenden des Soul: Isaac Hayes, der 1971 für den Kultfilm "Shaft" als erster schwarzer Musiker den Oscar für einen Filmsong erhielt, enterte nochmals mit seinen Kollegen William Bell, Eddie Floyd und der Gruppe Booker T. & the MG's die Bühne. Isaac Hayes war voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit den alten Freunden."Wir waren wie eine Familie - wir haben zusammen gearbeitet und unsere Freizeit gemeinsam verbracht. Deshalb ist der Auftritt mit den alten Weggefährten etwas ganz Besonderes."