HOME

Bayreuth: Im Campingbus zu den Wagner-Festspielen

Seit 14 Jahren besucht ein Wiener Ehepaar im Wohnbus die Bayreuther Festspiele am "Grünen Hügel" - ihr Stammplatz liegt 200 Meter vom Festspielhaus entfernt, gleich hinter dem Besucherparkplatz.

Zwei gestreifte Klappstühle, ein Gartentisch, ein weißer Kleinbus mit angebauter Markise und Blümchen, die aus dem Seitenfenster schauen: Wieder sind sie sind am "Grünen Hügel" in Bayreuth angekommen. Seit 14 Jahren haben sie ihren Stammplatz, 200 Meter vom Festspielhaus entfernt, gleich hinter dem Besucherparkplatz.

Wagner wohnt im Herzen

Seit Eduard Herches pensioniert ist, erfüllt der 73-Jährige seiner Frau jedes Jahr den großen Wunsch nach Wagners Musik. Aus Wien reisen sie an, parken ihren kleinen Wohnbus im Dunstkreis des mächtigen Opernhauses und warten auf Wagner. Immer hat es geklappt mit Karten. Kein Sommer in Bayreuth, in dem Ernestine Herches nicht auf den harten Sitzen des Festspielhauses gesessen ist, Wagner gelauscht hat, der ihr so unendlich viel bedeutet.

Hoffen auf Restkarten

"Als ich noch jünger war, konnten wir erst wieder fahren, wenn ich alle Opern einmal gesehen hatte", schwärmt die 83-Jährige. "Heute ist es mir fast zu anstrengend, aber noch lohnt es sich, die Nächte im Bus auf sich zu nehmen." Im Laufe der Jahre weiß Ernestine Herches, wie es funktioniert: Geduld ist das Zauberwort. Jeden Tag läuft sie das kleine Stück hinab von ihrem weißen, unauffälligen Wohnbus mit dem Klapptisch davor zum Kartenkiosk. Zusammen mit anderen Wagnerianern wartet sie auf Restkarten. Anfangs ist sie früh morgens um fünf Uhr aufgestanden. "Heute reicht es, gegen Mittag hinunterzugehen. Dann stelle ich mich in die Reihe, warte und hoffe."

Wagner-Fan seit Grundschulzeiten

Ein Lehrer an ihrer Schule legte den Grundstein für ihre lebenslange Passion. "Er hat fast nur in Zitaten gesprochen, hat uns Wagners Welt erklärt und wir haben uns begeistern lassen." Seitdem ist alles für sie wichtig, was mit Wagner zusammenhängt. Mit zunehmendem Alter kam auch immer mehr Verständnis: "Heute kann ich Wagners Lebensbild besser nachvollziehen."

Alles "Wagnerische" schon bereist

Ernestine Herches wird nicht müde nach Bayreuth zu kommen. Wagners Musik, so gesteht die Wienerin, sei alles für sie. Sie spende ihr Trost, beruhige sie und sei deshalb "eindeutig eine innere Sache". Fast alle Orte, die mit Wagner in Verbindung stehen, habe sie mit ihrem Mann zusammen schon besucht: Zürich, Luzern, Venedig und viele andere. Dieses Jahr wollten sie nach Sizilien, aber die Hitze ließ sie aufgeben und sie drehten um. Wieder kam das Ehepaar nach Bayreuth.

Jeder hat sein Hobby

Dabei ist ihr Mann gar nicht so wagnerbegeistert. Eduard Herches sammelt leidenschaftlich Pilze und glaubt sogar im Bayreuther Hofgarten eine neue Sorte des Täublings gefunden zu haben. "Ich habe meine Pilze und Ernestine hat ihren Wagner." In der Pause treffen sie sich, tauschen sich aus, seit 14 Jahren immer am selben Platz: unter dem Baum neben dem Buchlädchen. Ob sie im nächsten Sommer wiederkommen werden, ist noch unklar. "Schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste", sagt Ernestine Herches mit einer Spur Melancholie in der Stimme. Immer wieder den kleinen, weißen Wohnbus bepacken, die Strecke auf sich nehmen und um Karten anstehen. Dabei hatte sie in diesem Jahr unglaubliches Glück: "Ich habe Karten für den gesamten Ringzyklus bekommen. Das war für mich wie das Wunder von Bayreuth."

Themen in diesem Artikel